08.12.2016 | zu 1 Petrus 3,15

Die rollende Prophetin

Der Advent will uns aufrütteln aus unseren Gewohnheiten und Mustern, will uns aufmerksam machen für eine neue Wirklichkeit, die von Gottes Geist gewirkt wird. Und manchmal kommt Johannes der Täufer, der Prophet der Wüste, ganz anders daher.

Advent: Ein Tanz durchbricht die Routine. Advent: Freude leuchtet auf im Alltagsgetriebe. 
Advent: Ein Tanz durchbricht die Routine. Advent: Freude leuchtet auf im Alltagsgetriebe.

Ich machte mich auf den Weg zu unserem abendlichen Mitarbeitertreffen vom Cursillo. Gerade hatte ich mir noch einen heißen Tee gemacht und ihn in die Thermoskanne gefüllt, denn draußen war es kalt. Damit war dann aber meine U-Bahn-Verbindung, wie ich sie mir am Morgen mit der App auf dem Handy ausgewählt hatte, um wenige Minuten verpasst. Egal, dachte ich, und wenn ich ein bisschen später komme, ist es auch nicht schlimm. Ich ging aus dem Haus, bog um die Ecke und nach hundert Metern stieg ich unter die Stadt, um dort die Untergrund-Bahn zu nehmen. Ich tippte auf meinem Handy herum, um zu erfahren, wie ich denn jetzt am schnellsten an mein Ziel käme. Interessant, ich würde noch genau zur derselben Zeit ankommen, musste dafür nur einmal mehr umsteigen.

Schon rauschte auch die U-Bahn ein. Oje, wie voll sie heute war. Natürlich, die Leute kamen von ihrer Arbeit und wollten nach Hause, andere waren auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken gewesen, wie ich an diversen Papiertaschen mit prangenden Markennamen erkennen konnte. Erst etwas später wurde mir klar, dass heute ja auch ein Champions League-Spiel im Münchner Stadion war. Also Grund genug, dass man sich heute quetschen musste. Aber, Gott sei Dank, im mittleren Wagen konnte ich noch einen 50 auf 50 cm großen Stehplatz finden.

Eine Frau vor mir versuchte, sich zur Haltestange an der Decke zu strecken und verlor dabei fast den Boden unter den Füßen. Und schon fuhr die Bahn an. Da ich ja nun die spätere Verbindung genommen hatte, musste ich zweimal umsteigen. Nach ein paar Stationen stieg ich also wieder aus, zum Glück viele andere auch, denn sonst ist das ja manchmal gar nicht so leicht, wenn man mitten im Pulk steht und zur Tür will. Mengen von Menschen ergossen sich auf den Bahnsteig, so dass an ein flottes Vorankommen gar nicht zu denken war. Wie ein Molekül im Wasser musste ich mich der allgemeinen Fließgeschwindigkeit anpassen, floss um einen entgegenkommenden Kinderwagen herum und verlangsamte die Reise schließlich, wo der Gang schmäler wurde und es auf die Rolltreppen zuging.

Die es eiliger hatten, liefen auch noch auf der Rolltreppe weiter. „Links gehen, rechts stehen!“, so ist die Regel in der bayerischen Hauptstadt. Doch heute gehörte ich nicht zu den Eiligen, denn ich hatte genug Zeit zum Umsteigen. Mit Taschen und Mänteln, dicken Jacken und Schirmen ist es sowieso manchmal ein Verhaken und Drängen, wenn man auf den schmalen Förderbändern noch aneinander vorbei will. Unten angekommen ergoss sich der Menschenstrom weiter. Dort war wohl auch gerade eine U-Bahn angekommen, so dass es gleichermaßen in die Gegenrichtung strömte. Nach 100 Metern musste ich links in den Tunnel abbiegen, um in die richtige Richtung zu kommen, doch das war gar nicht so leicht. Denn ich musste gegen einen Wasserfall von Menschen anschwimmen, der es mir verwehren wollte. Irgendwann sprang ich dann durch die Lücken wie auf Steinen über einen Bach und kam doch dorthin, wo ich wollte.

Jetzt erst mal durchschnaufen! Die Anzeige informierte mich, dass ich noch vier Minuten warten musste. So suchte ich mir eine Stelle, an der es etwas ruhiger zuging. Auf einmal rollte eine junge Frau an mir vorbei. Sie saß im Rollstuhl, hatte dicke Kopfhörer auf den Ohren und sang vernehmlich vor sich hin. Sie wird vielleicht Mitte dreißig gewesen sein und stammte offensichtlich aus einem afrikanischen Land, denn sie war dunkelhäutig. Wow, dachte ich, das ist ja eine interessante Begegnung. Inmitten all der stummen Menschen, die rennen und laufen, die drängeln und schieben, da gibt es ein Zeichen von Freude und Lebendigkeit. Meine Blicke folgten ihr, bis sie hinter den hin- und herlaufenden Leuten verschwand.


Im Gewühl der Menge. Im Trieb der Herde. Im Fluss des Alltags. 
Im Gewühl der Menge. Im Trieb der Herde. Im Fluss des Alltags.

Bald darauf kam sie aber wieder zurück, manövrierte in einer Sicherheit ihr Gefährt, bald nach links, bald nach rechts, bald in einer Pirouette. Es schien mir, als tanzte sie mit ihrem Rollstuhl im Rhythmus der Musik aus dem Kopfhörer. Und das zwischen all den Menschen, die in alle Richtungen drängten. Ich hörte sie weiter singen, während ihr Gesicht eine Fröhlichkeit ausstrahlte und sie der ganzen Szene des abendlichen Berufsverkehr wie entrückt erschien. Eine U-Bahn fuhr ein, die noch nicht für mich bestimmt war. Ich konnte die Rollstuhlfahrerin wieder nicht sehen. Dann tauchte sie noch einmal auf, schob sich nach hinten und wieder nach vorne. Als die Fußgänger eingestiegen waren, hob sie in einer Schnelligkeit die kleinen Vorderräder an und schob sich mit Schwung in den Wagen hinein. Dabei bemerkte ich die farbigen und blinkenden Lichter an den Vorderrädern, so wie sie bei kleinen Kindern oft in der Schuhsohle leuchten. Die Türen gingen zu, und ich konnte noch beobachten, wie sie selbst im Wagen weiter ihren Tanz aufführte und einmal im Kreis herumfuhr. Dann entschwand der Zug im Dunkel.

Diese Frau hat mich berührt. Was ich da gerade erlebte hatte, war doch ein wirkliches Adventserlebnis. Mitten in der Wüste der Stadt, mitten in der Steppe von Arbeit und Berufsverkehr, blühte auf einmal ein Licht auf mit einem neuen Glanz. Sie war und ist eine Stimme, die ruft: Und was ist mit deiner Lebendigkeit? Worüber kannst du dich freuen? Womit kannst du die ganze Welt um dich herum vergessen und einmal nur ganz bei dir sein?

Die Begegnung ging mir nicht aus dem Kopf. Als ich schon zur Haltestelle kam, an der ich wieder umsteigen musste, wäre ich fast sitzen geblieben, so war ich in Gedanken. Zum Glück stand die U-Bahn eine Weile, so dass ich doch noch den Absprung geschafft habe. Mir kam der Gedanke: Gerne hätte ich die junge Frau im Rollstuhl gefragt: „Aus welcher Hoffnung leben Sie? Was lässt Sie so fröhlich sein?“ Bestimmt hätte sie mir eine spannende Geschichte zu erzählen gehabt.

Ich hoffe, dass auch ich manchmal eine solche Freude und Hoffnung ausstrahle wie diese junge Frau. Im 1. Petrusbrief lesen wir dazu: „Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ (1Petr 3,15)

Pater Thomas Heck SVD