27.12.2017 | zu Jesaja 9,1

Weihnachten bewegt!

Ich möchte von zwei Erfahrungen berichten, in denen für mich das Geheimnis der Weihnacht aufleuchtet: Menschen finden aus dem Dunkel ihrer Trauer und Einsamkeit zum Licht der Bejahung des Lebens und zu innerer Stärke.

Gottes Licht verwandelt das Lebens 
Gottes Licht verwandelt das Lebens

Auf dem Weg, auf den Gott mich gestellt hat, darf ich Menschen auf ihren persönlichen Suchwegen begleiten. Und das ist immer wieder ein wunderbares Geschenk, wenn ich miterleben darf, wie jemand im Gespräch zu einer Begegnung mit Jesus findet, und wie das sein Leben verändert, alte Muster aufsprengt und Freiheit für neue Möglichkeiten schafft. Von zwei solchen Gesprächen möchte ich hier erzählen.


Ein Mann, etwas älter als ich, der nicht in seine wirkliche Energie findet. Jahrzehnte schon hat er das Gefühl, dass ihm etwas fehlt, ja, dass es manchmal vielleicht besser wäre, nicht mehr am Leben zu sein. Im Gespräch ergibt sich, dass es ein Zwillingsgeschwisterchen gab, das wohl schon im Mutterleib gestorben war. Nun wird klar, woher dieser Zug zum Tod kommt: es ist der Schmerz über den Verlust der Schwester, mit der er so eng und vertraut in der Gebärmutter zusammen zum Leben gekommen war, die ihm dann aber entrissen wurde. Ich lade ihn ein, dass wir in einem Gebet mit dieser Situation zu Jesus gehen. Der Mann sieht in einem inneren Bild wie Jesus dasteht und bedrückt ist, wie er darauf wartet, dass er sich für das Leben entscheidet. Mein Klient drückt aus, er hätte lieber, dass Jesus ihn zum Leben zwinge, denn er ist immer gedrängt und gezwungen worden zu so Vielem, was nicht sein Eigenes war. Aber Jesus zeigt sich geduldig und bereit, so lange zu warten, bis er aus freiem Willen eine Entscheidung treffen möchte.


Das bringt meinen Klienten in Kontakt mit seiner Angst vor dem Leben und vor der eigenen Verantwortung. Er hat sich als Kind immer starken Erwartungen ausgesetzt erfahren. Er hatte so und nicht anders zu sein, und demgemäß wurde er auch beurteilt. Die Angst, nicht so zu werden, wie er sein sollte, hat sich tief in ihn eingeprägt. Leben erscheint ihm grundsätzlich als gefährlich, so war es meist sicherer, sich irgendwo in einer Höhle zu verschanzen. Wieder legen wir diese Situation im Gebet Jesus vor. Der Mann spürt, dass die Gegenwart Jesu für ihn Leben bedeutet, aber dass er selbst wählen darf und irgendwann auch muss, zwischen dem Leben und dem Tod. In einer anschließenden gestalttherapeutischen Arbeit lasse ich den Klienten auf zwei Stühlen einfühlen in den Platz des Todes und in den Platz des Lebens.


Da steigt zwischendrin
ein Zweifel in mir auf: „Was, wenn er vom Platz des Todes nicht mehr weggehen würde und tatsächlich dieser Wunsch der stärkere wäre?“ Aber eine Stimme beruhigt mich wieder und sagt: „Er ist ja im Leben. Vertraue auf die Kraft des Lebens, die in ihm steckt, zu der er nur noch nicht den rechten Zugang gefunden hat.“ Nachdem er ein paar Mal zwischen den Stühlen gewechselt und jeweils eingefühlt hat, sitzt er am Platz des Lebens und spürt mehr und mehr auch dessen Energie. Schließlich nimmt er wahr, wie Jesus ihm dort den Rücken stärkt und wie auch eine Präsenz seines verstorbenen Geschwisterchens dort zu ihm stößt.


Der Mann, der
nicht in seine Lebensenergie gekommen war, hat am Ende dieser Stunde zu einer wirklichen und selbst verantworteten Entscheidung für das Leben gefunden. Jesus hat ihm den Weg geebnet, indem er sich gegenwärtig zeigte, aber gleichzeitig seine menschliche Freiheit vollkommen respektierte. Erst dies ermöglichte ihm, ohne Zwang von außen, zu seiner ureigenen Entscheidung zu finden und das Leben zu wählen statt den Tod. Das ist für mich Weihnacht. Die Finsternis der Nacht wird durchbrochen durch das Aufstrahl en eines Lichtes, das alle zum Leben ruft.


Dem anderen wirklich zuzuhören ist ein großes Geschenk! 
Dem anderen wirklich zuzuhören ist ein großes Geschenk!

Ein zweites Gespräch mit einer Frau, durch deren Leben sich ein Gefühl von Alleinsein zieht und die es gewohnt ist, lieber selber zu organisieren und zu machen, als sich auf andere zu verlassen. Aus ihrer Erzählung erfahre ich, wie wenig sie sich in Kinderjahren als gesehen erlebt hat und wie früh sie hat Verantwortung übernehmen müssen. Sie hat sich stets bemüht, alles gut und richtig zu machen, und dennoch war es nicht recht. Stattdessen wurde sie kritisiert und abschätzig behandelt. Da verwundert es nicht, dass sich in ihr eine Überzeugung gebildet hat wie: „Hier bin ich nicht zuhause, hier gehöre ich nicht hin.“

Ich lade ein, dass wir diese Situation im Gebet zu Jesus bringen und formuliere das in ein paar Sätzen. Der Schmerz ist stark, es laufen die Tränen. Doch bald schon löst sich das Dunkle in ihren Zügen und die Mundwinkel tendieren mehr und mehr nach oben, bis sich nach einigen Minuten ein Leuchten breitmacht über das ganze Gesicht. Jesus, so berichtet sie über ihre innerliche Wahrnehmung, hat ihr einen inneren Ruheplatz geschaffen. Und sie spürt, das ist der Platz, den ihre Sehnsucht sie immer schon hat suchen lassen. Hier fühlt sie sich zuhause, hier ist sie nicht mehr allein, hier erfährt sie sich gesehen und angenommen, Jesus ist mit ihr und stärkt sie. Wieder eine Erfahrung von Weihnachten: In der Mitte der Nacht wird ein Hoffnungslicht geboren, das alle Finsternis durchleuchtet.

Ich bin sehr dankbar, dass ich Menschen bei solch wunderbaren Weihnachtserfahrungen begleiten darf, denn auch für mich sind es bewegende und bestärkende Erlebnisse. Sie schenken mir die Gewissheit, dass dieses Fest nicht bloß eine Angelegenheit ist, an die man glauben kann oder eben nicht, sondern dass ein Geheimnis darin liegt, welches zeitlose Gültigkeit für den Menschen hat. Das göttliche Licht wartet in jedem Menschen darauf, durch alle Dunkelheiten von Trauer oder Wut, von Angst oder Verneinung durchzubrechen zur Bejahung und zur Liebe des Daseins mit Gott. Manche Dunkelheiten sind so düster und oftmals durch so viele Jahresringe zu einer Mächtigkeit angewachsen, dass man Zweifel haben könnte, ob das Licht jemals noch eine Chance hätte. Doch das Licht ist immer mächtiger als das Dunkel. Auch wenn man nur eine einzelne Kerze in einen dunklen Raum trägt, so muss doch auch die letzte Ecke an Finsternis den Platz freigeben für die Strahlen der leuchtenden Flamme.

„Das Volk, das in der Finsternis ging, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlt ein Licht auf.“ (Jes 9,1) Möge diese Vision des Propheten Jesaja für uns alle zu einer unser Leben verwandelnden Wirklichkeit werden!

Pater Thomas Heck SVD