05.01.2017 | zu Lukas 2,13-14

Wie klingt „Stille Nacht“ auf Arabisch?

Es ist viel wichtiger, das Miteinander mit Menschen fremder Kulturen und Religionen zu gestalten, als in der Angst vor dem Anderen zu verharren und die Türen dicht zu machen.

Wir dürfen es wagen, einander die Hand zu reichen, denn im Menschsein sind wir alle vereint. 
Wir dürfen es wagen, einander die Hand zu reichen, denn im Menschsein sind wir alle vereint.

Für diesen Heiligabend hatten wir wieder Studenten eingeladen, von innerhalb des Hauses wie von außerhalb. Nachdem es anfänglich so schien, als würden nicht allzu viele kommen, sind wir am Ende miteinander doch an die 30 Feiernde gewesen. Es war ein buntes Gemisch von Nationen, Konfessionen und Religionen. Wohl die Mehrheit war muslimischen Glaubens. Viele kannten wir vom Studentenwohnheim, das wir vorher geleitet hatten. Manche hatten Freunde mitgebracht, deren Gesichter uns noch unbekannt waren. Aber alle kamen wir zusammen, um miteinander Weihnachten zu feiern.

Zuerst hieß es, die Mäntel wieder anziehen, denn es ging erst einmal nach draußen. Wir bildeten einen Kreis um den Friedenspfahl im Vorgarten. Auf vier Sprachen steht dort geschrieben: „Möge Frieden auf Erde sein“. Studenten haben es in ihrer Sprache vorgelesen. Dann begrüßte ich alle und führte in die Feier ein, indem ich sagte, dass der Frieden in der Welt und in den Herzen der Menschen das Thema unseres Festes sei. Mit Jesus, dem menschgewordenen Gott, wird das möglich. Dann sprach ich ein Friedensgebet. Einem Studenten drückte ich daraufhin das Licht von Betlehem, das in einer Laterne brannte, in die Hand und deutete ihm an, zurück ins Haus zu gehen. Als wir vor der Tür standen, bat ich ihn anzuklopfen. Ein Student aus Ghana öffnete die Tür nur einen Spalt weit. Als ich um Einlass bat, sagte er: „Nein, für euch ist hier kein Platz. Das Haus ist schon voll. Geht weiter. Hier kommt ihr nicht herein.“ Dann schloss er die Tür vor unserer Nase.

Verdutzes Schweigen in der Menge. Der Laternenträger meinte: „Und wenn wir es mit Gewalt...“ Ich sagte: „Nein! Wir werden uns weiter auf die Suche machen, ob wir irgendwo anders eine Unterkunft finden.“ Dann gingen wir mit der ganzen Gemeinde ums Haus herum bis zum Kelleraufgang. Dort klopften wir wieder an. Es bewegte sich nichts. Ich rief hinunter, ob da jemand wäre. Schließlich kam Sr. Francesca mit Schürze herauf und war wenig davon angetan, dass sie in ihrer Arbeit der Festvorbereitungen gestört wurde. Als wir dann noch um Aufnahme im Haus baten, war sie vollends genervt und meinte, wir hätten uns ja schließlich vorher anmelden können. So verschwand sie wieder. Also standen wir wieder da und mussten weiterziehen auf der Suche nach einem Ort, wo wir feiern konnten.

Wir kamen schließlich zum Hintereingang des Studentenheims und klopften wieder an. Der Student, der uns öffnete, meinte: „Ach, ihr wisst ja, dass in diesen Tagen Himmel und Menschen unterwegs sind. Wir haben schon viele Zimmer doppelt belegt. Es tut mir leid, aber ich kann euch nicht auch noch aufnehmen.“ Er war schon im Begriff, die Tür zu schließen, da sagte er: „Ach, da fällt mir ein, wir haben noch einen kleinen Raum im 1. Stock. Der wird nicht viel genützt. Es sind keine Betten darin, aber wenn ihr unbedingt wollt: dort könnt ihr unterkommen.“ Und so ließ er uns endlich ins Haus herein, wo wir zur Kapelle hinaufgingen.

Natürlich war das alles inszeniert und mit den Leuten an der Tür eingeprobt, doch die Gemeinde hatte keinen Schimmer davon. So wurde es zu einer existentiellen Erfahrung, die Verdutztheit auslöste, Enttäuschung bis hin zum Wunsch, sich mit Gewalt Einlass zu verschaffen. 

Als wir dann „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ gesungen hatten, als die Kerzenstimmung und die Wärme uns in der Kapelle ankommen ließen, da deutete ich unsere Erfahrung der Herbergssuche: Genauso ist Gott auf der Suche nach einem Platz in unseren Herzen, er klopft immer wieder an die Tür unseres Lebens. Und so oft sind wir mit vielem anderen beschäftigt, dass wir es vielleicht gar nicht bewusst merken, wie wir den größeren Gast abweisen. Und so sehr haben wir unsere eigenen Vorstellungen vom Glück, unsere fertigen Bilder und Erwartungen, dass unser Herz schon voll ist und kein Platz mehr bleibt für den Unerwartet Anderen. Doch sind Gottes Gedanken und Wege ganz anders als die unseren. Und Jesus möchte unserer Welt gerade den Weg des Friedens im Miteinander zeigen, den wir zwar verzweifelt suchen und doch bisher selber nie zu schaffen vermochten.

Da ich wusste, dass viele Muslime an unserer Feier teilnehmen würden, hatte ich mir gedacht, sollte auch ihre Heilige Schrift, der Koran, einen Platz bekommen. Ich fand eine interessante Stelle und eine noch interessantere Meditation dazu, die mir den weihnachtlichen Gedanken sehr gut zum Ausdruck zu bringen schienen: 

Koran, Sure 70: „Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen. 4. Die Engel und der Geist steigen zu Allah, dem Hohen, in einem Tage, dessen Maß fünfzigtausend Jahre sind. 5. Gedulde dich drum in geziemender Geduld. 6. Die Ungläubigen wähnen, er sei ferne; 7. aber Wir sehen, er ist nahe.“

Menschwerdung Gottes im Dunkel menschlicher Ungerechtigkeit, inmitten von Krieg und Flucht. 
Menschwerdung Gottes im Dunkel menschlicher Ungerechtigkeit, inmitten von Krieg und Flucht.

Die Meditation hierzu von Neil Douglas-Klotz: DER ATEM, DER AUFSTEIGT - Das Eine Wesen schließt die Anlage zu den Höhen und Tiefen des Lebens mit ein, den Treppenstufen, die uns hin- und herführen zwischen der begrenzten Einheit, die wir sehen und fühlen, und der grenzenlosen Einheit, die alles Sein umfasst.

Alle göttlichen Kräfte, alle Wesen, die dem Einen dienen, der gesamte Atem des Kosmos, steigen jeden Augenblick auf in der Rückkehr zur Heiligen Einheit. Dieser Moment des Aufsteigens, erhellt durch göttliches Bewusstsein, dauert 50.000 Jahre unserer Zeit.

Geliebter, aus diesem Grund raten wir zur Geduld, in dem Sinne, dass für das göttliche Licht eine Unterkunft geschaffen wird, sodass es langsam in euch wachsen kann und in schöner Zufriedenheit.
(Neil Douglas-Klotz. Aus derselben Quelle leben wir: Wege zum Frieden zwischen Christen, Juden und Muslimen. Kösel, 2004: 175f)

Nach der Koranlesung feierten wir dann mit dem Evangelium vom Heiligen Abend die Ankunft Gottes im Menschen und entzündeten das Licht an der Krippe. Diese war über die ganze Altarinsel angelegt und hatte zum Schwerpunkt die Not und das Leid der flüchtenden Menschen, die ihre Heimat verlassen in der Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben. Linker Hand waren blaue Tücher ausgelegt und Papierschiffchen darauf verteilt. Rechter Hand war die Fläche mit Vogelsand bestreut. Die Wüste und das Meer, die so viele Menschen durchqueren müssen, weil in ihren Ländern Krieg herrscht, Verfolgung und Gewalt. In denen so viele ihr Leben verlieren, zum Teil auch, weil Schlepper sie bewusst im Stich lassen. Mittendrin, auf einer großen Wurzel, das Jesuskind. Ja, im tiefsten Dunkel unseres Daseins strahlt ein neues Licht auf: die Gegenwart Gottes. Ihm ist kein Mensch egal, jede und jeder ist gleich wichtig und wertvoll, gleichgültig, ob auf der Flucht über das Meer oder in einem warmen sicheren Wohnzimmer zuhause. 

Die Studenten formulierten ihre Bitten, auch für die Landsleute in ihren Ländern, und stellten Lichter auf. Zum Abschluss der Feier sangen wir schließlich „Stille Nacht, heilige Nacht“. Erst auf Deutsch, dann in Englisch, Französisch, schließlich auf Arabisch und Persisch.

Es waren auch unsere muslimischen Studenten, die für alle ein wunderbares Essen vorbereitet hatten. So feierten wir noch lange in den Abend hinein und erlebten ein schönes Miteinander über die Grenzen von Kulturen und Religionen hinweg. Ja, das war für mich wirklich Weihnachten. Bewegt hat mich dann noch einmal, als mir zum Abschied mehrere muslimische Studenten „Frohe Weihnachten“ wünschten und ich spürte, dass das mehr als nur eine Floskel war, weil der ausgesprochene Wunsch aus der gemeinsam erlebten Feier erwachsen war.

„Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ (Lk 2,13-14)

Pater Thomas Heck SVD