03.04.2017 | zu Römer 10,14-15

Zeitgenosse Jesu sein

„Wie kann ich mir sicher sein, dass das, was in der Bibel steht, wirklich von Gott kommt?“ - Eine Frage, die sich wohl viele Menschen heute stellen. Am Ende braucht es wohl jemand, der das Wort überzeugend lebt und es braucht den Mut, sich selbst darauf einzulassen.

Eine knifflige Aufgabe: mit der ganzen Truppe über das Seil balancieren. 
Eine knifflige Aufgabe: mit der ganzen Truppe über das Seil balancieren.

Wir organisierten wieder einmal einen Glaubenskurs für Studenten. Thema und Konzept haben sich schon erprobt, so taten wir uns dieses Mal leichter mit der Vorbereitung. Dennoch sollte das Programm nur ein Leitfaden sein, denn uns war es wichtig, möglichst flexibel auf die Bedürfnisse der Teilnehmer­Innen reagieren zu können. Überraschenderweise hatten sich dieses Mal für das Wochenende ausnahmslos junge Frauen angemeldet. Das hatten wir auch noch nicht. Aber bei der Zielgruppe von Studierenden der Sozialen Arbeit vielleicht doch nicht so außergewöhnlich. So ging es Ende März zu dem Thema: „Wo Deine Talente und die Bedürfnisse der Welt sich kreuzen, dort liegt deine Berufung“ auf die Hütte in eine Jugendsiedlung.

Nachdem wir uns nach verschiedenen Kriterien aufstellen sollten und uns dadurch schon näher kamen, gestalteten wir miteinander in Kleingruppen einen Baum auf einem Plakat. Dabei erzählten wir uns, was die Wurzeln unseres Lebens waren (Herkunft und Lebenskraft), welcher Stamm sich darüber ausgebildet hatte (unser Aufwachsen mit der Entdeckung von Fähigkeiten) und schließlich wie die Krone ausschaute und welche Früchte darin hingen (entwickelte Talente, die fruchtbar geworden sind). Nach dem Abendessen legte dann jede ihr mitgebrachtes Bild aus, in dem sie Bedürfnisse der Welt entdeckt hatte. Miteinander schauten wir, was auf den Bildern zu sehen war und was die einzelnen persönlich bewegte. Der Tag endete mit einem Abendgebet, und die Studentinnen hatten Freude, noch lange Lieder zu singen, bis irgendwann Ruhe eingekehrte in der Hütte.

Der nächste Morgen fing mit einem gemütlichen Frühstück an. Nach dem Aufräumen und Spülen konnten nun die Studentinnen ihren eigenen Bedürfnissen für das Wochenende nachspüren und diese auf Kärtchen festhalten. Im Plenum sammelten wir sie auf einem Flipchart. Nach einer Pause leitete ich dann einen Bibliolog zu einer biblischen Berufungsgeschichte an. Da es draußen recht schön war, wollten wir unbedingt an die frische Luft. Es wehte jedoch ein recht rauer Wind, so musste sich jede erst einmal mit einer wärmenden Jacke ausstatten. Dann legten wir los und fanden uns vor der Hütte ein, um in unserer Vorstellung an den See Gennesaret vor etwa 2000 Jahren zu reisen. Hier – so erzählte ich – tritt ein gewisser Jesus auf, der den ungerechten Machtverhältnissen etwas entgegensetzt. Er ruft die Leute zu einem Perspektivwechsel auf, weil sich mit Gott eine neue Art von Gemeinschaft bilden soll. Und dann konnte, wer wollte, sich auf eine Bank setzen und aus der Rolle des Petrus heraus auf den Ruf Jesu zur Nachfolge antworten. Als Petrus zögerte die eine und war sich nicht sicher, ob sie all das verlassen wollte, um sich auf etwas Unbekanntes einzulassen. Die andere war begeistert, weil endlich jemand eine Perspektive aufzeigte, die dem öden Leben eine neue Hoffnung gab. Und so bot ich noch ein paar andere Rollen im Verlauf der Erzählung der Geschichte an. Zur letzten Station versammelten wir uns wieder in der Hütte, weil die Kälte allmählich doch durch die Kleider gedrungen war. Schließlich gab es noch eine knappe Stunde Zeit zur persönlichen Reflexion des Erlebten.

Als wir am Nachmittag dann in Kleingruppen noch einmal auf die Erfahrung des Bibliologs zu sprechen kamen, sagten zwei der Studentinnen, dass es für sie gar nicht so leicht gewesen war, sich in eine Rolle hineinzuversetzen. Schließlich äußerte eine: „Aber wie ist das mit der Bibel überhaupt? Wer kann uns sagen, ob das wirklich so von Gott kommt oder ob Jesus das so gesagt hat? Ist da nicht Vieles vielleicht auch verfälscht worden? Es gibt ja leider keine Zeitzeugen.“ Eine andere Teilnehmerin, die neben ihr saß, nickte zustimmend mit dem Kopf. Ich war erst einmal überrascht über eine solch grundsätzliche Infragestellung der Bibel. Aber ich erkannte, dass es auch ein Zeichen des Vertrauens war, sich mit einer solchen Frage herauszutrauen. Ich antwortete schließlich, dass ich mich auf eine Weise doch als Zeitzeuge Jesu betrachte, weil ich in meinem Leben mit ihm auf dem Weg bin, weil ich mich an seinem Wort orientiere und immer wieder hinhorche, was sein Wille ist. Ich habe auch von persönlichen Erfahrungen berichtet, bei denen ich sehr deutlich seinen Zuspruch wahrgenommen habe. Und ich habe deutlich gemacht, wie ich ihn erlebe: als jemand, der zum Leben und in die Freiheit führt, nicht in die Enge vordefinierter Sicherheiten. Für mich war es ein Geschenk, jungen Menschen etwas aus meiner Erfahrung mitgeben zu dürfen, und sie haben es aufmerksam aufgenommen. Ein missionarischer Moment, der nicht planbar ist, der sich einfach ergibt aus der Situation.

Das Wochenende ging weiter mit einem erlebnispädagogischen Element: Die Studentinnen mussten miteinander über ein Stahlseil balancieren, das etwa 10 Meter um verschiedene Bäume ging und auf einer Höhe von 20 cm über dem Boden befestigt war. Keine durfte zwischendrin herunterfallen, denn dort lauerten imaginäre Krokodile und Schlangen. Es bedurfte vieler Versuche, damit sie endlich das Ziel erreichten. Dabei brachte sich immer wieder eine andere mit einer Lösungsidee ein und leitete an. Am Ende war die Gruppe glücklich, es geschafft zu haben.


Ein Feuer, das die Nacht erhellte – und uns wärmte. 
Ein Feuer, das die Nacht erhellte – und uns wärmte.

Der Nachmittag bot dann verschiedene Möglichkeiten: Holzhacken, Yogaübungen oder Mandala-Malen. Schließlich bereiteten wir das Abendessen und den Gottesdienst für den Sonntag vor. Bei einem riesigen Feuer, das unser Jäger aufgestapelt hatte, klang der Tag aus.

Am Sonntag warfen wir noch einmal einen Blick auf die Bedürfnisse der Welt und auf unsere Talente, wie sie sich vielleicht auch an dem Wochenende gezeigt hatten. Wozu ruft uns also Gott? Dazu feierten wir nun den Abschlussgottesdienst, den eine Kleingruppe liebevoll vorbereitet hatte. Besonderen Wert legte sie auf die aktive Beteiligung der Gruppe. So durfte jede mit einem Teelicht, das sie in die Mitte stellte, einen persönlichen Dank ausdrücken. Mitreißende und auch sehr stimmungsvolle Lieder wurden gesungen, der Psalm aus der Volxbibel (in einer sehr jugendnahen Sprache) vorgetragen und das Mahl, indem sich Jesus den Menschen schenkt, miteinander geteilt. Irgendwie war eine besonders berührende Stimmung in der Gruppe und so manche konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.

Nach einem ausgiebigen Brunch hieß es dann schließlich: Hütte räumen und besenrein hinterlassen. Es kam der Moment des Abschieds, der den meisten sichtlich schwer fiel. Die Studentin aus meiner Kleingruppe nach dem Bibliolog gab mir die Rückmeldung, dass sie es toll fand, wie ich einen freimachenden Glauben verkünden würde. Das würde sie so in ihrer Heimatgemeinde nicht erleben.

„Wie können die Menschen an Gott glauben, wenn sie nie von ihm gehört haben? Und wie können sie von ihm hören, wenn niemand ihnen die Botschaft verkündet? Und wie soll jemand hingehen und ihnen die Botschaft Gottes sagen, wenn er nicht dazu beauftragt wurde? Das ist gemeint, wenn es in der Schrift heißt: »Wie wunderbar ist es, die Boten kommen zu hören, die gute Nachrichten bringen!«“ (Röm 10,14-15)

Wir Christen alle sind dazu beauftragt, Zeugnis zu geben von unserem Glauben, denn er ist Geschenk - und Auftrag zugleich!

Pater Thomas Heck SVD