07.12.2017 | zu Jesaja 30,15-18

Wenn Gott dir einen Stuhl anbietet

Was wirklich zur Heilung unseres Herzens und zur Heilung unserer Gesellschaft beiträgt.

Gottes Einladung im Advent: Nimm Platz und nimm das Jetzt deines Lebens ganz bewusst wahr.  
Gottes Einladung im Advent: Nimm Platz und nimm das Jetzt deines Lebens ganz bewusst wahr.

Mit den Heilungsexerzitien, die Schwester Maria und ich anbieten, fanden wir dieses Jahr guten Zuspruch, es kamen insgesamt 16 TeilnehmerInnen. Uns geht es vom Ansatz her um einen ganzheitlichen Glauben und so dürfen auch der Leib und das Gemüt Raum bekommen. Methodisch wird das deutlich in den vielfältigen Formen, die wir einbeziehen: Körperübungen und Tanz, bibliodramatische Elemente und Bibliolog, Eucharistiefeier und Anbetung, Anleitung zu einer energetischen Heilmethode und geführter Dialog in die heilende Begegnung mit Jesus.


Das leitende Thema war mit Blick auf den Advent der Rufer in der Wüste, Johannes der Täufer, der die Menschen wegruft von ihren eingefahrenen Wegen und eingespielten Mustern, auf dass sie in der Wüste zu sich kommen und sich neu auf das Leben besinnen. Eben diese Stelle haben wir auch im Bibliodrama umgesetzt. Es geht dabei nicht darum, die Bibel als Regieanweisung herzunehmen, um die erzählte Handlung möglichst lebendig vor einem Publikum darzustellen. Nein, Bibliodrama zielt darauf ab, was die Geschichten der Bibel immer schon wollen. Sie wollen mich hineinnehmen in ihr Geschehen, um mich Erfahrungen machen zu lassen, die heilsam für mich sein können: der eine entdeckt z.B. wie sehr ihn der Ruf des Johannes trifft und wie lange seine Sehnsucht schon an die Tür klopft in der Schleife des Immer-Weiter-So, die andere spürt Freude dabei, Menschen anzusprechen und zu Johannes in die Wüste zu begleiten.


Nun hatten wir in diesem Spiel einen Menschen, der in die Wüste hinausgekommen war, um sich den Johannes näher anzuschauen. Er versuchte ihn zu hören, aber was er von dem Teilnehmer, der in die Rolle des Johannes geschlüpft war, angeboten bekam, war ihm zu wenig. Und er stand da, in einem sicheren Abstand zu Johannes, schauend, erwartend und auch zweifelnd. Diese Position hat er während der nächsten 20 Minuten nicht verändert, obwohl viele gutmeinende Teilnehmer versuchten, ihn mehr zu Johannes hinzubewegen. Es kam eine Frau, die sich genau wie er in die Wüste hatte rufen lassen. Sie wollte ihn mitnehmen zum Propheten. Nein, er musste stehen bleiben und erst verstehen. Es kam ein Soldat, der schon bei Johannes war und ihm Mut machte, auf ihn zuzugehen. Aber nein, er wollte sich nicht bewegen und schaute stur auf den Propheten. So ging das eine gute Zeit lang mit noch anderen, die sich als Helfer versuchten und scheiterten.


Irgendwann kam dann von der anderen Seite ein Teilnehmer, der in die Rolle von Gott geschlüpft war. Vorgestellt hatte er sich mit dem Satz: „Ich kann“. Nun schnappte er sich einen Stuhl vom Rand des Raumes, bewegte sich damit auf die Ansammlung in der Mitte zu, stellte den Stuhl hinter den wartenden und zweifelnden Menschen und sagte: „Gott bietet dir einen Stuhl an. Nimm Platz.“ Tatsächlich, nach kurzem Nachdenken, setzte sich der Teilnehmer auf den Stuhl, den ihm Gott angeboten hatte.


Das war allerdings gar nicht nach dem Geschmack der anderen, die den Zweifelnden ja gerne vorwärts bewegt hätten. Und nun bot ihm Gott auch noch einen Stuhl an, damit er womöglich gar nicht mehr weiterkam. So fragte Einer den Teilnehmer in der Rolle Gottes: „Ich kann, ich kann... Was soll das heißen?“ Prompt kam die Antwort: „Ich kann... warten!“ Darauf war ein Schweigen.Für mich ist in diesem Bibliodrama sehr schön ein Spannungsfeld deutlich geworden, in dem wir Menschen immer stehen: auf der einen Seite steht das Abwägen und Verstehen-Wollen, auf der anderen Seite ist es irgendwann an der Zeit zu handeln und sich zu bewegen. Durch den Mitspieler, der sich weigerte zu gehen, bevor er nicht den eigenen und echten Impuls aus seinem Inneren dazu verspürte, er konfrontierte die anderen mit ihrer Ungeduld, mit ihrem Machen-Wollen. Und das ist wohl ein Grundmuster in unserem Leben. Uns sind Vorstellungen eingeprägt worden und wir schreiben sie auch weiter, wie etwas sein müsste und wir strengen uns an, diesen Vorstellungen zu entsprechen. Dabei übergehen wir aber häufig uns selbst, verlieren den Boden unter den Füßen. Wir laufen mit einer Geschwindigkeit, die nicht die unsere ist. Weil wir meinen, wir müssten uns anpassen, laufen wir mit den anderen mit und verlieren den Kontakt zu uns selbst.


Ich gebe zu, dass ich in der Leitung des Bibliodramas auch unsicher wurde, ob der Zweifler nicht doch zu sehr auf sein Dableiben spielte und ob es nicht auch ein Stück Trotz war, der ihn sich allen Bewegungsversuchen verweigern ließ. Aber zum Glück gibt es am Ende immer auch eine Auswertungsrunde, in der sich jeder Teilnehmer zu seinen Erfahrungen äußert. Und da sagte der Zweifelnde: „Ich wollte mich nicht weiter bewegen, wer da auch immer zu mir kam und auf mich einredete. Ich war noch nicht so weit, ich wollte erst verstehen, was das für eine Botschaft war, die der Johannes verkündete. Dann hat mich Gott überrascht und mir einen Stuhl angeboten. Ich habe mich hingesetzt und kam zur Ruhe nach all diesen Diskussionen. Da tauchte dann auf einmal die Frage in mir auf: Wie geht’s jetzt weiter?“


Das finde ich
äußerst spannend. Da, wo die anderen ihn drängen wollten, sich auf Johannes hin zu bewegen, da verweigerte er sich. Als er aber dann mithilfe des Stuhles an dem Platz seines Wartens und Zweifelns wirklich ankommen durfte, da meldete sich auch alsbald der Impuls und die Perspektive, dass es weitergehen kann. Und das ist ein Grundgesetz der Veränderung, das wir oft außer Acht lassen. Wir wollen immer schon irgendwohin und nehmen gar nicht wirklich wahr, wo wir im Augenblick stehen. Wie es beim Gehen der Fall ist, so ist es auch bei jeder Veränderung: Wenn ich einen Schritt nach vorne gehen will, muss ich erst einmal dafür sorgen, dass ich einen festen Stand habe. Ich muss zunächst meinen aktuellen Standpunkt wahrnehmen, mich ungeschönt mit ihm auseinandersetzen. Erst dann ist es möglich, einen Schritt zu unternehmen.


Mir kommt vor, dass wir da mitten im weihnachtlichen Geheimnis sind. Bevor Gott unsere Welt zu einem Besseren wenden kann, schiebt er uns sozusagen erst einmal einen Stuhl hin und sagt: „Nimm dein Menschsein ernst und nimm es an. Damit es dir leichter möglich wird, werde auch ich Mensch. Ich gehe in die Armut, damit auch du deine Armut annehmen kannst. Ich gehe in die Ausgeliefertheit der sozial-politischen Situation damals, damit auch du dein Ausgeliefertsein in den verschiedenen Situationen annehmen kannst. Ich sage Ja zu dir, damit auch du Ja zu dir sagen kannst. Vertraue mir, dass ist der einzige Weg, dass die Menschen zum Besten ihrer selbst heranwachsen. Nicht indem sie es aus eigener Kraft und nach eigenen Vorstellungen erzwingen wollen, sondern indem sie ihre Armut und Ohnmacht annehmen und sich von innen her alle Kraft der Veränderung zuwachsen lassen. Mein Sohn Jesus ist der Weg zur Wahrheit auch für dein Leben. Er ist gewachsen aus dem Ja, das ich zu ihm sprach.“


Die Prophetie des Jesaja scheint mir wie in diese Situation hinein gesprochen: „So spricht der HERR, der heilige Gott Israels: »Kehrt doch um zu mir und werdet ruhig, dann werdet ihr gerettet! Vertraut mir und habt Geduld, dann seid ihr stark! Doch das wollt ihr nicht. Stattdessen prahlt ihr: ›Wir haben gute Pferde, auf ihnen jagen wir so schnell wie der Wind davon.‹ Jawohl, ihr werdet davonjagen – auf der Flucht vor euren Feinden! Selbst wenn ihr noch so schnell rennt – eure Verfolger bleiben euch auf den Fersen! Ein Einziger von ihnen schlägt tausend von euch in die Flucht; und wenn nur fünf euch angreifen, dann lauft ihr alle schon davon. Zuletzt bleibt nur ein kleines Häufchen von euch übrig, einsam und verlassen...« Doch sehnt sich der HERR danach, euch gnädig zu sein. Bald wird er zu euch kommen und sich wieder über euch erbarmen, denn er ist ein gerechter Gott. Wie glücklich können sich alle schätzen, die auf seine Hilfe warten!“ (Jes 30,15-18)

Pater Thomas Heck SVD