01.07.2017 | zu Lukas 1,46-49

Ich will gesehen werden

In den nächsten Bibelworten will ich einmal von den vier psychischen Grundbedürfnissen ausgehen, die wesentlich zu einem gelingenden Leben dazugehören: gesehen werden, ernst genommen werden, informiert werden und beteiligt werden.

„Mama, Mama, schau mal, was ich gebaut habe!“ 
„Mama, Mama, schau mal, was ich gebaut habe!“

„Mama, Mama, guck mal!“, das ist der Lieblingssatz kleiner Kinder. Sie wollen gesehen werden, sie wollen, dass das, was sie gerade entdeckt haben, auch wer anderer sieht. Sie brauchen eine Rückmeldung zu dem, was sie gerade gemalt oder in Klötzchen aufgebaut haben. Dieses menschliche Grundbedürfnis, in den Augen anderer wahrgenommen zu werden, bleibt auch für uns Erwachsene wichtig. Den ganzen Aufwand, den wir betreiben, um schön zu erscheinen: Fitnessstudio, Kosmetik, Mode, teure Accessoires, es ist das Bedürfnis danach, gesehen zu werden. Facebook und Co. sind moderne Plattformen, sich zu zeigen und tausendfache Likes (Ich mag dich) zu bekommen. Sie verführen Menschen dazu, sich in kuriosen, gefährlichen oder auch peinlichen Situationen zu zeigen, nur weil sie Anerkennung wollen.

Mir scheint das manchmal so weit zu gehen, dass es dem Prinzip folgt: „Ich werde gesehen, also bin ich.“ Das heißt, ich kann mich nur als soweit existent und lebendig erfahren, als ich von anderen Rückmeldung bekomme, dass sie mich wahrnehmen. Daraus spricht eine unglaublich große Abhängigkeit von einer hinlänglich unbekannten Masse und deren Mehrheitsgeschmack. Und wie muss ich mich formen und verbiegen, damit diese Masse mir zujubelt und ich mich dann als lebendig erlebe? Noch dürrer werden, noch eine Schönheits-OP über mich ergehen lassen, noch verrücktere und gefährlichere Sachen machen?

Das ist ein schrecklicher Trend, dem sich nicht wenige Menschen opfern, bis er sie umbringt. Es ist ein Trend, der zwar scheinbar dem menschlichen Grundbedürfnis entgegenkommt, der aber doch haarscharf daran vorbeischlittert, weil es nur um das Äußerliche, nur um das Vor-Augen-Liegende, nur um das Körperliche und Materielle geht. Letzteres aber ist vergänglich, auch wenn wir Menschen das nicht gerne wahrhaben wollen. Wie viele Stars sind schon daran zerbrochen, dass sie eine Zeit lang von den Massen bejubelt, ein paar Monate oder Jahre später aber ausgebuht - oder schlimmer noch - vergessen wurden.

Letztlich geht es bei dem menschlichen Grundbedürfnis nach Gesehen-Werden darum, dass ich mich in meinem Sosein, in meiner ureigenen Persönlichkeit angenommen wissen möchte. Da hilft es nicht, wenn ich mich und andere belüge, indem ich nach außen hin als etwas erscheine, was ich nicht wirklich bin. Es kann eine Zeit lang gut gehen, dass ich mich auf der Welle einer gewissen Attraktivität ausruhe und meine, das wäre es. Doch das Leben will mich dahin führen, mich selbst anzunehmen und zwar nicht nur mit den Schokoladenseiten, sondern auch mit den hässlichen Wirklichkeiten. Und erst wenn ich lerne, zu dem Hellen wie zu dem Dunklen in mir Ja zu sagen, erst dann werde ich in Eins mit mir leben können und werde zu einer inneren Schönheit und Ausstrahlung finden, die von keinem Make-Up oder Lifting künstlich erzeugt werden können.

Wenn ich von dem Thema her auf mich selbst schaue, so bringt es ja mein Beruf mit sich, dass ich als Priester häufig vor einer größeren Gemeinde stehe. Und ich habe es auch gerne, wenn Menschen mir zuhören und darauf achten, was ich sage und tue. Ich freue mich, wenn mir dann der eine oder die andere positive Rückmeldung gibt. Eine erste Zeit lang tat ich das dann immer ab und konnte es nur verstohlen annehmen. Ich war so erzogen worden, dass ich mich nicht so sehr in den Mittelpunkt stellen sollte und grundsätzlich die Gefahr, stolz zu werden, zu meiden hatte. Was für ein unglückseliges Muster! Ich brauche doch dieses Gesehen-Werden und gleichzeitig darf ich es nicht nehmen. Das ist ein perfekter Wegweiser zum Unglücklich-Werden.

Nur mühsam habe ich da herausgefunden. Indem ich mehr und mehr lernte, meine eigenen Qualitäten zu sehen, meine Bedürfnisse und auch meine Schwächen zu erkennen, da konnte ich allmählich besser mit Lob und auch mit Kritik umgehen. Es bedurfte der Erfahrungen, dass ich mit meiner ganzen Person wirklich angenommen und bejaht bin, die mir durch die therapeutische Ausbildung, aber auch durch liebevolle Personen zukamen. Wenn jetzt ein Lob kommt, so spüre ich, dass ich nicht mehr so abhängig davon bin, weil dahinter kein Vakuum ist, das alle Bestätigung nur so aufsaugt. Ich weiß viel deutlicher um meinen eigenen Wert, und das lässt mich gelassener sein. Und wenn jetzt eine Kritik kommt, dann haut sie mich nicht gleich um, sondern ich versuche, diese genauso freundlich zu akzeptieren und die Person dahinter ernst zu nehmen.


„Freue dich, Maria! Gott liebt dich und hat etwas Besonderes mit dir vor.“ (Lk 1,28.30) 
„Freue dich, Maria! Gott liebt dich und hat etwas Besonderes mit dir vor.“ (Lk 1,28.30)

Die Beziehung zu Jesus, gefeiert in der Gemeinschaft mit vielen anderen, sowie die immer wieder neue Begegnung mit der Bibel sind mit den konkreten menschlichen Beziehungen die unersetzbaren Quellen für diesen Weg, der mich aus dem In-mir-Gefangensein zur Freiheit führte. Gerade heute morgen wieder durfte ich es erfahren: Ich setze mich hin zur stillen Meditation und spüre, dass Jesus mich sieht. Er schaut nicht von außen auf mich, sondern von innen her, er nimmt mich in meiner ganzen Person wahr, Begegnung geschieht. Das gibt mir für den Tag eine große Gelassenheit und Ruhe, eine Festigkeit, die mich nicht so leicht vom Hocker fallen lässt, was auch kommen mag.

Im Blick auf die Bibel fällt mir da direkt Maria ein, die in ihrem wunderbaren Magnifikat singt: „Mein Geist frohlockt: Der Herr ist mein Retter. Mich, die niedrige Magd, hat er gesehen. ‘Die Glückliche’ werde ich heißen: von nun an, bei allen Völkern, denn Großes hat der Mächtige an mir getan.“ (Lk 1,46-49)

Dieses Gesehen-Werden verändert für Maria alles. Hat sie sich zuvor offensichtlich klein und verloren gefühlt in der allgemeinen Situation ihres Volkes von Unfreiheit und Unterdrückung, so schenkt ihr das Angeschaut-Werden durch Gott das Bewusstsein der eigenen Würde. Und auch das Gefühl, nicht alleine dazustehen. Sie erfährt sich mit ihrem Leben hineingenommen in einen größeren Rahmen, in den göttlichen Heilsplan, der alles zum Guten wenden wird.

Wenn wir jetzt jammern und meinen, dass es Maria halt gut erwischt hat, dass das aber uns nichts hilft, so verkennen wir die Aussage dieses Evangeliums. Maria ist ein Beispiel für jeden Menschen. Gott ist jederzeit bereit, uns anzuschauen, uns eine Würde zu geben und ein Ansehen; wir müssen es nur zulassen. Wir dürfen es nicht zu sehr im Außen suchen. Wir müssen lernen, es von Gott zu erwarten, zu erbeten, zu erhoffen. Das bedeutet auch, dass wir lernen müssen, uns selbst auszuhalten und in Ehrlichkeit auf uns selbst zu schauen. Gott gibt dazu die Kraft, weil er sein bedingungsloses Ja zu uns schon gesprochen hat und mit jedem Atemzug, den er uns schenkt, erneuert.

Pater Thomas Heck SVD