17.07.2016 | zu Psalm 139,12-14a

Im Labyrinth meiner Seele

Apostolischer Dienst kann nur Frucht bringen, wenn er begleitet ist von einem Verweilen beim Herrn in Schweigen und Sammlung - so heißt es in den Konstitutionen der Steyler Missionare. (Const. 409)

Kampfkunst und Exerzitien - kann das zusammenpassen? Es kann! 
Kampfkunst und Exerzitien - kann das zusammenpassen? Es kann!

Als mein Begleiter mich fragte, wann ich denn die letzten ignatianischen Exerzitien gemacht hätte, konnte ich mich gar nicht genau erinnern, denn es ist schon einige Jahre her. Es gehört zu den verbindlichen Regeln unserer Steyler Ordensgemeinschaft, dass wir Mitglieder einmal im Jahr unsren Alltagsrhythmus durchbrechen und eine spirituelle Auszeit nehmen, die sich Exerzitien nennt, also „Übungen“. Es geht darum, im Schweigen sich selbst und Gott zu begegnen; darum, das, was man im Alltag oft überspielt oder verdrängt, seine tiefen Sehnsüchte und Fragen, seine Ängste und Schmerzen da sein zu lassen und sich für Gottes Führung zu öffnen. Einige Jahre hatte ich „ausgesetzt“, denn in meiner Ausbildung für Gestalttherapie wurde ich sehr intensiv und regelmäßig mit meinem Inneren konfrontiert.

Dass Exerzitien dann doch noch einmal etwas anderes sind, habe ich nun gerade wieder erlebt. Für eine Woche lang war ich im Emsland mit 10 Teilnehmenden zu geistlichen Übungen im Schweigen versammelt. Das Besondere dabei war, dass Aikido-Übungen dazugehörten. Aikido ist eine moderne japanische Verteidigungskunst, bei der ein Angreifer in seiner Energie so umgelenkt wird, dass wir am Ende nicht gegeneinander stehen, sondern miteinander. Dreimal am Tag sind wir barfuß auf die Wiese getreten und haben unter Anleitung eines Meisters mit einem Holzschwert unsere Übungen gemacht. Alle Bewegungen geschehen in großer Achtsamkeit und aus der Präsenz der eigenen Mitte heraus. Dazu ist es wichtig, sich erst einmal ganz im Hier und Jetzt einzufinden. Nacheinander nehme ich mit den einzelnen Sinnen wahr, was wahrzunehmen ist, atme ganz bewusst und sammle die Atemkraft in meiner Mitte.

Unser Exerzitienleiter hat diese vielleicht ungewöhnlich anmutende Kombination von Exerzitien und Verteidigungskunst für sich selbst entdeckt und bietet sie seit einigen Jahren auch für Gruppen an. Mit jedem Tag übten wir in großer Achtsamkeit eine neue Bewegung ein, so dass wir am Ende eine fließende Sequenz des Schneidens mit dem Schwert ausführen konnten. Es ist weniger eine Technik als vielmehr ein Hineingehen mit seinem ganzen Leib, mit seiner ganzen Aufmerksamkeit, eine Haltung größter Konzentration, ein Mitgehen mit dem Atem und der Lebenskraft in einen Vorgang des Schneidens und Entscheidens. Insofern passt es wirklich gut zu geistlichen Exerzitien, weil es auch hier um die Kunst der Unterscheidung der Geister geht und um das Entscheiden.

Unser Meister sprach uns am letzten Tag, an dem wir das Schweigen brachen, ein Kompliment aus und meinte, es sei schön gewesen zu beobachten, wie wir mit jedem Tag ein Stück mehr in unserem Leib und in unserer Mitte angekommen seien und wie wir die Übungen schließlich in großer Aikido-Haltung ausführen könnten. Und dieses Äußere erzählte auch von unserem inneren Weg. Auch innerlich haben wir in diesen Tagen eine große Schule durchlaufen. Jede und jeder ist mit seinen persönlichen Fragen gekommen, hat sich damit in der Stille vor Gott ausgesetzt, den Geist um Licht und Führung gebeten, im Einzelgespräch Klärung und Begleitung erfahren und konnte - wie bei den Körperübungen - zu mehr Präsenz, Klarheit und Unterscheidungskraft finden.

Ich persönlich bin mit der Frage in die Exerzitien gegangen, wie denn mein Engagement in und für die Kirche in nächster Zeit aussehen kann, wenn es denn überhaupt in diesem Rahmen bleiben sollte. Ich mache mir keine Illusionen und sehe in absehbarer Zeit den Niedergang der institutionell verfassten Kirche. Es braucht also dringend Neuansätze, Visionen, eine prophetische Kraft, die die Wahrheit des Evangeliums Jesu in unsere heutige Zeit hineinspricht.

Nun, die ersten Tage war ich erst einmal so müde, dass ich viel geschlafen habe, in der Nacht und auch zwischen Aikido, Gebetszeiten, Essen und Spazieren am Tag über. Der zweite Tag führte mich im Blick auf meinen bisherigen Weg zur Dankbarkeit für alle Führung und Heilung, für alle Möglichkeiten und Erfahrungen. Am dritten Tag bin ich dann wirklich herausgekommen aus meinem aktiven Leben und angekommen in den Exerzitien. Es eröffnete sich für mich eine große Leere, für die ich erst einmal dankbar sein durfte und die ich genießen konnte. Es musste einmal nichts abgearbeitet, geleistet und erledigt werden. Ich hatte viel Zeit und viel Stille um mich herum. Auf Spaziergängen erkundete ich die Gegend und erlebte die Landschaft mit ihren weiten Feldern, den Waldstreifen und vereinzelten Gehöften, den kreisenden Schwalben und anderen Tieren als so erholsam, dass ich wirklich und tief durchatmen konnte.

Der vierte Tag führte mich zu der Einsicht, dass es nicht darum gehen konnte, das Bestehende zu kritisieren oder zu verwerfen, ganz nach dem Beispiel des hl. Franziskus, der nicht die Zustände im Bischofspalast und der Kathedrale von Assisi angeprangert, sondern eigenhändig die kleine Kirche San Damiano aufgebaut hat. Auf welche Weise könnte ich also im Kleinen Kirche aufbauen? Wie müsste eine solche Gemeinschaft orientiert sein? Wie würden neue Mitglieder vorbereitet? Diese Fragen schwirrten mir durch den Kopf.

Am fünften Tag spürte ich bei der Morgenmeditation einen richtigen Widerwillen und die Frage: „Was soll das hier eigentlich alles?“ Ich habe diese Regungen wahrgenommen und im Gebet Gott übergeben. Bald darauf kehrte wieder Frieden ein. Im Verlauf des Tages wurde es dann aber wirklich schwierig für mich. Durch Anregungen aus einem Buch von Richard Rohr wurde mir mehr und mehr klar, dass die Kirche, wie wir sie jetzt erleben, eine Kirche der Gewinner und der Mächtigen ist. Seit die Kirche zur Staatsreligion geworden ist und sich zu einer Institution entwickeln konnte, hat sich die christliche Religion zu einem Leistungssystem entwickelt, in dem die Gefolgsamen belohnt und die Ungehorsamen bestraft werden. Daraus leitete sich schließlich ein hierarchisches System mit verschiedenen Ständen ab, bei dem die da oben Macht und Herrschaft ausübten über die da unten. Das aber hat mit dem ursprünglichen Evangelium Jesu nicht mehr viel zu tun.

Ich spürte in mir eine Hilflosigkeit. Könnte sich Kirche vielleicht neu als „Gemeinschaft der Gescheiterten“ aufbauen? Aber wie sollte das gehen? Ein Gefühl von Machtlosigkeit stieg in mir auf. Das ist eines der Gefühle, die man normalerweise nicht gerne fühlt und wo man dann lieber irgendetwas tut, nur um diese Machtlosigkeit nicht spüren zu müssen. Aber in den Exerzitien ist es gerade die Aufgabe, achtsam zu bleiben und nicht auszuweichen. Ich stellte mich dem Gefühl und kniete damit vor Gott nieder. Ich sprach: „Hier bin ich, Herr, machtlos. Auch ich bin unvollkommen, Sünder, auch ich bin oft nicht wahrhaftig. Ich habe keinen Grund, mich über andere zu stellen und zu meinen, ich hätte die Lösung, ich wüsste, wie es geht.“ Es war schmerzlich für mich, mich mehr und mehr in meiner eigenen Gebrochenheit und Erlösungsbedürftigkeit zu sehen und anzunehmen. Aber das war die Führung des Geistes und die Aufgabe dieser Stunde. Schließlich war eine Trauer in mir über meine eigene Unvollkommenheit. Mit diesem schweren Gefühl ging ich schlafen.

Am nächsten Morgen wachte ich mit einem klaren Gefühl von Freude und Dankbarkeit auf. Es hatte sich etwas in mir gewandelt. Im Laufe des sechsten Tages erkannte ich, wie wichtig meine Erfahrung vom Vortag war, damit ich wirklich der Mensch werden kann, der ich bin. Ich könnte noch so sehr von einer Erneuerung der Kirche träumen und tolle Ideen haben und Menschen damit begeistern, wäre meine Motivation nicht rein und wären meine Beweggründe nicht in Gott verankert, es wäre kein Beitrag für eine Zukunft der Kirche. Ich musste erst lernen, mich selbst in meiner Gebrochenheit zu sehen und zu akzeptieren und muss wohl auch noch weitere Lektionen davon erfahren. Aber das ist der Weg zu einem Neuwerden: das Annehmen und Sich-Stellen der Unvollkommenheit, welche die ganze Schöpfung durchwirkt, jeden Menschen und auch mich. Erst von da aus werde ich fähig, mich dem Anderen mit meinem wahren Gesicht zu zeigen. Erst von hier aus wird es möglich, dass ich jeden Menschen lieben kann, weil ich ihm in meiner eigenen Gebrochenheit nahe gekommen bin und er so wahrhaft zu meinem „Nächsten“ geworden ist.


Die Wege des Lebens führen nicht immer geradeaus. Und manche Umwege werden zu wichtigen Erfahrungen, die erst das Ganze entdecken lassen. 
Die Wege des Lebens führen nicht immer geradeaus. Und manche Umwege werden zu wichtigen Erfahrungen, die erst das Ganze entdecken lassen.

Am siebten Tag, dem Tag des Abschlusses, bin ich in aller Frühe noch einmal das großangelegte Labyrinth von Chartres gegangen, das sich in den wunderbaren Gartenanlagen des Exerzitienhauses befindet. Und während ich ging, wurde mir bewusst, wie der Weg, den ich dort durch die Buchsbaumhecken geführt wurde, mein eigener Exerzitienweg war. Gleich beim Hineingehen kommt man fast bis zur Mitte hin und meint: „Oh, ich komme zügig zu dem, was ich will, zu meinem Ziel.“ Dann wird man jedoch in sich schlängelnden Bahnen auf der linken Seite immer ein Stück weiter von der Mitte weggeführt und denkt: „Ich wollte eigentlich zur Mitte hin und nicht von ihr weg.“ Schließlich wird man zur rechten Seite des Labyrinths gelenkt und schöpft wieder Hoffnung, bald doch zur Mitte zu gelangen, da die Bahnen sich wieder mehr dem Zentrum nähern. Doch dann kommt die Enttäuschung, weil man mit jeder weiteren Wendung, die einem die Buchsbaumbegrenzungen aufzwingen, von der Mitte weggelenkt wird, statt zur ihr hin. Irgendwann macht sich wirklich Frust breit, weil man sich ganz in der Außenbahn befindet, elend weit von der Mitte entfernt. Doch nur, wer hier nicht aufgibt und weitergeht, der wird erfahren, dass man sich im treuen Aushalten und Weitergehen bald schon in der Mitte befindet und am Ende überrascht ist, wie das schließlich so plötzlich vor sich gehen konnte, wo man doch gar nicht mehr darauf zu hoffen wagte.

Das Labyrinth ist die Lehre, dass ich erst meine eigene Erwartung und Vorstellung loslassen, mich mit den dunklen Seiten meiner Seele auseinandersetzen, das Tal meiner Enttäuschungen und zerbrochenen Ideale durchschreiten muss, um am Ende überraschend mit dem beschenkt zu werden, was Gott mir schenken möchte und was wirklich zum Heil dient. Wirklich zum Ziel finde ich erst, wenn ich das Labyrinth meiner Seele mit all seinen Gängen, den dunklen und hellen, durchwandert habe.

Ich bin sehr dankbar für diese Exerzitien. Und ich bin gespannt, welche Begegnungen sich ergeben, nun, da ich innerlich gewandelt auf Menschen zugehe.

„Auch Finsternis ist nicht finster vor dir, die Nacht leuchtet bei dir wie der Tag, die Finsternis wie das Licht. Gewiss, du selbst hast mein Inneres gebildet, mich zusammengefügt im Leib meiner Mutter. Ich preise dich, dass ich auf erstaunliche Weise wunderbar geworden bin.“ (Ps 139,12-14a)

Pater Thomas Heck SVD