Lebensphilosophie

Glaubensserie

Bevor ich etwas unternehme und plane, verschließe ich die Augen nicht vor den Schwierigkeiten, die sich dabei auftun können

Der Philosoph Henri Bergson (1859-1941) wandte sich gegen den einseitigen Intellektualismus seiner Zeit und leitete mit seinem Denken eine neue geistige Bewegung ein, die man als Lebensphilosophie bezeichnet. Er war der Meinung, Philosophie sollte mehr sein als nur ein Denkprozess, sie sollte dem Leben nützen und ein Stück Lebenshilfe sein. Als man ihn einmal fragte, ob er glaube, ein Optimist zu sein, gab er zur Antwort: "Das kommt darauf an: Verstandesgemäß bin ich Pessimist und willensmäßig bin ich Optimist.“ Dann führte er aus, wie seine Antwort zu verstehen sei: „Nun, bevor ich etwas unternehme und plane, verschließe ich die Augen nicht vor den Schwierigkeiten, die sich dabei auftun können, das heißt, ich mache mich auf das Schlimmste gefasst. Sobald ich mich jedoch einmal zu etwas entschlossen habe, mache ich mir selbst Mut und packe die Sache mit Schwung und Begeisterung an.“ 

Die meisten Menschen verhalten sich umgekehrt: Verstandesmäßig sind die meisten Optimisten. Sie sehen alles in den schönsten Farben. Sie nähern sich den Fragen mit einem frechen, übermütigen Verstand, der sich viel zutraut, aber mit einem zimperlichen Willen und einem mimosenhaften Gemüt. Ihr Verstand ist - wie der aller Intellektueller - geschult, unbequeme Fragen so zurechtzubiegen, dass sich bequeme Antworten daraus kneten lassen, Probleme kleinzureden und Einwände wegzudisputieren, ja sich sogar mit herbeigezerrten und willfährig gemachten Argumenten zu belügen. Wenn dann die Probleme, Fragen oder Schwierigkeiten in ihrer ganzen Größe vor ihnen stehen, geraten sie in Panik. Da ihre Willenskraft untrainiert und schwach geblieben ist, fehlt ihnen das Stehvermögen und die Fähigkeit, gegen Widerstände anzugehen. Willensmüßig sind sie Pessimisten. Sie packen alles zaghaft an, ohne Überzeugung, ohne Selbstvertrauen und wundern sich, dass ihnen nichts gelingt. 

Ein skeptischer und pessimistischer Verstand, der die Probleme nüchtern sieht, ist hilfreicher als Euphorie. Sich auf Pannen eingestellt zu haben, die ausbleiben, wäre nicht schlimm, aber mit Schwierigkeiten, die doch kommen, nicht zu rechnen, wäre ein Versäumnis. Natürlich brauchen wir das positive Denken, das nicht der Versuch sein darf, unsere nichtheile Welt zu übermalen. Aber noch mehr als das positive Denken brauchen wir das positive Wollen und das positive Fühlen: die Entschlossenheit, das Gute, Notwendige und Wichtige nicht nur zu denken, sondern durchzusetzen.


P. Walter Rupp, SJ