06.03.2017 | zu Apostelgeschichte 26,18

An was glaubst du?

In einer Welt, die wir durch unsere Wissenschaft und Technik weitgehend unter Kontrolle gebracht haben, wird die Frage nach Gott zu einer Randnotiz. Doch was glauben wir eigentlich, wenn wir nicht mehr glauben?

Was sagt die Wissenschaft: Ist das Ei zum Frühstück gesund oder nicht? 
Was sagt die Wissenschaft: Ist das Ei zum Frühstück gesund oder nicht?

Unsere moderne Zeit ist gekennzeichnet durch eine große Wissenschaftsgläubigkeit. Was wir nach den Kriterien der Logik und der Nachprüfbarkeit herausfinden, das erscheint als objektive und unumstößliche Wahrheit, auf die man sich verlassen kann. Den mittelalterlichen Aberglauben, der sich aus Ahnungen und Geschichten speiste, den haben wir lange hinter uns gelassen. Viele Menschen werfen so auch den Glauben an Gott über Bord, weil sie meinen, das wäre etwas Rückständiges und mit dem aufgeklärten Geist nicht mehr vereinbar.


Ich will nicht bestreiten, dass die menschliche Vernunft und die darauf fußende Wissenschaft Großes hervorgebracht haben. Man denke zum Beispiel nur daran, dass wir heute wissen, wie bestimmte Krankheiten entstehen und übertragen werden und dass wir sie von daher wirkungsvoll bekämpfen und ihre Verbreitung eindämmen können. Oder die Bedeutung der Forschung zur Speicherung von Energie in Akkumulatoren. Das wird der entscheidende Baustein sein für eine neue Ära der umweltfreundlicheren Fortbewegung, die rein elektrisch vonstatten gehen wird und nicht mehr auf der Verbrennung fossiler Rohstoffe basiert.


Und trotzdem ist für mich die Wissenschaft auch wieder sehr begrenzt. Sie kann mir keine Antworten geben auf die wichtigsten Fragen meines Lebens: Warum lebe ich überhaupt? Woher kommt das Leben und wohin geht es? Welchen Weg, von den vielen möglichen, soll ich einschlagen? Und so weiter...


Die Wissenschaft ist so begrenzt wie der Mensch, der sie erschafft. Und dass die Wissenschaft immer wieder irrt, das wird uns fast täglich vor Augen geführt. Nehmen wir nur einmal die ganz simple Frage, ob es gesund ist, zum Frühstück täglich ein Ei zu essen. Als man durch Untersuchungen entdeckte, dass der Verzehr von Eiern den Cholesterinspiegel in die Höhe treibt, und dass Cholesterin zur Verengung der Blutbahnen beiträgt, wurde der Rat herausgegeben, man solle in der Woche nicht mehr als zwei Eier essen, wenn man seine Gesundheit nicht gefährden wolle. 


Vor ein paar Jahren dann gab es Entwarnung. Internationale Untersuchungen hätten ergeben, dass Eier kein Risiko für die Herzgesundheit darstellten. Im Gegenteil wurde betont, dass Eier wichtige Proteine, Antioxidantien, Vitamine und Mineralien enthielten, die gesundheitsförderlich wären. 


Wie ich gestern auf einer Nachrichtenseite las, gibt es jetzt wieder ein Team von amerikanischen Ärzten, die das Gegenteil behaupten. Von zwölf Instituten hätten Forscher insgesamt 25 Studien analysiert, die zeigten, dass Eier doch die Gesundheit gefährdeten. Sie plädierten dafür, Eier vom Speiseplan zu streichen.


Mich jedenfalls lässt das an der Wissenschaft und ihrer Wissenschaftlichkeit zweifeln. Wenn nicht einmal in einer so kleinen Sache wie der Verträglichkeit des Frühstückseis eine eindeutige Aussage gemacht werden kann, wie soll ich dann der Wissenschaft Glauben schenken, wenn sie Aussagen trifft über die Entstehung des Kosmos oder den Zeitpunkt des Todes bei einem Komapatienten?


Auch wenn mir der Glaube an Jesus Christus nicht alle Fragen meines Verstandes beantwortet, so ist diese Glaubensbeziehung für mich ein viel tragfähigerer Grund als es die Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen je sein könnte.


Ich erlebe jedoch, wie sich viele Menschen auf diese Welt beschränken, weil ihnen der Glaube an einen Gott viel zu spekulativ erscheint. Und sie finden sich bestätigt, weil sie die Erfahrung machen, dass sie auch ohne Gott ganz gut auskommen können und sich die Welt trotzdem weiterdreht. 


Es gibt sogar innerhalb der Kirche viele Menschen, die zwar ein gewisses Maß an Religiosität an den Tag legen, die auch ihre Zugehörigkeit zur Institution verteidigen, die sich darüber hinaus aber nicht wirklich auf eine Beziehung mit dem verkündeten Gott der Liebe einlassen wollen. 


Dabei sollten wir uns bewusst machen, dass es ja nicht das Ansinnen Jesu war, neue Mitglieder für die Institution der Religion anzuwerben, noch hat er Leute jemals gedrängt, am Sabbat in die Synagoge zu gehen. Sein Anliegen war vielmehr, jeden Einzelnen auf seinen ganz persönlichen Entwicklungsweg mit Gott und dem Leben zu rufen. Und wo jemand blockiert war durch eine enge Sicht, durch ein Leiden, mit dem er nicht zurecht kam, durch Unterdrückung oder durch nicht gelebte Anteile, da hat er ihm geholfen, das Hindernis zu überwinden, damit er wieder mit dem Fluss des Lebens in Kontakt kam.

Wie jede Pflanze nur wachsen kann, wenn sie sich zum Licht hin durchringt, so auch der Mensch. 
Wie jede Pflanze nur wachsen kann, wenn sie sich zum Licht hin durchringt, so auch der Mensch.

Ich erlebe häufig, dass Menschen, die sagen, sie würden nicht an Gott glauben, im Grunde nur deshalb zu diesem Schluss kommen, weil sie im Leben eine schwere Enttäuschung erfahren haben. Damit geht für sie die Gleichung dann nicht mehr auf: An Gott glauben = ein gutes Leben haben. Die einfachste Weise, dieses Problem zu lösen, scheint ihnen dann, Gott aus dem Satz herauszustreichen: Es gibt keinen guten Gott, also konnte er mich auch nicht vor dem Schmerz bewahren. 


Es ist tragisch, dass manche Menschen an dieser doch eher kindlichen Problemlösung ein Leben lang festhalten und Gott gar nicht mehr die Chance geben, sich ihnen in seiner Liebe zu zeigen. Und wenn dann jemand sagt: „Ich glaube nicht an Gott!“, möchte ich ihm entgegenhalten: „Woran glaubst du dann? An die Wissenschaft? Wird sie dich den Weg zum Glück und zur Freiheit führen? Wird sie dich erwarten, wenn du auf dem Sterbebett liegst? Ich sehe, woran du glaubst: Du glaubst an den Schmerz deiner Verwundungen und dass es deshalb keinen Gott geben kann. An dieser Überzeugung hältst du fest. Du hast sie zu einem Baustein deines Lebensgebäudes gemacht und denkst, sie gehört zu deiner Identität. Ich sage dir: Sie gehört nicht zu dir! Ich glaube, dass Gott deinen Schmerz heilen kann, wenn du ihm nur die Chance dazu gibst. Ich jedenfalls halte mich lieber an dem fest, der sagt, dass es jenseits meiner Enttäuschungen und Verletzungen immer einen neuen Morgen gibt, eine Auferstehung zu neuem Leben aus allem Dunklen und Verlorenen. Wenn du möchtest, bringe ich dich in Begegnung mit ihm in einem Gebet.“


Glauben wäre in diesem Sinne nicht nur etwas für Leute, die nicht genug Verstand haben, die Zusammenhänge der Welt zu verstehen. Glauben wäre gerade etwas für diejenigen, die den Mut haben, die Begrenzung ihrer eigenen Erkenntnis zu sehen und einen Schritt über ihre negativen Erfahrungen und eigenen Grenzen hinauszuwagen. 


Sie sollen sich von der Finsternis zum Licht hin wenden. Denn wenn sie auf mich vertrauen, wird ihnen ihre Schuld vergeben und sie erhalten ihren Platz unter denen, die Gott zu seinem heiligen Volk gemacht hat.“ (Apg 26,18) - Danke Gott, dass du für mich ein Gott bist, der mich in die Weite, in die Freiheit und zu einem glücklichen Leben führt!

Pater Thomas Heck SVD