Barmherzigkeit und Verantwortung

Mit Papst Franziskus ist der alte Begriff der „Barmherzigkeit“ zurück in die kirchliche Realität gekommen. Barmherzigkeit prägt sein Verständnis von kirchlichem Dasein, von seelsorgerischem Handeln und ethischer Grundorientierung. 50 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil ruft er ein Heiliges „Jahr der Barmherzigkeit“ aus – und betont damit das Neue, das mit dem Konzil begonnen hat wie auch das Zentrale seines Kirchenverständnisses, denn das „Heilige Jahr“ soll die Beziehung zwischen Gott und den Menschen erneuern, uns bewusst machen, was es bedeutet, im und aus dem Glauben zu leben. So schreibt Papst Franziskus schon in seinem ersten Schreiben „Evangelii gaudium“ 2013: „Die Kirche muss der Ort der ungeschuldeten Barmherzigkeit sein, wo alle sich aufgenommen und geliebt fühlen können, wo sie Verzeihung erfahren und sich ermutigt fühlen können, gemäss dem guten Leben des Evangeliums zu leben.“ (Nr. 114).

Was aber ist diese Barmherzigkeit?

Die Misericordia, so das lateinische Grundwort, bringt die die beiden Begriffe „miser“ für elend, unglücklich und arm und „cor“, Herz zusammen. Die misericordia ist jene Eigenschaft des Menschen, die ihr Herz der Not und dem Elend anderer Menschen öffnet. Im deutschen Wort „barm-herzig“ steckt genau diese lateinische Grundform, denn ursprünglich hiess es „arm“-„herzig“, woraus dann „barm-herzig“ geworden ist und bis heute für den Charakter steht, der ein Herz für die Armen hat.

Von Gott abgeschaut 

Die Barmherzigkeit haben die Menschen nicht selbst erfunden. Sie gehört im ersten Testament zu den herausragenden Eigenschaften Gottes. Er sieht die Fehler der Menschen, doch er verzeiht. Die Grosszügigkeit aber auch die Liebe zu den Menschen, gerade weil sie auch Fehler machen, gehört zu jenen Eigenschaften Gottes, die die Menschen bald einmal als ihre wichtigsten Tugenden ins eigene Leben zu übernehmen versuchten. Denn wenn Gott schon so barmherzig mit uns Menschen ist, dann sollten wir dies nach besten Möglichkeiten auch selber so tun und uns entsprechend gegenüber unseren Mitmenschen verhalten. Die Barmherzigkeit hat also sehr viel mit der gelebten Nächstenliebe zu tun.

Entscheidendes Handeln 

Ins Mittelalter zurück gehen in der Folge die sog. 7 Werke der Barmherzigkeit. In Anlehnung an biblische und jesuanischen Handeln und in Abgrenzung etwa zu den 7 Todsünden standen diese wichtigen Taten der Nächstenliebe: Fremde beherbergen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Hungernde speisen, Durstigen zu trinken zu geben, Nackte bekleiden und Tote begraben. Dieses Handeln wird motiviert durch „ein Herz für die Armen“ als direkte Antwort des Menschen auf die Barmherzigkeit, die er selber von Gott erfahren darf.

...und heute die Verantwortung! 

In der heutigen Ethik findet man die Barmherzigkeit als Wort kaum, die Taten durchaus, wobei diese meist auf eine edle und gute Gesinnung und damit Motivation zurückgeführt werden. Modern aber ist gewiss der Begriff der „Verantwortung“. Dieser steht manchmal schon fast symptomatisch überall dort, wo Menschen Ethik vermuten und einfach wissen, dass es doch irgendwie um mehr geht, als nur um Rechnen und das Einhalten von Gesetzen.
Verantwortung ist ein „Kopf-Begriff“, hier geht es um die „Antwort“ – weniger um das „Herz“ – um es etwas überspitzt zu formulieren. Bei der Verantwortung spielen verschiedene Bezüge und Beziehungen eine Rolle. 

Da ist einmal das „Subjekt der Verantwortung“. Es gilt ja zu erst einmal festzuhalten, wer denn überhaupt zur Verantwortung zu ziehen ist: ein einzelner? Eine Organisation? Eine Unternehmung? Der Staat? Dies weist darauf hin, dass konkrete Subjekte handeln und dass diese wissen müssen, was sie tun. Genau dies ist der zweite wichtige Punkt bei der Klärung der Verantwortung: wofür ist denn jemand überhaupt verantwortlich? Hier wird sichtbar, dass Verantwortung weniger mit den Absichten, als vielmehr mit den Folgen des Handelns beschäftigt ist. 

Schliesslich gilt es drittens zu fragen, wem gegenüber ich denn verantwortlich bin (sog. Instanz der Verantwortung). Hier wissen wir aus Erfahrung, dass dies häufig gar nicht so einfach zu bestimmen ist: meinem Chef gegenüber? Der Firma? Meiner Familie – oder doch letztlich Gott? Je nach Instanz kann ja mein Handeln bzw. dessen Folgen gerechtfertigt werden oder eben dann nicht. Und abschliessend muss noch gefragt werden, nach welchen Massstäben meine Verantwortlichkeit gemessen wird. Hier geht es nun um ethische Normen, Prinzipien und das Menschenbild und hier sind etwa die Werke der Barmherzigkeit als Kriterien gut einzubringen – denn es sind alles soziale Kriterien, die hier aufgelistet werden. 

Eines aber ist beim Reden von Verantwortung zentral: nur wenn ich (Handlungs)-Freiheit habe, kann ich auch verantwortlich gemacht werden. Denn ich muss ja „anders handeln können“ angesichts der Herausforderungen, damit ich für das Red und Antwort stehen kann, was ich gemacht habe.

Die Wärme des Herzens gegen die Kälte der Gesetzes-Ethik

Mit Barmherigkeit und Verantwortung kommen zwei Seiten moralischen Handelns zusammen, die das Leben erst menschlich machen. Die Verantwortung erinnert uns daran, dass Ethik eine Frage der Vernunft und damit des Denkens ist. Wir wissen, dass wir in Dilemma-Situationen abwägen müssen und wir wissen, dass viele Situationen uns vor schwere Entscheide stellen, wo es nicht immer einfach ist, Red und Antwort zu stehen, nicht vor Menschen und auch nicht vor Gott. Die Barmherzigkeit gibt uns hier die Wärme des mitmenschlichen Herzens auf den Weg. Sie entbindet uns nicht vor klaren Überlegungen und mutigen Entscheiden, doch die Barmherzigkeit lässt uns grosszügig sein in den einzelnen Situationen. Sie hilft uns die Menschen zuerst zu sehen und nicht deren (Un-)Taten. So dürfen wir getrost verantwortlich sein, wir sollen die Folgen unseres Tuns bedenken und auch den Mut haben dafür gerade zu stehen, doch wir dürfen auch mit grossem Herzen den Menschen und uns selber begegnen. Auch wenn es so aussehen könnte, ist Barmherzigeit nicht das Zudrücken beider Augen, wenn menschliches Handeln zur Beurteilung steht. Barmherzigkeit ist vielmehr die Kunst, das Herz auf dem rechten Fleck zu haben und den Menschen in seiner Not zu sehen und ihm helfend zu begegnen.


Der Beitrag erschien im Pfarreiblatt Kath. Kirche Dekanat Zug, Nr. 29/30 vom 10. bis 23. Juli 2016


Thomas Wallimann-Sasaki, Dr. theol., Sozialethiker. Leiter Sozialinstitut KAB, Zürich.
 
Thomas Wallimann-Sasaki,  Dr. theol., Sozialethiker
Thomas Wallimann-Sasaki,
Dr. theol., Sozialethiker

Thomas Wallimann-Sasaki, 1965, ist in Alpnachdorf geboren und aufgewachsen. Sein Studienweg führte ihn nach Chur und Paris, dann nach Berkeley, California USA, und Luzern, wo er 1999 mit einer Arbeit über Schweizerische Drogenpolitik aus christlich-ethischer Perspektive promovierte. Eine Weiterbildung in Dienstleistungsmanagement eröffnete ihm ein Verständnis für Betriebswirtschaft und ökonomisches Denken. 

Seit 1999 leitet er das Sozialinstitut der KAB (Kath. ArbeitnehmerInnen-Bewegung der Schweiz) in Zürich. Er unterrichtet Ethik an der Hochschule für Technik und Architektur in Horw (Hochschule Luzern), an der Berner Fachhochschule, an der KV Business School in Zürich sowie beim Studiengang Theologie von theologiekurse.ch. 

Seit 2013 ist er Präsident a.i. der bischöflichen Kommission "Justitia et Pax".