01.04.2018 | zu Johannes 12,24

Das große Wachsen

Wenn die Natur uns mit ihrem Aufsprießen im Frühling das schönste Bild der Auferstehung malt, dann steckt darin eine Botschaft für uns.

Wunder der Natur: Aus Abgestorbenem sprießt neues Leben hervor. 
Wunder der Natur: Aus Abgestorbenem sprießt neues Leben hervor.

Dieser Tage gehe ich gerne durch den Garten und schaue, wo gerade wieder neue Köpfchen aus der Erde sprießen und sich auf das große Blühen vorbereiten: Krokusse und Märzenbecher, Narzissen und die ersten Tulpen. Die Sträucher schicken allen Saft in die Spitzen, wo die Knospen täglich größer anschwellen, um bald in einem Feuerwerk der Farben und Düfte tausendfach das lange Bräunlich-Grau des Winters aufzubrechen. Ja, die Kälte, bei der alles sich auf sich selbst zurückgezogen und ausgeharrt und gehofft hat, sie ist vorbei. Im Ringen zwischen Nord- und Südhalbkugel um die Nähe zur Sonne haben jetzt wieder wir die Nase vorn. Und die Wärme des Zentralgestirns unserer Galaxie ist so wohltuend, dass sie die Pflanzen lockt sich zu öffnen, genauso wie die Menschen. Sie strömen in die Gärten und Cafés, dass es eine Lust ist, zuzuschauen und sich auch selber auf den Weg zu machen.

Die Abstimmung von Natur und christlicher Feier des Osterfestes ist hierbei perfekt gewählt. Auferstehung allenthalben! Während aus totem Gehölz sprühendes Leben erscheint, erfahren wir, wie das Grab, in welches der tote Leib Jesu gelegt wurde, zum Verwandlungskokon geworden ist, aus dem Leben in wunderbarer Weise neu aufblüht. Was die Natur seit Jahrmillionen erzählt mit ihren Zyklen von Sterben und Neuerstehen, von Werden und Vergehen, das lesen wir im Weg Jesu auch für unser Leben ab. Wir sind Teil der Natur und vom Schöpfer mitten in seine Schöpfung hineingestellt. Nicht als völlig souverän und unverbunden, sondern eingegliedert in das Gesamt eines wunderbar zusammenfunktionierenden Leibes.

In unserer westlichen Welt, in der wir den Einzelnen und seine Individualität so stark herauskehren, verlieren wir mehr und mehr den Blick dafür, dass wir Menschen nur im Miteinander mit der ganzen Schöpfung leben und überleben können. Was wir in der Natur schauen, ist Teil von uns, mehr noch, es enthält eine Botschaft für unser Leben und über unsere Aufgabe in diesem Kosmos. Jesus hat uns das in seinen Gleichnissen vom Pflügen und Aussäen, vom Wachsen und Reifen unvergleichlich lebendig vor Augen gestellt. Wir dürfen die Natur darin nicht als bloßes Objekt sehen, um uns mit der begriffenen Botschaft wieder auf unsere - wie wir oft meinen, so viel edlere und höhere - menschliche Stufe zurück zu bewegen. Wenn Jesus uns in den Gleichnissen mit der uns umgebenden Schöpfung in Beziehung setzt, dann deshalb, weil wir zusammengehören. Sollten wir Menschen tatsächlich „die Krone der Schöpfung“ sein, so sicher nicht, um sie mit Willkür zu regieren und ohne Rücksicht auf Verluste nach unseren Bedürfnissen auszubeuten.

Jesus will mit seinen Gleichnissen deutlich machen, dass eine besondere Verbundenheit und Zugeordnetheit zwischen Mensch und der ihn umgebenden Natur besteht. Er selbst deutet seinen Weg durch den Karfreitag zu Ostern hin mit der Wirklichkeit des ausgestreuten Samenkorns: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24) Wenn wir einmal unser Leben unter diesem Bild betrachten, dann bedeutet Auferstehung, dass da eine bisherige Form vergehen, sich auflösen lassen muss, damit das, was schon tief in ihr angelegt ist, im Zusammenwirken mit den Kräften der Erde, Energie findet und Wurzeln bildet, um sich behutsam und stetig Richtung Himmel zu entfalten.

Und dieses Sich-Entfalten geschieht im Zyklus der Jahreszeiten immer neu und immer weiter, bis das im Samen angelegte Programm sich zu einem Getreidehalm mit Ähre, einem Strauch oder einem mächtigen Baum entfaltet hat. Immer wieder muss das Wachsen Phasen des Ruhens und des scheinbaren Todes über sich ergehen lassen. Bis dann mit dem Frühling von innen heraus sich neues Leben durch die Spitzen in die immer voller werdende Gestalt schiebt.

Und wenn es bei uns Menschen genauso wäre? Gott hat uns doch aus sich heraus erschaffen. Und wenn Gott die Liebe ist, dann kann er uns nur aus Liebe heraus erschaffen haben. Mehr noch, dann bestehen wir selber letztlich aus Liebe und sind für das große Liebes-Begegnungs-Projekt Gottes mit dem Menschen in diese Welt gestellt. Und warum - so müssen wir fragen - erleben wir dann zwischen Gottes Geschöpfen so viel Hass und Unversöhntheit, so viel Gier und Unterdrückung? Weil der schwere Lehm der Angst an uns klebt. Wir sind Geschöpfe der Liebe, jedoch in ein vergängliches Gewand aus Lehm und Erde gesteckt. 

Dem Menschen müssen einige Hüllen genommen werden, damit sein wahres Wesen der Liebe zum Vorschein kommt: Tod und Auferstehung.  
Dem Menschen müssen einige Hüllen genommen werden, damit sein wahres Wesen der Liebe zum Vorschein kommt: Tod und Auferstehung.

Wenn wir das Geheimnis von Sterben und Auferstehen Jesu für unser Leben Ernst nehmen, wenn wir die Wachstumsvorgänge in der Natur auch als unsere begreifen, dann geht es wohl darum, sich in immer wieder neuen Phasen der Verwandlung die Angst um uns selbst nehmen zu lassen, damit die sich verströmende Liebe in der Gestalt unseres Lebens Form annehmen kann. Das sind Vorgänge, in denen ich immer wieder aufgerufen bin, mich zu reflektieren und loszulassen, was nicht Leben ist an mir. Das kann schmerzhaft sein, vor allem dann, wenn ich mich damit identifiziert habe und meine, es gehöre zu meiner Person.

Um es konkret zu machen: Es kann z.B. sein, dass ich meinen Eltern vorwerfe, sie hätten mich als Kind nicht genügend unterstützt oder sogar verletzt. Diesen Vorwurf pflege ich schon sehr lange und ich meine, ein Recht darauf zu haben. Er ist gewissermaßen zu einem Teil meiner Person geworden. Die Einladung von Ostern heißt: Gib deinen Vorwurf an Jesus ab, lass los, was dich im Vorwurf an die Vergangenheit bindet, lass deinen Anspruch auf Wiedergutmachung sterben. Du kannst das, weil der Auferstandene dir zeigt, dass dieses Loslassen sich nur für eine Zeit wie Sterben anfühlt, dass aber dann neues Leben aufblühen wird. Ja, das innere Wesen der Liebe, das schon in mir lebt, wird deutlicher und klarer zum Vorschein kommen, weil es nicht mehr blockiert wird durch den Vorwurf. Ich werde mich als das Geschöpf, als welches Gott mich angelegt hat, stärker und schöner entfalten.

In unserem irdischen Leben und auf unserem Weg der Nachfolge Jesu scheint es wohl vor allem darauf anzukommen, das Loslassen zu lernen. Es geht gar nicht so sehr darum, was ich alles Gutes tue, sondern ob ich genügend Vertrauen auf Gott gelernt habe, mich ihm in die Hand zu geben und mich von allem, was nicht Leben ist, befreien und erlösen zu lassen. Das Wesen der Liebe liegt schon in mir. Nur wenn ich mich im Vertrauen auf Gottes Wirken einlasse, wird sich dieses Wesen durch die Schichten meiner Verletzungen und Ängste hindurcharbeiten können.

Bei einem Seminar habe ich einmal eine Übung mitgemacht, die das schmerzhaft deutlich werden ließ. Ich musste mich in der Hocke mit dem Rücken an die Wand lehnen. Und der Leiter ließ mich so sitzen und sagte: „Wenn du nicht mehr kannst, sag Bescheid.“ Und ich lehnte in der Weise an der Wand, 10 Minuten lang, eine Viertel Stunde. Die Oberschenkel taten immer mehr weh und verkrampften sich schließlich. Irgendwann musste ich mich überwinden und rief im stechenden Schmerz nach seiner Hilfe. Das ist der Sinn der Übung, dass man lernt, um Hilfe zu bitten. Für Manche vielleicht die schwierigste Übung im Leben.

Nur, wenn wir uns unsere eigene Unzulänglichkeit eingestehen und Gott bitten, dass er wirkt in unserem Leben, nur dann können wir zum wunderbaren Ebenbild Gottes in uns auferstehen, das er schon lange in uns angelegt hat. In diesem Sinne: Frohe Auferstehung!

Pater Thomas Heck SVD