24.07.2017 | zu „gesehen werden“

Ich will gesehen werden (Teil 2)

Ich möchte den Faden der psychischen Grundbedürfnisse wieder aufnehmen und mich dieses Mal mit dem Thema „gesehen werden“ durch die Bücher der Bibel bewegen.

Eine interessante biblische Interpretation als Skulptur im Garten von Schloss Trauttmansdorff, Meran / Südtirol 
Eine interessante biblische Interpretation als Skulptur im Garten von Schloss Trauttmansdorff, Meran / Südtirol

Es fallen mir folgende Szenen in der Heiligen Schrift ein:

In sieben Tagen erschafft Gott die Erde und alles, was auf ihr lebt. Genau sieben Mal ist auch davon die Rede, dass Gott anschaut, was er geschaffen hat, und dass er sich daran erfreut. Im zweiten Schöpfungsbericht steht zu lesen, dass Adam und Eva auf einmal Angst bekommen, unter die Augen Gottes zu treten und sich verstecken. Sie haben ein schlechtes Gewissen und fürchten Bestrafung, weil sie sein Gebot missachtet haben. Auch erleben sie mit einem Mal eine Scham, sich gegenseitig anzuschauen und verhüllen lieber ihre Nacktheit mit Blättern.

Der zweite Schatten legt sich auf das Thema des Gesehen-Werdens mit der Geschichte von Kain und Abel. Es heißt in Genesis 3: „Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht.“ (V. 4-5) Es wird keinerlei Begründung dafür gegeben, warum Kain offensichtlich weniger Beachtung findet als sein Bruder. Doch Gott macht dem Kain bewusst, dass die Eifersucht und der Hass, die in ihm aufsteigen, eine Gefahr sind, die er überwinden soll. Kain aber lässt sich von seinen Gefühlen hinreißen und tötet den jüngeren Bruder. Dafür fordert Gott Rechenschaft, und Kain empfindet seine Schuld als zu schwer, dass er sie selbst tragen könnte. Er nimmt als Strafe auf sich, dass er vom fruchtbaren Ackerboden verjagt wird und sich nun vor Gottes Angesicht verstecken muss.

Irgendwie scheint Gott mit jeder weiteren Menschen-Generation die Schöpfung mehr und mehr zu entgleiten. Es heißt immer weniger: „Siehe, es war sehr gut“ und immer mehr: „die Menschen sind verdorben und die Erde ist voller Gewalttat.“ (Gen 6) Das geht so weit, dass Gott, wenn er die Welt ansieht, Reue empfindet, sie erschaffen zu haben und sie am liebsten zerstören möchte. Nur Noach findet noch Gnade in den Augen des Herrn. So trägt er ihm auf, die rettende Arche für seine Familie und alle Tiere zu bauen, dass sie die Flut, die alles vernichten wird, überstehen können.

Mit den Überlebenden knüpft Gott dann einen Bund des Segens und unterschreibt ihn mit dem Regenbogen. Er spricht: „Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde.“ (Gen 9,16)

Als nun die Menschen ihre Fertigkeiten entwickeln, mit gebranntem Ton und Pech Häuser und hohe Türme zu bauen, scheinen sie für Gottes Geschmack zu weit zu gehen: „Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen.“ Also verwirrt Gott die Sprache der Menschen, so dass sie sich untereinander nicht mehr verstehen, ihr gemeinsames Bauprojekt aufgeben und sich in alle Richtungen zerstreuen.

An dieser Stelle möchte ich innehalten und eine Reflexion einschieben. Ist es wirklich Gott, der über seine Schöpfung mehr und mehr Enttäuschungen erfährt? Wusste er also nicht, worauf er sich einlässt? Sollte Gott wirklich bereuen, dass er sich in seiner Schöpfung entfaltet und ausgedrückt hat? Sollte er tatsächlich Angst davor haben, dass ihm der Mensch zu ähnlich wird und ihm etwas von seiner Herrlichkeit oder Macht wegnimmt? Das halte ich für eine deutlich zu menschliche Denkweise. Wir müssen beachten, dass die Bibel das Gotteswort im Menschenwort darstellt. Wir nehmen heute nicht mehr an, dass das, was wir da lesen, direkt so von Gott diktiert wurde. Vielmehr ist es die durch die Erfahrungen des Menschen hindurch sich kristallisierende göttliche Weisheit, die spricht, die sich durch die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des menschlichen Denkens und Sprechens in Worte bringt. So gibt es bei der Begegnung mit der Schrift immer auch die Aufgabe der Unterscheidung.


Darüberhinaus lässt sich im Verlauf der eintausendjährigen Entstehungszeit der Bibel eine Entwicklung festmachen: vom Buch Genesis, das im 15. Jht. v. Chr. entstand bzw. Ijob, das vielleicht noch älter ist, bis zur Schrift des kleinen Propheten Nehemia aus dem 5. Jht. v. Chr., vom Brief des Herrenbruders Jakobus aus der 5. Dekade n. Chr. bis zur Offenbarung des Johannes aus der 10. Dekade. Wir finden darin die Dokumentation einer großangelegten Fortentwicklung des menschlichen Erkennens von Himmel und Erde. So gibt es sehr unterschiedliche und teils auch widersprüchliche Aussagen. Ein Beispiel: Wir erfahren am Anfang noch von vielen Göttern, die verehrt werden. Dann gibt es die stetige Entwicklung hin zur Verehrung des einzigen Gottes Jahwe, ein Gott, der sein Volk im Kampf siegreich macht. Die Weiterentwicklung vom Kriegsgott zum langmütigen Richter, der sich in der Mitte seines Volkes in einem Tempel niederlässt. Er hält seinen Zorn zurück, doch dann straft er mit der Verbannung. Schließlich die Offenbarung Gottes in seinem Sohn als liebevoller Vater, der auf jegliche Gewalt verzichtet und Vergebung schenkt.

Vielleicht sind auf dem Hintergrund dieser Überlegungen die Enttäuschungen, die Reue und die Furcht Gottes vor dem Menschen doch eher dem Mantel, in den das Wort Gottes gehüllt ist, zuzuschreiben. Mir scheint, dass sich in dieser Weise, Gott wahrzunehmen, etwas sehr Menschliches widerspiegelt: nämlich sein eigenes Erschrecken über die große Freiheit, die er erkennt, sein Schaudern und seine Trauer darüber, dass er auch das Leben verletzen kann, das eigene wie das der anderen, schließlich das unheimliche Gefühl vor dem, was Menschen mit ihren Fähigkeiten gemeinsam imstande zu schaffen sind.

Es ist wahrscheinlich noch ein Weg, bis wir erkennen, dass Gott uns als Mitschöpfende seiner Welt die große Ehre überlässt, aber eben auch in die volle Mit-Verantwortung nimmt, seine Schöpfung zur Vollendung zu führen. Das Erschrecken vor unserer eigenen Größe und Freiheit, vor unseren Begrenzungen und Fehlern hat nur einen Sinn, es soll uns in die Arme dessen treiben, in Verbundenheit mit dem allein wir unseren Lebensauftrag erfüllen können. Sagen wir uns jedoch los von ihm - und das bedeutet: Sünde - dann sind wir sogar dazu fähig, nicht nur uns, sondern auch diese Welt zu zerstören.

Beten wir: Herr, unser Gott, deine Offenbarung in Jesus entlarvt die schrecklichen Gottesbilder der Vorzeit als zeitabhängig und überholt. In Jesus endlich schauen wir dein wirkliches Angesicht. So wie du Jesus durch den Tod gerettet und zur Auferstehung geführt hast, so willst du jeden von uns durch das Sterben und Vergehen der eigenen Ansprüche und des Selber-Machen-Wollens hindurchführen zu unserer wirklichen Ermächtigung. Sind wir dadurch Kinder Gottes geworden, so können wir aus der inneren Verbundenheit mit dir die Welt neu gestalten, werden wir gegen Unrecht aufstehen, die Wahrheit verkünden und Leben stiften. Lass dein Morgenrot über den toten Punkten, an denen wir mit unserer eigenen Kraft zu stehen gekommen sind, aufleuchten. Gib uns das Quäntchen Mut, das nötig ist, uns mit unserem Leben von dir ganz in Dienst nehmen zu lassen. Dann wird die Schöpfung wunderbar vollendet werden. Wir mit Dir, du in uns, alle Eins.

Pater Thomas Heck SVD