07.10.2016 | zu Matthäus 28,40.45

Und wir schaffen es doch!

Angela Merkel kommt mit ihrer Politik der Willkommenskultur für Flüchtlinge zunehmend unter Druck. Warum sie dennoch richtig und wichtig ist.

So viele Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Elend - wir können ihnen helfen. 
So viele Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Elend - wir können ihnen helfen.

Die Nicht-Regierungsorganisation Amnesty International, die sich weltweit für die Beachtung der Menschenrechte einsetzt, hat dieser Tage einen Bericht über die globale Flüchtlingssituation herausgegeben. In Deutschland haben wir ja manchmal den Eindruck, das auserwählte Zielland aller Flüchtlinge zu sein. Dem Bericht zu Folge jedoch nimmt die EU weit weniger Menschen auf, die ihre Heimat verlassen, als die wenigen angrenzenden Länder, die wirtschaftlich sehr viel schwächer dastehen.

Derzeit befinden sich weltweit 21 Millionen Menschen auf der Flucht. Das ist fast so viel wie die Bewohner von Schweiz, Österreich und Slowakei zusammengenommen oder wie wenn alle Bayern und Baden-Württemberger fliehen müssten. Im Jahr 2015 sind in Deutschland hiervon nach amtlichen Angaben 890.000 Flüchtlinge angekommen, das sind gerade einmal 4,2%. Jordanien hat allein 2,7 Millionen Geflüchtete (12,9%) aufgenommen und damit dreimal so viel wie wir, obwohl nur ein Viertel unserer Landesfläche zur Verfügung steht. Die Menschenrechtler beklagen den fehlenden Willen bei den reichen Ländern - dabei wäre die Aufgabe lösbar.

Deutschland schickt sich an, dieses Jahr mit einem riesigen Handelsüberschuss wieder Exportweltmeister zu werden. Inzwischen melden sich schon internationale Organisationen, die beklagen, dass wir mit solchen Überschüssen den gesamten Welthandel durcheinander bringen und global gesehen für ein Ungleichgewicht sorgen.

Wovor haben Menschen Angst, die Flüchtlinge anschreien und diskriminieren, die sie lieber zurück in Krieg und Elend schicken wollen, als ihnen die Möglichkeit zu geben, ein neues Leben zu beginnen? Was geht ihnen verloren, wenn Geflüchtete an ihrem Ort eine äußerst bescheidene Unterkunft beziehen und damit nach oft jahrelangen Fluchtstrapazen ein bisschen Frieden und Sicherheit erfahren?

Ich bin unserer Bundeskanzlerin sehr dankbar, dass sie in der äußerst kritischen Situation unserer Weltpolitik den christlichen Geist der Willkommenskultur hochgehalten und unserer Nation mit den Worten „Wir schaffen das!“ Mut gemacht hat, die Herausforderung anzunehmen. Ich fand das visionär und prophetisch. Es gibt auch Staatenlenker, die alle Verantwortung von sich weisen, die die Grenzen zumachen und damit nur der Angst um die eigene Sicherheit und um das eigene Wohl gehorchen. Angela Merkel hat wirklich Mut bewiesen und auch gegen viel Kritik und Anfeindung Standhaftigkeit gezeigt. Damit hat sie die deutsche Bevölkerung motiviert und befähigt, ihr Bestes zu geben, und für eine gute Aufnahme und Integration so vieler Heimatverlorenen zu sorgen.

Ich kenne so viele Menschen in meinem Umkreis, die ganz selbstverständlich das Ihre dazu beitragen, ehrenamtlich oder mit Entlohnung, dass die Geflüchteten ein neues Leben beginnen können. Sie geben Sprachunterricht oder helfen bei der Arbeitsvermittlung, sie nehmen Flüchtlinge in ihre Häuser auf und begleiten sie bei allen Behördengängen, sie geben kostenlose Beratung oder stellen sich mit ihrem Know-how zur Verfügung.

Neulich sah ich auf einem Kalender einen Spruch, der mir zu denken gibt. Er stammt von Henry Ford, der den Automobilbau durch die weiterentwickelte Fließbandfertigung revolutioniert hat. Der Spruch lautet: „Egal, ob Du glaubst Du schaffst es oder Du schaffst es nicht, Du wirst immer Recht behalten.“ Sein eigener Erfolg gibt dieser ausgedrückten Überzeugung recht. Hätte Ford an seinem Erfolg gezweifelt, wäre aus seiner Gründung wohl nie der heute weltweit agierende Autokonzern geworden.


Wir dürfen die Mitmenschlichkeit nicht unter die Füße derer geraten lassen, die sich nur um das eigene Wohl und die eigene Sicherheit sorgen. 
Wir dürfen die Mitmenschlichkeit nicht unter die Füße derer geraten lassen, die sich nur um das eigene Wohl und die eigene Sicherheit sorgen.

Wenn wir das auf die Flüchtlingssituation übertragen, dann ist es hier genauso: Wir können uns von unseren Ängsten leiten lassen, um unsere Sicherheit bangen und sagen: „Wir schaffen das nicht!“. Nun denn, nach Henry Ford werden wir es dann auch wirklich nicht schaffen. Allerdings nicht, weil wir es nicht hätten schaffen können, sondern lediglich weil wir nicht unseren Zweifeln und Ängsten entgegengetreten sind und nicht auf Mitmenschlichkeit und Vertrauen gesetzt haben. Wir brauchen dringend eine Kanzlerin, die uns Mut macht und sagt: „Wir schaffen das!“, die uns mobilisiert, damit wir über uns selbst hinauswachsen und der Not so vieler Menschen abhelfen. Und wir werden es schaffen, weil wir an uns selbst geglaubt und die Würde der Hilfesuchenden genau so hoch eingeschätzt haben wie die unsere!

Jesus hat einmal gesagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Schwestern oder Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan! Und lasst es euch gesagt sein: Die Hilfe, die ihr meinen geringsten Schwestern und Brüdern verweigert habt, die habt ihr mir verweigert.“ (Mt 28,40.45) Das klingt jetzt vielleicht wie ein moralisches Druckmittel. Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht darum, dass wir aus Jesu Geist heraus denken und handeln. Was Jesus meint, ist, dass jeder Mensch, egal welcher Hautfarbe, Religion oder Nation Gottes geliebtes Geschöpf ist, das es verdient, in Würde zu leben. Wir Menschen im Wohlstand werden nicht wirklich glücklich leben können, wenn unser Reichtum so viel Armut und Krieg in anderen Ländern produziert. Wir Menschen in Deutschland werden unseren Wohlstand nicht verteidigen können, indem wir Flüchtlinge davon auszuschließen suchen. Wer sich gegen Menschen in Not stellt, der stellt sich gegen die eigene Menschlichkeit. Wer arme und verlorene Menschen abschieben will, der verdrängt seine eigene Armut.

Ich finde es interessant, dass durch die Flüchtlingsfrage offenbar wird, wie unsere Bevölkerung tickt. Es zeigt sich, dass hier noch sehr viel christliche Entwicklungsarbeit zu leisten ist. Ich halte es da gerne mit dem Dalai Lama, der sagt: „Ich kenne keine Feinde. Es gibt nur Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe.“ Es ist dringend Zeit, die Einseitigkeit unseres modernen Fortschritts im technischen und unseres Wohlstands im materiellen Bereich zu überwinden. Es ist Zeit für einen ganzheitlichen Fortschritt, der auch das Spirituelle und die Herzensbildung umfasst. Nur wenn wir lernen, dankbar zu sein und zu teilen, werden wir auch wirklich die Früchte unserer Arbeit genießen können.

Ich freue mich über jede Begegnung mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen, weil ich von ihnen viel lernen kann. Und wenn ich ihnen ein wenig Unterstützung geben kann, dass sie sich hier mehr Zuhause fühlen können, dann ist das eine Freude und ein Glück, welches durch keinen materiellen Wohlstand zu erreichen ist. Danke für Ihr Engagement für unsere geflohenen Schwestern und Brüder. Zusammen mit Christus werden wir es schaffen!

Pater Thomas Heck SVD