Übersetzen

Glaubensserie

Ein italienisches Wortspiel lautet: traditore tradutore,

Ein italienisches Wortspiel lautet: traditore tradutore, was so viel bedeutet wie: der Übersetzer ist ein Täuscher. Er kann das, was einer ausspricht, nur ungefähr, aber nicht genau widergeben. Was man jemanden ins Ohr flüstert, kommt entstellt beim andern Ohr heraus. Als man Aristoteles ins Lateinische, Arabische und Deutsche übersetzte, kamen drei verschiedene Aristotelesse heraus. Zwei verschiedene Sprachen sind zwei verschiedene Weltansichten. Jede echte Übersetzung muss gleichsam den Gedanken erst von den fremden Worten entblößen und mit den Worten der eigenen Sprache bekleiden. Und das gelingt nur selten.

Schopenhauer meinte: Jede Übersetzung sei eine Seelenwanderung, weil in jeder Übersetzung der Geist einen neuen Leib bekommen müsse. Der Chemiker Ostwald verglich die Sprache mit einem Verkehrsmittel und meinte: so wie die Eisenbahn die Güter von Leipzig nach Dresden fahre, so transportiere die Sprache die Gedanken von einem Kopf zum anderen.

Die Köpfe sind keine Lagerhäuser, die Gedanken unverändert aufbewahren. Und die Wörter, die man den Güterwagen anvertraut, kommen am Ankunftsort nicht unbeschädigt an. 

Die Sprache ist kein toter Gegenstand, sondern ein sensibles Lebewesen. Wir müssen, damit wir uns nicht missverstehen, alles, was wir hören oder lesen, aus der Sprache, die ein anderer spricht, in die eigene Sprache übersetzen. Jeder muss, auch wenn wir die gleiche Sprache sprechen, in jedem Gespräch Dolmetscher sein und das, was ein anderer äußert, für sich verständlich machen. 

Der Übersetzer kann, wenn er nicht genau hinhört, und wenn er das Gesagte und das Gemeinte nicht auseinanderzuhalten versteht, schnell zum Betrüger werden, weil in einer anderen Sprache immer auch eine andere Weltansicht steckt. Ein Übersetzer muss daher von den Gedanken erst einmal die fremden Worte abstreifen und sie mit den Worten der eigenen Sprache bekleiden. Wenn wir uns nicht ständig in der eigenen Sprache missverstehen wollen, kommen wir nicht umhin, uns zu bemühen, dass wir bessere Dolmetscher werden. 


P. Walter Rupp, SJ