Mutter Maria Helena Stollenwerk

Ein Leben für die Mission 2

2. Zur Geschichte der Gründung der Missionsgenossenschaft der Dienerinnen des Heiligen Geistes

Bereits 1874, also ein Jahr vor Gründung des Missionshauses St. Michael in Steyl, baten zwei Frauen Arnold Janssen um Aufschluss darüber, ob sie in einem etwa neu gegründeten Haus zur Vorbereitung auf eine Missionstätigkeit Aufnahme finden könnten. Anhand fragmentarischer Notizen lässt sich schließen, dass seine Antwort anscheinend nicht endgültig negativ gewesen ist. Die Anfragen der beiden missionsbegeisterten Frauen waren möglicherweise eine Reaktion auf die seinerzeit im Kleinen Herz-Jesu-Boten erschienene Aufforderung an die Frauenorden Deutschlands, von denen viele aufgrund der kulturkämpferischen Maßnahmen mit Vertreibungen aus der Heimat rechnen mussten, sich der Weltmission zur Verfügung zu stellen. Unter Bezugnahme darauf heißt es in einer zeitgenössischen Darstellung: „Diese Gedanken Arnold Janssens zeigen seine richtige Einsicht und sein lebhaftes Interesse für die Missionsschwestern. An die Gründung einer solchen Kongregation dachte er aber zu jener Zeit noch nicht."

Im Gründungsjahr wie auch in der Folgezeit wurden wiederholt ähnliche Fragen und Bittgesuche an Arnold Janssen bezüglich eines weiblichen Zweigs seines Missionsunternehmens gerichtet. Sie zeigten ihm, dass er mit Aspirantinnen rechnen konnte, falls die Idee einer weiblichen Abteilung im Missionshaus fassbarere Gestalt annehmen und er in seiner Zeitschrift zum Eintritt in Steyl aufrufen würde.

Bald kristallisierte sich indes bei Arnold Janssen die einsichtige Überzeugung, dass es durchaus vorteilhaft und sinnvoll sei, eine weibliche Genossenschaft zu gründen, die sich die Mitarbeit am Missionswerk zur Hauptaufgabe setzte. Er selbst gab am 23. September 1899 diesbezüglich zu Protokoll: „Schon bei Gründung des Hauses wurde die Frage ins Auge gefasst, ob auch später mit der männlichen Genossenschaft eine weibliche würde vereinigt werden müssen. Indessen war dies beiseite gelassen, da es vorerst noch so vieles Andere durchzusetzen und zu ordnen gab. Jedoch wurden die sich bietenden Gelegenheiten benutzt, um über die so wichtige Sache urteilsfähige Personen um Rat zu fragen." Als kompetenten Ratgeber betrachtete Arnold Janssen unter anderem den Apostolischen Vikar des Sudan, Daniele Comboni. Anlässlich seines Besuchs in Steyl Anfang November 1877 meinte dieser zwar, man könne ebenfalls eine weibliche Genossenschaft zur Mitarbeit einladen, doch sei ein derartiges Unternehmen mit zahlreichen Schwierigkeiten verknüpft. Deshalb riet er seinem Gesprächspartner Janssen mit allem Nachdruck, „eine eigene Genossenschaft zu gründen". Dieser konnte sich aber noch nicht entschließen, Hand ans Werk zu legen, bis er deutlichere Fingerzeige von oben erhalten habe. Ende November 1879 erklärte sich Comboni bereit, neben Steyler Priestern und Brüdern auch Steyler Schwestern in sein Missionsgebiet aufzunehmen. Er bat um eine exakte und verbindliche diesbezügliche Auskunft.

Allerdings führte Arnold Janssen die Korrespondenz mit an der auswärtigen Mission interessierten Frauen weiter. Doch schien ihm die Zeit noch nicht gekommen, ein derartiges Projekt in Angriff zu nehmen, vermerkte er doch am Kopf eines entsprechenden Bittgesuchs aus dem Jahr 1876: „Noch muss mehr der Finger Gottes abgewartet werden." Auch in dieser Angelegenheit wollte der ganz übernatürlich eingestellte Steyler Gründer erst dann aktiv werden, wenn er den Willen Gottes klar erkannt hatte.

Die erwarteten Fingerzeige erblickte Arnold Janssen in den neuen Meldungen für einen missionarischen Einsatz von mehreren jungen Frauen ab dem Jahr 1882. Eine von ihnen war Helena Stollenwerk, die nach vergeblichem Bemühen um ein entsprechendes Kloster von Hubert Cremer, Rektor an der Kirche zum hl. Alfons in Aachen, der für den Kindheit-Jesu-Verein gearbeitet hatte, Arnold Janssens Adresse erhielt. Durch Vermittlung ihres Seelsorgers, Vikar Leonhard Jülich, bat sie jenen um Rat und Hilfe. Im Antwortschreiben nannte Arnold Janssen mehrere Anschriften von Klöstern, an die sie sich wenden könne; zugleich erbat er ihren Lebenslauf, da er vielleicht später etwas für sie zu tun vermöge. Am 24. Oktober 1881 richtete Helena Stollenwerk ihr erstes Bittgesuch nach Steyl; dem beigefügten Lebensabriss fügte sie die inständige Bitte an: „Ehrwürdiger Vater, ich bitte, so dringend ich nur bitten kann, nehmen Sie sich doch meiner um der Liebe Gottes willen an. Was mich betrifft, so ist es mir einerlei, wo mir die Aufnahme gewährt wird, auch wenn ich gleich nach China gesandt werde. Wenn nur der wahre Ordensgeist im Kloster herrscht."

Konnte Arnold Janssen sich mit gutem Gewissen diesem eindringlichen Begehren verschließen? Sollte er auf weitere, signifikante Anzeichen des göttlichen Willens warten? Andererseits wuchs und gedieh seine erste Gründung wider Erwarten und trotz aller negativen Prognosen. Zudem hatte ihm der missionskundige Msgr. Comboni energisch zum Aufbau einer Schwesternabteilung geraten. Wie sollte er sich verhalten?

Zwei Wochen nach der Ausreise der beiden Steyler Missionare nach China am 2. März 1882 weilte Helena Stollenwerk zum ersten Mal in Steyl. Sie hoffte, Arnold Janssen könne ihr weiterhelfen und sie in einen Frauenorden für auswärtige Missionen vermitteln.

Schon bei ihrem ersten Besuch in Steyl hatte Helena Stollenwerk ein solches Vertrauen zu Arnold Janssen gefasst und sich dort so wohlgefühlt, dass sie sich am Ort ihrer Berufung wähnte. Ihrer Absicht, ins dortige Missionshaus einzutreten, stellten sich eine Reihe innerer Bedenken und beängstigender Zweifel sowie zahlreiche äußere Widerstände entgegen, insbesondere von Seiten der Familie. Im Gebet und in vertrauensvollen Gesprächen rang sie um Klarheit. Schließlich stand ihr Entschluss endgültig fest. In Begleitung ihrer Eltern kam sie am 30. Dezember 1882 in Steyl an und schloss sich damit im Alter von mittlerweile dreißig Jahren dem Werk von Arnold Janssen an. In der Folgezeit verrichtete sie Dienste als Hausangestellte. Als Theresia Sicke aus Lippstadt, die bereits drei Jahre im Missionshaus um Gotteslohn zugunsten des Missionswerks als Gehilfin der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung, die seit Frühjahr 1876 die Küche und die Wäsche besorgten und in einem abgesonderten Teil des Hauses wohnten, von einer eventuellen Klostergründung für Missionsschwestern hörte, gesellte sie sich Helena Stollenwerk zu. Kurz danach traf Theresia Volpert in Steyl ein und binnen Jahresfrist Hendrina Stenmanns von Issum am Niederrhein, die als zweite Mitbegründerin der Dienerinnen des Heiligen Geistes gilt. Die vier Hausangestellten bildeten eine kleine Gemeinschaft, der anfangs lediglich ein Zimmer als Wohn- und Schlafraum zur Verfügung stand. Sie hatten eine harte Arbeit zu verrichten, denn die Zahl zukünftiger Missionare nahm ständig zu, und es gab häufige Exerzitien für Außenstehende, die gleichfalls zu versorgen waren. Zwar war Helena Stollenwerk nun am Ort ihre Sehnsüchte, aber noch keineswegs am Ort ihres eigentlichen Wunsches, nämlich Mitglied einer Ordensgemeinschaft zu sein. Die klosterähnlich lebende Gemeinschaft der vier Frauen, denen in mehrfacher Hinsicht äußerst viel zugemutet wurde, war für Arnold Janssen eine permanente Erinnerung, die Schwesterngründung nicht aus dem Auge zu verlieren. Kompliziert, pedantisch und zögerlich wie er war, dazu vermutlich verunsichert, wie er sich als Priester den Frauen gegenüber zu verhalten hatte, verstrich enorm viel Zeit; ihre Langmut wurde auf eine harte Probe gestellt, bis er sich endlich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte. „Der Superior erprobte sie in der Demut, in der lautlosen Geduld und im stillen Ausharren. Aber Helena Stollenwerk ließ sich dadurch weder demütigen noch zerbrechen. Sie kämpfte weiter. Sie blieb ihrer Berufung treu, auch als der, der ihr für ihre missionarische Aufgabe den Weg ebnen sollte, sie enttäuschte.“

Die kleine Gemeinschaft setzte ihre ganze Hoffnung auf das erste Generalkapitel 1885. Auf ihm verabschiedeten die Kapitulare zwar eine Absichtserklärung zwecks Gründung einer Schwesternkongregation, offenbar glaubten sie selbst indes nicht, dass dieses Projekt sich in nächster Zukunft realisieren ließe. Die vier Frauen informierte man nicht über diese Intention, wohl um keine trügerischen Hoffnungen zu nähren. Des zermürbenden, schier ausweglosen Wartens überdrüssig und nicht gewillt, sich länger mit vagen Beteuerungen hinhalten zu lassen, verließ Maria Theresia Volpert nach drei Jahren Steyl und trat in Mariannhill bei den „Schwestern vom Kostbaren Blut" ein. Ihre Stelle nahm bald Gertrud Hegemann ein, die allerdings gesundheitlich und emotional den Anforderungen der Arbeit und der Gemeinschaft nicht gewachsen war. Infolgedessen ergaben sich erste Schwierigkeiten und Konflikte im Kreis der vier Frauen, die eine ernsthafte Krise auslösten.

Physisch und psychisch äußerst angespannt, fragten sie sich, ob sie eine richtige Entscheidung getroffen hatten und Steyl der gottgewollte Platz für sie war. Auch Helena Stollenwerk wurde heftig verunsichert und verlor ihren inneren Frieden. Hatte sie sich ebenfalls falsch entschieden, und hatte sich Steyl als Sackgasse erwiesen? Rieben sie und ihre Gefährtinnen ihre Kräfte nicht in aufzehrender Arbeit auf ohne begründete Aussicht, je ans ersehnte Ziel zu gelangen? Bohrende Fragen, die einer redlichen Antwort harrten.

In ihrer Seelennot wandte sie sich deshalb an ihren früheren Beichtvater, Vikar Jülich. Ihr Brief ist nicht mehr vorhanden. Aber aus der Antwort lässt sich erschließen, welche Zweifel an ihrer Berufung sie gequält haben: „Wenn Sie also so viele Kämpfe haben, Fragen und Zweifel, so seien Sie zunächst gewiss, dass das kein schlimmes, sondern ein gutes Zeichen ist. Die große Berufsgnade will Gott auch geschätzt sehen, indem wir großmütig Opfer bringen. Dieses Läutern geht wie in einem Schmelztiegel: o, wie das glüht und zischt und brodelt und glimmt!" Vikar Jülich bewertet ihre Bedenken und Unsicherheiten als „Einflüsterungen des Versuchers" und verweist sie auf den inneren Weg mit Gott, auf „die Gottessorge, die Liebe Gottes"; dies sei das eigentliche Ziel des Ordenslebens. Er stellt ihr Paulus als den wohl größten Missionar vor Augen, der sich zuvor in die Wüste zurückgezogen habe. Schließlich versichert er ihr, fest davon überzeugt zu sein, dass sie zur Ordensfrau berufen sei, und er charakterisiert sie als eine Frau, der Gott „ein Herz voll Teilnahme und Liebe für seine Seelen gegeben, Offenheit, resolutes Wesen und heiligen Frohsinn". Deshalb habe er sie ermuntert, ins Kloster zu gehen.

Allem Anschein nach haben diese Gedankengänge die emotional aufgewühlte und stark verunsicherte Helena Stollenwerk bewogen, in Steyl zu bleiben und das Leben dort mit gewissen Einschränkungen innerlich zu akzeptieren, wenngleich sie manches durchaus nüchterner sah und auch beanstandete, beispielsweise das Faktum, dass Arnold Janssen den Frauen nur selten den Kommunionempfang zugestand.

Den vereinbarten, sukzessiven Auszug der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung aus Steyl bereitete man dadurch vor, dass Brüder - ihre Zahl war inzwischen beträchtlich angewachsen - mit der Küchenarbeit vertraut gemacht wurden. In Gewissheit dessen, was seiner harrte, bekannte Arnold Janssen am 8. Juni 1887 seinem Ratgeber, dem Lazaristenpater Ferdinand Medits: „Wir nähern uns immer mehr dem Zeitpunkt, wo wir die Schwestern [von der Göttlichen Vorsehung] entlassen und unsere Brüder selbst die Küche übernehmen können. Aber dann ist die große Frage: Was mit den vier Mägden anfangen. Soll man sie behalten, so muss man in der Nähe ein Haus für sie einrichten mit Küche usw. und die Ausbesserung der Wäsche ihnen übergeben. Dann muss man aber noch neue dazu annehmen und dann lässt sich der Entschluss, aus diesen Elementen eine weibliche Kongregation zu bilden, nicht länger aufschieben. Davor aber schrecke ich zurück. Das gibt neue Mühe und Sorgen, und ich weiß wirklich nicht einmal, allen bisherigen Pflichten zu genügen." In diesem Zeitraum war - nach dem Rotationsprinzip - Helena Stollenwerk die Sprecherin der kleinen Gruppe.

Karl-Josef Rivinius SVD: veröffentlicht in "Die Anregung", 3/ 2006, Steyler Verlag, Nettetal