Dramatiker

Glaubensserie

Dramatische Gestalten müssen schillernd sein.

Für den Dramatiker ist eine harmonische Familie ein Horror. Wie soll er diesen Stoff, wo sich Mann und Frau verstehen und die Kinder zudem fügsam sind, so auf eine Bühne bringen, dass die Zuschauer gespannt zusehen? Wo Eintracht herrscht, entsteht Langeweile. Tadelloses Auftreten ruft Abneigung hervor. Tugend reizt zum Widerspruch. Der Dramatiker braucht den Konflikt, den Streit, das Fehlverhalten. 

Dramatische Gestalten müssen schillernd sein. Bei ihrem Auftritt sollte man nie wissen, ob sie Versuchungen erliegen oder widerstehen. Interessant ist nicht der Priester, der keine Zweifel hat und seinen Glauben unangefochten lebt, sondern der, den Glaubenszweifel plagen. Nicht der Atheist, der gegen den Glauben argumentiert, sondern – obwohl er davon nichts hält – für ihn eintritt oder ertappt wird, wie er heimlich betet. Nicht die Frau und der Mann, die treu zu ihrem Eheversprechen stehen, sondern zwischen Treue und Untreue schwanken und geschickt oder vergeblich vertuschen, dass sie den Partner hintergehen. Das Vorhersehbare schläfert ein. Das Nicht-Erwartete weckt Interesse. Der Zuschauer möchte sehen, wie einer seine Widersprüche löst. Für die Medien sind Tugend oder Laster nur ein Stoff für die Unterhaltung.

Medien und Bühne sollen keine heile Welt und keine tugendhaften, von Fehlern freie Menschen vorgaukeln, weil es die nur selten und die heile Welt nicht gibt. Der Zuschauer will die Welt sehen wie sie ist, aber auch wie sie sein sollte.


P. Walter Rupp, SJ