15.01.2012 | zu Lukas 6,37

Das Geschenk der Vergebung

Wie mich zwei Bücher auf die Fährte des Verzeihen-Könnens brachten

<big>Freude beim Lernen ist wichtig. Leben lernen, ein Leben lang. Vergeben lernen…</big>zoom
Freude beim Lernen ist wichtig. Leben lernen, ein Leben lang. Vergeben lernen…

Es fällt mir diesmal nicht so leicht, das Bibelwort zu schreiben, weil ich vermute, es könnte ziemlich persönlich ausfallen. Natürlich ist das aber auch der Reiz der Bibelworte, dass ich dort etwas von der viele Jahrhunderte alten Erfahrung der Bibel mit meinem eigenen Erleben in der heutigen Welt in Verbindung bringe. Inzwischen gehe ich schon ins siebte Jahr mit den Bibelworten. Wenn Sie sie ab und zu lesen, haben Sie bereits Einiges über mich erfahren. Wir kennen uns wahrscheinlich nicht persönlich, dennoch darf ich also ein gewisses Maß an Vertrautheit voraussetzen. 


Ich möchte über eine Erfahrung schreiben, die ich auf der Fahrt zu meinen Eltern gemacht habe. In den Händen meines Mitbruders hatte ich in den Tagen vor Weihnachten das Buch „Die Hütte“ von William P. Young gesehen. Da ich schon mehrfach davon gehört hatte, war ich neugierig geworden und borgte es mir aus. Die Eingangsgeschichte war erst einmal ein Schock, weil die kleine Tochter des Hauptdarstellers, der sich kurz Mack nennt, auf grausame Weise ermordet wird. Damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Die darauffolgende Begegnung Mack’s mit den drei göttlichen Personen schien mir dann anfänglich zu abgehoben und lieblich, doch je ernsthafter es um die Frage ging, wie Gott zu dem konkret erfahrenen Leid steht, umso mehr fesselte es mich wieder. 


Auf meiner Fahrt nachhause wollte ich das Buch fertig lesen. Sehr beeindruckt hat mich die Begegnung Mack’s mit der Gestalt der Weisheit in einer Höhle. Die Weisheit lädt Mack ein, sich auf den Stuhl des Richters zu setzen und zu urteilen. Weil ich durch die Anfangsgeschichte ganz schön in die Dynamik hineingezogen worden war, fühlte ich mich, wie Mack selbst, beraubt, betrogen und verletzt. Ebenso wie er empfand ich es als Zumutung, sich auf den Richterstuhl zu setzen. In mir sträubte sich alles. Doch die Weisheit sollte Recht bekommen. Mit ihrer Einladung führte sie die verborgene Dynamik vor Augen, dass Mack Gott unbewusst schon lange das Urteil gesprochen hatte, weil dieser seine kleine Tochter nicht vor dem Unheil beschützt hatte. Die Inszenierung mit dem Richterstuhl entlarvte den Menschen in seiner Anmaßung zu wissen, was und wer gut ist, was und wer böse, in der Anmaßung, sogar über Gott das Urteil zu sprechen.


„Die Hütte“ ringt mit der Frage des Leids, das in der Welt geschieht, und ob es dennoch möglich ist, an einen guten und liebenden Gott zu glauben. Jede gelesene Seite brachte mich der Überzeugung näher, dass es möglich ist. Eingeschlagen hat es bei mir aber erst wirklich, als ich las, wie das Buch überhaupt entstanden ist. Es ist nicht die schriftstellerische Leistung eines Einzelnen, der in monatelanger Arbeit alles in seinen Computer getippt hatte. Vielmehr entstand es aus dem lebendigen Austauschprozess zwischen drei Personen, die auf überraschende Weise für dieses Projekt zusammenkamen und von dem sie überzeugt waren, dass es nicht nur das ihre war. 


Ich muss gestehen, dass ich mit Magengrummeln zu den Eltern fuhr. Je mehr ich mich auf meinem spirituellen und therapeutischen Weg weiterentwickelte, umso mehr spürte ich, wie sich meine Welt von der meiner Eltern unterschied. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass meine Gedanken und Interessen für sie eher zur Verunsicherung wurden. Natürlich habe ich ihnen unausgesprochen auch Vorwürfe gemacht. Ich haderte mit dem Schicksal meines Lebens, weil ich mir vieles anders gewünscht hätte. Weil ich mir gesagt habe: Wären meine Eltern lebenszugewandter und aufgeschlossener gewesen, wäre wahrscheinlich aus mir ein anderer Mensch geworden. Auch ich setzte mich also selbstverständlich auf den Richterstuhl und wusste es besser als Gott. 


Ich hatte mir noch ein zweites Buch ausgeliehen: „Ich vergebe: Der radikale Abschied vom Opferdasein“ von Colin Tipping. Vor Jahren hatte mir meine Teamkollegin das Buch schon einmal zu lesen empfohlen, aber da war es für mich noch nicht dran. Bei der gemeinsamen Vorbereitung für einen Bibliodramatag hatte ich es jetzt noch einmal in ihren Händen entdeckt und war von dem Titel sofort angerührt. Ich las es parallel zur „Hütte“ und merkte, wie sich die beiden Bücher wunderbar ergänzten. 


Als ich noch etwa eine halbe Stunde Bahnfahrt vor mir hatte, spielte ich mit dem Leitgedanken des zweiten Buches: Alles ist vollkommen. Mit allem, was du dir vielleicht anders gewünscht hättest, mit allem Mangel und Schmerz, es ist alles vollkommen und dient der Entwicklung des aus Gott stammenden Lebens, das in dir wohnt. Deine Seele hat dich zu deinen Eltern geführt und du bist ihr Kind geworden, weil genau sie dich lehren konnten, was für dein geistiges Leben wichtig ist. 


Ich spürte großen Widerstand, mir das vorzustellen. Dann bräuchte ich meinen Eltern gar nicht mehr vorzuwerfen, was sie mir alles nicht gegeben haben, wo ich mich von ihnen nicht genug geliebt erfahren habe, wo ich wütend auf sie bin, weil sie mich nicht genügend unterstützt haben usw. Während ich so darüber nachdachte, wurde eine innere Bewegung in mir spürbar. Meine Seele - der göttliche Teil in mir - soll sich genau meine Eltern ausgesucht haben, weil sie mit ihrer Hilfe ihre Entwicklungsaufgabe am besten lösen konnte? Dann gäbe es keinen Grund für mich, noch länger mit meinem Schicksal zu hadern. Dann war es offenbar genau so, wie es war, vollkommen. Ich spürte, wie der Widerstand in mir aufweichte, wie die Vorwürfe gegen meine Eltern zu zerfließen begannen, wie auf einmal kein Urteilen mehr da war. Stattdessen empfand ich plötzlich eine Leichtigkeit und Freiheit. Als ich schließlich zuhause ankam, konnte ich meinen Eltern sehr liebevoll begegnen. 


Das war mein verspätetes Weihnachtsgeschenk. Ein großartiges Geschenk, für das ich von ganzem Herzen danken möchte. Ich bin ein Stück mehr in meinem Leben angekommen: Menschwerdung. Ich brauche jetzt nicht mehr Anderen Vorwürfe zu machen, warum es so ist, wie es ist. Ich bin ausgesöhnt mit meinem Leben und kann daraus das formen, was ich möchte.


Zwar haben sich meine Eltern durch meine Erfahrung nicht schlagartig geändert, aber ich konnte ihnen viel liebevoller begegnen und fühle mich nach wie vor frei ihnen gegenüber. Ich kann jetzt dankbar sein, für die Weise, wie ich durch sie geprägt worden bin. Ich entdecke die Schätze, die ich durch sie auf meine Lebensreise mitbekommen habe, allen voran, den Glauben. 


In der weniger bekannten Feldrede des Lukas, die die Parallelstelle zur Bergpredigt bei Matthäus ist, sagt Jesus: „Richtet nicht über andere, dann wird Gott auch nicht über euch richten! Verurteilt keinen Menschen, dann wird Gott euch auch nicht verurteilen! Wenn ihr bereit seid, anderen zu vergeben, dann wird Gott auch euch vergeben.“ (Lk 6,37) 


Ich hoffe, dass ich Ihnen jetzt nicht zu viel zugemutet habe. Auf jeden Fall kann ich Ihnen das Buch „Die Hütte“ nur empfehlen. Es könnte auch in Ihre Geschichte die Bewegung der Vergebung hineinbringen. Ich wünsche es Ihnen!

Pater Thomas Heck SVD