Denken und Tun

Glaubensserie

Die Menschen lebten stets in Widersprüchen.

Die wird man an den Fingern einer Hand abzählen können, bei denen keine Kluft zwischen ihrem Denken und ihrem Tun besteht; die so handeln wie sie reden und so sind wie sie sich geben. Die gehören gewiss zu den seltenen Exemplaren, die mit sich im Einklang leben und deren Ich nicht gespalten ist. Auch bei den vorbildlichsten Eltern kommt es zuweilen vor, dass sie ihre Kinder wegen eines Fehlers tadeln, über den sie selbst noch nicht erhaben sind. Welcher Lehrer, welcher Politiker und welcher Prediger kann von sich behaupten: er erfülle, was er von anderen verlangt? Und wer ist wirklich so tolerant, so sozial und so wenig materialistisch eingestellt, wie er sich den Anschein gibt, und vor Mikrophonen äußert? 

Nietzsche rief zur Umwertung der Werte auf. Er forderte das Recht des Stärkeren und wandte sich gegen das christliche Gebot der Nächstenliebe, das den Schwachen, der zugrunde gehen soll, am Zugrundegehen hindert. Als er jedoch krank wurde und auf Hilfe angewiesen war, stellte er diese Forderung hintan und nahm die christliche Barmherzigkeit in Anspruch. - Karl Marx setzte sich für die Armen, für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit ein und kämpfte gegen Ausbeutung und Unterdrückung. In seiner Lebensführung zeichnete er jedoch weder durch soziale Gesinnung noch durch die Bereitschaft aus, mit anderen zu teilen. - Und der als Pädagoge hoch geschätzte Rousseau, der die Jugend vor den Fehlern der Erwachsenen bewahren wollte und für hohe Ideale eintrat, brachte es fertig, seine fünf Kinder in einem Waisenhaus erziehen zu lassen. 

So war es immer: Die Menschen lebten stets in Widersprüchen. So ist es bis in unsere Zeit geblieben: Sie verhalten sich noch immer schizophren und leben meist zwei Leben: eines, das sie vorzeigen und eines, das sie aus gutem Grund verstecken. Es sind nur wenige, denen es gelang, Reden und Tun miteinander in Einklang zu bringen, und das lebten, wofür sie eingetreten sind: Zu diesen Wenigen gehören neben Jesus von Nazareth, Franz von Assisi, Sokrates und Gandhi. Nur sie verdienen es, dass man sie zu den großen Gestalten der Geschichte zählt.


P. Walter Rupp, SJ