29.01.2012 | zu Matthäus 7,7-11
Aussagen der Bibel müssen immer rückgebunden werden an den Horizont der ganzen heiligen Schrift, sonst können sie einseitig und missverständlich bleiben.
Nachdem der Aufstieg der historisch-kritischen Exegese zum Höhepunkt kam, hat man feststellen müssen, dass diese Methode für sich allein den Reichtum des Wortes Gottes nicht heben konnte. Es ist durch ihre Hilfe eine ungeheure Vielfalt von Erkenntnissen und wissenschaftlich überprüfbaren Fakten zu Tage getreten, wodurch man Hintergründe beleuchten, Zusammenhänge entdecken, Missverständnisse korrigieren und die Entstehungsgeschichte der Bibel neu bewerten konnte. Bei alledem sind jedoch das Geheimnis und die tiefere geistige Dimension ins Hintertreffen geraten, weil sie nicht zur überprüfbaren Materie gehören. So galten manche biblische Personen, Wunder oder die Auferstehung als bloß gut erfundene literarische Formen, weil man sie historisch nicht nachweisen konnte und sie einem bestimmten Aussagezweck dienten. Teilweise ist mit der historisch-kritischen Methode derart im Mikrokosmos einzelner Worte operiert worden, dass das Leben des ganzen Patienten außer Blick geraten ist.
Glücklicherweise bringt seit einigen Jahren die so genannte „kanonische Exegese“ ein gesundes Gegengewicht. Hierbei wird jeder Text in Zusammenhang mit dem biblischen Buch sowie der ganzen Bibel gesehen und interpretiert. Martin Luther hat bereits 1519 das Prinzip geprägt: „scriptura sui ipsius interpres“ (dt.: die Schrift legt sich selbst aus). Demnach werden einzelne Textstellen in die Gesamtaussage der Schrift hineingestellt, um in einem hin- und herschwingenden Prozess zu einem tieferen Verständnis zu gelangen. Das ist auch für heute eine beachtenswerte Regel und eine lohnende Hilfe für das Verständnis der Schrift.
Ich möchte dazu ein Beispiel erzählen. Vor kurzem leitete ich ein Bibelgespräch zu dem Evangelium, in dem die Mutter Maria und die Verwandten zu Jesus kommen, um ihn nachhause zu holen, weil er ihrer Meinung nach „den Verstand verloren“ hatte. (Mk 3,20-21) Jesus antwortet auf dieses Ansinnen: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ Die Menschen anschauend, die eng um ihn sitzen und ihm zuhören, fährt er fort: „Es sind die, die Gottes Willen tun.“ (Mk 3,31-35)
Nachdem wir die Stelle mehrfach gehört hatten, gingen wir in die Stille, um uns in der Tiefe vom Wort und dem Geist in dem Wort, berühren zu lassen. Eine Teilnehmerin sprach dann beim Austausch von der Nähe zu Jesus, die die Menschen, die ganz nah um Jesus herumsitzen, physisch erfahren. Sie suchen den Kontakt mit ihm, wollen seine Augen und seine Gesten wahrnehmen, wenn er zu ihnen spricht. Nicht einmal so viel Platz blieb, dass seine Familie zu ihm hätte durchkommen können. Die Teilnehmerin sagte, dass auch sie diese Nähe zu Jesus im Gebet suche und sich mühe, diese Nähe zu pflegen.
Ein anderer Teilnehmer sprach von der Klarheit und der Entschlossenheit, mit der sich Jesus von den Erwartungen seiner Familie abgrenzt, um in Klarheit den Weg zu gehen, den er als seine Berufung erkannt hat. Dazu wählt er sich die Begleiter, die die Sehnsucht mit ihm teilen. Diese Entschiedenheit bestärke den Teilnehmer selbst darin, seinen persönlichen Weg der Nachfolge zu gehen und mehr darauf zu schauen, was er als den Willen Gottes erkenne, als auf die Erwartungen der Menschen.
Eine Teilnehmerin bewunderte Jesus, wie er sich verausgabte und unermüdlich für die Menschen da war, dass er nicht einmal mehr vernünftig zum Essen kam. Seine Familie war gekommen, um ihn in das ruhigere, gesetzte Leben auf dem Land zurückzuholen. Dort sollte er in Ruhe einer Arbeit nachgehen wie jeder vernünftige Mensch. Aber Jesus ist es wichtig, ganz für die Menschen da zu sein, selbst wenn er dabei seine eigenen Bedürfnisse hintanstellt.
Da brach es aus einer anderen Teilnehmerin heraus: Jetzt muss ich aber doch was sagen. Ich habe mich gleich in der Rolle von Maria gesehen. Sie will dafür sorgen, dass Jesus sich nicht vernachlässigt. Ich selbst fühle mich gerade überfordert von den vielen Arbeiten im Beruf und meinen verschiedenen Engagements. Ich habe heute noch kein vernünftiges Essen zu mir genommen. Ich bin immer für andere da, aber wann darf ich einmal an mich selber denken und wirklich auch für mich sorgen?
Hinter den Worten der Teilnehmerin spürte ich ihre Erschöpfung und ihre Sehnsucht danach, dass ihr jemand die Erlaubnis gab, für sich selbst zu sorgen. Ich sagte: Ja, ich glaube, dass wir mit diesem Text hier an eine Grenze kommen. Nicht jeder Text der Bibel bietet für jedes Anliegen eine passende Antwort. In unserem Text sehen wir tatsächlich einen Jesus, der sich verausgabt und seine menschlichen Bedürfnisse zurückstellt, um einem höheren Ideal zu folgen.
Stellen wir das aber in den Zusammenhang der ganzen Schrift: Im Gegensatz z.B. zum asketischen Johannes dem Täufer begegnen wir Jesus oft auf Festmählern. Dort isst und trinkt er mit den Anwesenden, erlebt Musik und Tanz, die selbstverständlich dazu gehören. Wir können davon ausgehen, dass er Freude daran hatte. (Mt 11,18-19) Jesus sorgt bei der Hochzeit von Kana dafür, dass das Fest und die Freude der Feiernden nicht zu enden brauchen, indem er Mengen von Wasser in köstlichen Wein verwandelt. (Joh 2,1-12) Jesus fordert auf, das Haar zu salben und das Gesicht zu waschen. Man soll nicht an der vernachlässigten Körperpflege erkennen, wenn einer fastet. (Mt 6,16-18) Einmal ist Jesus erschöpft und legt sich im Boot schlafen, während die Jünger gegen den Sturm anrudern. (Mk 4,35-41)
Ich muss zugeben, dass generell Jesus in den Evangelien eher als vergeistigter Mensch erscheint, den die menschlichen Bedürfnisse überraschend wenig jucken. Sicher liegt darin ein Anruf an uns, dass wir uns in der Sorge um unsere Bedürfnisse nicht verlieren.
Andererseits entspricht es aber der sorgenden Liebe Gottes zu einem jeden Menschen, dass dieser sich selbst nicht vernachlässigt, ist er doch Ebenbild Gottes. Er soll so für sich selbst sorgen, wie er sich vorstellen kann, dass der himmlische Vater für ihn sorgen möchte. Jesus fordert uns auf: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden… Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.“ (Mt 7,7-11)
Demnach könnte das Motto lauten: Für das Nötige sorgen, sich aber mit allem der Liebe Gottes anvertrauen. Schließlich sagte die Teilnehmerin, dass sie das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ nun so versteht, dass sie darin von Jesus auch den Auftrag erhält, für sich selbst zu sorgen. Dazu habe sie nur sehr lange gebraucht, meinte sie.
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