18.05.2017 | zu Lukas 6,47-49

Haus auf dem Sand

Der Weg spirituell zu wachsen kann manchmal sehr herausfordernd sein. Doch es geht immer um die größere Entfaltung für unser Leben, um die größere Wahrheit in unserer Beziehung zu Gott und zu uns selbst. Es geht darum, unser Lebenshaus von den Sanddünen der eigenen Lebenslügen wegbewegen und auf den Felsen seiner Wahrheit stellen zu lassen.

Prüfungssituation: Ist das das Richtige oder doch das Falsche? 
Prüfungssituation: Ist das das Richtige oder doch das Falsche?

Ich war zur Prüfung für den Heilpraktiker für Psychotherapie angetreten. Das Zertifikat sollte mir erlauben, verantwortungsvoll und mit Erlaubnis des Staates Klienten zu begleiten. Ganz verschiedene Krankheitsbilder mit ihren je eigenen Merkmalen und Unterteilungen, mit verschiedenen Zeitkriterien und Behandlungsmethoden waren auswendig zu lernen. Die schriftliche Prüfung hatte ich schon gut gemeistert, nun stand die mündliche Überprüfung an. So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr. Auf den schriftlich vorgelegten Fall konnte ich mir keinen wirklichen Reim machen. Ging es hier um ein depressives Krankheitsbild oder am Ende um eine Schizophrenie? In der Dreiviertelstunde haben mich die prüfenden Ärztinnen vieles gefragt: Wie verhalte ich mich bei einer akut suizidgefährdeten Patientin? Wie geht es vonstatten, jemanden einzuweisen, wenn er es selbst nicht will? usw. Im Nachgespräch wurde mir dann eröffnet, dass ich nicht erkannt hätte, dass die Frau im vorgelegten Fall an einer starken Magersucht litt. Mein Schock war groß. Weiter sagte die Ärztin, dass ich offensichtlich wenig Praxis-Erfahrung hätte. Ja, damit hatte sie wohl recht. Ich hatte also tatsächlich die Prüfung nicht bestanden. 


Als ich aus dem Gebäude kam, suchte ich mir erst einmal irgendwo eine Bank. Ich musste mich setzen, um mir darüber klar zu werden, was da gerade geschehen war. Es wurde schon extra für den Mittag mein Wunschessen gekocht, über Whatsapp erhielt ich Nachrichten mit Glückwünschen für das Bestehen. Tja, das fiel jetzt alles flach. Ich musste nicht nur mit meiner eigenen Enttäuschung zurecht kommen, sondern auch die so vieler anderer besänftigen, die für mich gebetet und an mich gedacht hatten. 


Es brauchte einige Tage, bis ich wirklich verstanden hatte, dass mein lang angelegtes Prüfungsprojekt nicht zum Ziel gekommen war. Morgens wachte ich auf und befand mich in der Prüfungssituation. Wie ins Fleisch schneidende Fesseln legten sich Fragen um mich herum: Was war falsch gelaufen? Warum bin ich gescheitert? Lag es an mir oder an den Prüferinnen? Wieso waren mir die Augen wie gehalten? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in meiner bisherigen Laufbahn irgendwann wirklich einmal eine Prüfung nicht bestanden hätte. Ich habe nicht immer geglänzt, aber durchgefallen bin ich bisher nie: Abitur, Führerschein, Diplom, Abschluss verschiedener Ausbildungen, alles habe ich bewältigen können. Und jetzt das. 


Je mehr die unangenehme Wahrheit an mich herankam, umso schlechter ging es mir. Ich setzte mich vor Gott hin und fragte: „Wozu soll diese Erfahrung gut sein?“ Ich weiß, dass die Frage an Gott nach dem Warum keine hilfreiche Frage ist, weil sie in die Vergangenheit führt und bei meiner eigenen Erwartung stehen bleibt, die ich erfüllt sehen möchte. Die Frage Wozu? jedoch eröffnet neue Perspektiven und gibt Raum für einen Sinn, den ich noch nicht sehe. Wenn so viele Leute für mich gebetet haben, und ich den Eindruck habe, dass ich die Prüfung eigentlich hätte gut bestehen können, es mir aber vorkam, wie wenn mein Denken blockiert war, so dass ich das Augenscheinliche nicht gesehen habe, dann gab es vielleicht einen Sinn darin, die Prüfung nicht zu schaffen.


Auf jeden Fall habe ich mich sehr auf mich selbst zurückgeworfen erfahren. Plötzlich kam mir das ganze Leben irgendwie leer und sinnlos vor. Meine Energie tendierte mehr und mehr gegen Null. Ich schleppte mich durch die Tage, wusste am Ende gar nicht mehr viel mit mir anzufangen. Das überraschte mich, denn von dieser Prüfung hing ja nicht mein Leben ab und ich machte mir auch klar, dass das Nichtbestehen keine Aussage war über mein Engagement als Priester und Missionar. Und doch war da eine tiefe Trostlosigkeit in mir.


Nachdem ich mich mit Lesen und Internetsurfen einige Zeit davon ablenken konnte, ging ich am Sonntag endlich in Begegnung mit dem Schmerz. Ich setzte mich an meinen Gebetsplatz und ließ zu, dass ich spürte, was in meinem Inneren war. Ein großes Gefühl von Trauer und Hilflosigkeit. Ich versuchte, noch genauer hinzuspüren: eine große Unlust und, jetzt spürte ich es deutlich, eine Überzeugung von „Ich genüge nicht“. Es schien aus unlotbaren Tiefen meiner Person und Geschichte aufzusteigen. Es war schmerzlich, sich dieser Überzeugung zu stellen und es durchzuckte meine ganze Seele.


Eine psychotherapeutische Begleitung hilft, die eigenen Beschränkungen zu erkennen und sich dem ganzen Leben zu öffnen. 
Eine psychotherapeutische Begleitung hilft, die eigenen Beschränkungen zu erkennen und sich dem ganzen Leben zu öffnen.

Ich bat Jesus, auf mich zu schauen, und mir seine Wahrheit dazu zu zeigen. Es dauerte einige zittrige Atemzüge, bis allmählich ein Wort in mir auftauchte: „Ich bin doch der Grund deines Daseins!“ Und ich spürte, wie diese Worte meinen Schmerz langsam besänftigten, wie ich innerlich ruhiger wurde, ja wie das Gefühl des Ungenügens mehr und mehr verschwand und sich Ruhe einstellte. Nach dem Gebet ging es mir wieder besser und ich spürte auch wieder Lebensenergie aufkommen.

Mit ein bisschen Abstand zu der Erfahrung erkenne ich, wie wichtig es ist, dass ich mich ihr gegenüber entscheide: Ich kann mich entweder davon unterkriegen lassen, mich als Opfer definieren und über das System oder die beteiligten Personen schimpfen. Damit bleibe ich jedoch in der depressiven Energie. Ich kann aber auch sagen: Vielleicht ist es eine wichtige Erfahrung für mein Leben. Ich lasse mich herausfordern und will dadurch lernen und wachsen. Ich packe es an und bereite mich für die nächste Prüfung intensiver vor, indem ich ein Praktikum in einer psychiatrischen Abteilung mache. Bei der zweiten Möglichkeit spüre ich eine viel bessere Energie, da werde nämlich ich selbst zum Handelnden und lasse nicht über mich entscheiden.

Offensichtlich hat Gott meine Frage: Wozu? beantwortet. Vielleicht war es wichtig, durch die Prüfung zu rasseln, damit ich mit dem alten Schmerz in meinem Inneren in Berührung komme und er so die Chance bekam, geheilt zu werden. Angenommen, ich hätte die Prüfung bestanden, dann wäre mir auch nicht bewusst geworden, dass da so eine tiefe Überzeugung von Nicht-Genügen in mir wohnte und mich unbewusst in meinem ganzen Leben und Wirken beeinflusste. Ja, der Preis ist hoch. Es wird mich einige Euros kosten, die Prüfung zu wiederholen, es wird mir viel Zeit zum Lernen abverlangen, aber wenn durch den Misserfolg mein Lebenshaus jetzt statt auf dem Sand meiner inneren geheimen Ängste auf dem Felsen Seiner Zusage zu stehen kommt, dann war es das auf jeden Fall wert.

Ich muss an Martin Buber denken, der einmal sagte: „Erfolg ist kein Name Gottes“. Es kommt wohl in unserem Leben manchmal vor, dass es nicht so läuft, wie wir es uns wünschen, wie wir es erhoffen und erbeten. Manchmal mutet uns Gott Schwieriges und Schmerzliches zu. Doch nur, damit wir in die größere Entfaltung unserer selbst geführt werden. Wenn wir instinktiv dann oft auch nach dem Warum fragen, so lädt der Glaube uns ein, uns für das Wozu zu öffnen, das Gott uns noch zeigen will.

Herr, ich preise dich dafür, dass du mir durch die erfahrene Enttäuschung den Weg geöffnet hast, in die tiefere Wahrheit zu mir und zu dir zu finden. Das wird mich weit mehr befreien und ist mir ein größerer Reichtum, als eine bestandene Prüfung.

Pater Thomas Heck SVD