09.07.2017 | zu Johannes 16,13-15

Ich protestiere für G3 statt G20

Ich weiß, dass ich aus der Position der Minderheit spreche. Denn wer heutzutage nicht an die Allmacht der Wirtschaft und der Finanzmärkte glaubt, der ist Minderheit. Und trotzdem wage ich es, aus einem völlig anderen Blickwinkel die Weltlage zu beleuchten.

Solange die Wirtschaft brummt, klopfen sich die Industrieländer auf die Schulter und machen auf Harmonie. 
Solange die Wirtschaft brummt, klopfen sich die Industrieländer auf die Schulter und machen auf Harmonie.

Einhundertfünfzig Millionen Euro lässt sich unser Land die Versammlung der sogenannten Mächtigen der Welt kosten. Es geht um Wirtschaftsverträge und ums politische Image, mancher macht keinen Hehl daraus, dass er zuallererst die eigenen Interessen durchsetzen will, der andere wirft Nebelkerzen und entkräftet im Nachhinein gemachte Zusagen.


Ich glaube, dieses Schauspiel führt uns so deutlich wie nur irgendmöglich vor Augen, wie befangen und kurzsichtig wir Menschen sind. Unser Planet steht vor dem Scheideweg, ob es noch eine lebenswerte Zukunft für kommende Generationen geben kann, und wir organisieren ein Stelldichein der Eitelkeiten. Wie schon so oft in unserer Geschichte fällt wieder einmal die Wahrheit dem Pokern um Ansehen und Macht zum Opfer.


Der Rahmen, der sich um diese Glanzgala legt, die weltweit in die Wohnzimmer hineinleuchtet, kann schwärzer nicht sein. Der schwarze Block erschafft eine Szenerie von Gewalt und Zerstörung, er lässt die „gute Ordnung“ in schwarzem Rauch aufgehen. Dazwischen Gruppen, die friedlich für eine neue Weltordnung demonstrieren, in der es um Gerechtigkeit für alle gehen soll.


Wer sind eigentlich diese G20? Die Abkürzung steht für: Gruppe der 20, und damit sind die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (19 Staaten plus Europäische Union) gemeint, die sich seit 1999 in einem informellen Verband zusammengeschlossen haben. Gegründet wurde er, um ein Forum des Austauschs über Probleme des internationalen Wirtschafts- und Finanzsystems ins Leben zu rufen. Es geht also vor allem darum, das weltweite Handelsnetz zu stärken und alles aus dem Weg zu räumen, was das aktuelle Wirtschaftssystem gefährden könnte. Nur am Rande spielen Themen wie Klimaschutz oder Armut eine Rolle. Und für manchen sind sie einfach nur Störfaktoren für eine Wirtschaft, die brummen muss, damit es uns gut geht.


Ja, wie so viele in Hamburg, möchte auch ich protestieren. Nicht, indem ich Fensterscheiben zertrümmere und Geschäfte plündere, nicht indem ich Polizisten attackiere und Autos in Brand setze. Ich kann mir nur vorstellen, dass Menschen aus einem starken Gefühl von Frust und Ohnmacht so handeln können. Für mich wird da deutlich, dass etwas nicht stimmt in unserer Gesellschaft. Wir pflegen den schönen Schein, doch unter der Oberfläche brodelt es. Wir brauchen eine Politik, die nicht stur auf Durchsetzung des Gewaltmonopols setzt. Wir brauchen mehr Dialog miteinander. Und das bedeutet: wir brauchen mehr Interesse füreinander und den Respekt, dass der andere mit seinem noch so gewaltvollen Tun vielleicht doch auch ein berechtigtes Bedürfnis äußern möchte. 


150.000.000 Euro sind verpulvert für ein sehr dürftiges Ergebnis. Wie wäre es, im Ausgleich wenigstens etwas an Mut und Herz zu investieren, um die Menschen in unserem Land tatsächlich einmal anzuhören, vor allem auch die, die am Rande stehen durch unser Wirtschaftssystem? Denn immer mehr Menschen geraten in den Schatten des nach außen hochpolierten Glanzes der Herrschaft von Geld und Macht. Und auch diejenigen, die sich darin sonnen, bekommen die Risiken und Nebenwirkungen immer deutlicher zu spüren. Geht es uns wirklich wohl im Wohlstand? Wie viele opfern ihre Zeit, die sie für gute Beziehungen in der Familie und mit Freunden bräuchten, dem Hamsterrad von Karriere und Leistung? Wie viele sind am Ende ihrer Kräfte, ständig gestresst und kurz vor dem Burnout? Gesund ist das nicht.


Deshalb protestiere ich für die G3, die Gruppe der Drei. Dieser Verband besteht schon länger, als wir Menschen denken können. Es ist sozusagen eine Familiengründung: Vater, Sohn und Heilige Geistin. Sie sind in meinen Augen die wirklich Mächtigen. Nicht, weil sie mehr auftrumpfen würden als die anderen oder weil sie die finanzkräftigsten Unternehmen aufzubieten hätten. Nein, weil bei ihnen alle Angst voreinander und jede Sorge um den eigenen Vorteil überwunden ist. Sie können ganz offen miteinander umgehen, und keiner muss sich vor dem anderen schützen. Mehr noch, sie leben ganz im Miteinander und empfangen sich, der eine vom anderen. 


Eine wirkliche Leistung unseres Fortschrittes ist es, wenn wir bereit werden, voneinander zu lernen. 
Eine wirkliche Leistung unseres Fortschrittes ist es, wenn wir bereit werden, voneinander zu lernen.

Jesus formuliert das im Johannes-Evangelium einmal so: „Wenn der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch Schritt für Schritt in die ganze Wahrheit einführen. Was er euch sagen wird, hat er nicht aus sich selbst; er teilt euch nur mit, was er vom Vater hört... Er wird meine Botschaft wieder aufnehmen und euch meine Liebe näherbringen; so wird er meine Herrlichkeit sichtbar machen. Was der Vater hat, gehört auch mir. Deshalb kann ich mit Recht sagen: Alles, was der Geist an euch weitergibt, kommt von mir.” (Joh 16,13-15) In diesen Worten ist ein so inniges Sich-voneinander-Empfangen zu vernehmen zwischen den Dreien, dass es keinerlei Konkurrenz oder Eifersucht zu geben braucht. 


Davon sollten wir lernen und dafür auch Geld in die Hand nehmen und Menschen zusammen bringen, damit wir uns geistig weiterentwickeln und menschlich weiter reifen. Was haben wir davon, wenn wir auf der einen Seite Geld und Güter im Überfluss haben, auf der anderen Seite aber immer in der Angst leben müssen, dass die Benachteiligten es uns wieder nehmen oder zerstören? Wäre es nicht eine viel bessere Alternative, unser Wohl zuerst in einem menschlichen Miteinander zu suchen, indem wir uns für die unterschiedlichen Sichtweisen und Bedürfnisse der Einzelnen öffnen, um dadurch an einer gemeinsamen Basis des Vertrauens zu bauen?

Mich hat es heute wieder im Sonntagsgottesdienst bewegt: da kommt Gott einfach auf uns zu und sagt: „Hier, ich schenk mich dir“. Ich nehme die Hostie und werde mir bewusst: Gott will mich, sein Geschöpf, nähren. Es ist ihm ein Anliegen, dass ich lebe. Er stellt keine Bedingungen, er macht es nicht aus Kalkül. In seiner ganzen Liebe legt er sich einfach in meine Hand und wartet darauf, wie ich reagiere. Ich nehme ihn sorgsam in mich auf. Ich esse und kaue Gottes Liebe und lasse sie so zu einem Teil von mir werden. Was für eine Macht!

Was für eine Entmachtung meiner eigenen Ängste und Empfindlichkeiten! Was für eine Einladung an mich, dass auch ich so handle, dass ich hingehe und sage: Ich engagiere mich, mit meiner Energie und Liebe, damit es anderen besser geht, damit sie heil werden, Freude erfahren und ein Angenommensein. Ich fordere nicht zuerst von anderen, ich beurteile sie nicht, ich warte nicht darauf, dass sie mich loben. Ich gehe hin und tue, was die Liebe Gottes, die in mir wohnt, mich drängt zu tun. Und es entsteht Vertrauen und Gemeinschaft. Es wächst Freude und Dankbarkeit. 


Das ist, was unser Planet und seine Bewohner verdienen und was sie brauchen. Das ist das Signal der Stunde. Das wäre die Wende, die es braucht, um uns von der Zerstörung der Erde abzuhalten. Deshalb protestiere ich für G3 statt G20.

Pater Thomas Heck SVD