Mutter Maria Helena Stollenwerk

Ein Leben für die Mission 1

Vorbemerkungen
Im Dekret über den heroischen Tugendgrad der Helena Stollenwerk vom 14. Mai 1991 heißt es unter anderem: „Die letzten Worte, die Jesus vor seiner Himmelfahrt sprach (Apg 1,8), waren nicht nur im Herzen der Dienerin Gottes Maria (Helena) Stollenwerk, lebendig, sondern wurden auch zu ihrem Lebensprogramm. Schon als Kind spürte sie in sich das Verlangen, sich ganz an Gott zu verschenken und zu jenen Völkern zu gehen, die Christus noch nicht kennen. Sie wollte das Evangelium der Erlösung verkünden und so am Kommen des Reiches Gottes und am Heil der Welt mitwirken.

Gottes Vorsehung jedoch entschied anders; statt sie in ein Missionsland zu führen, berief Gott sie dazu, mit dem heiligen Arnold Janssen in Verborgenheit, Demut und Gehorsam an der Gründung der Missionskongregation der Dienerinnen des Heiligen Geistes mitzuwirken und sich für die religiöse und apostolische Ausbildung ihrer Mitglieder ganz einzusetzen...

Die Erfüllung des Willens Gottes und die treue Übung der christlichen Tugenden waren der Inhalt ihres Lebens. Im Glauben fand sie das Licht und die Kraft, ihre religiöse und missionarische Berufung bis zum Ende zu leben...

Ihr tugendhaftes Leben wurde von allen, die sie kannten, hochgeschätzt und bewundert. Sie stand schon während ihres Lebens im Ruf der Heiligkeit. Da sich diese Meinung festigte und in den Jahren nach ihrem Tod wuchs, entschied der Bischof von Roermond, mit der Eröffnung des Informativprozesses (1950-1952) die Causa zur Kanonisation einzuleiten.

Am 7. Mai 1995 hat Papst Johannes Paul II. Maria Helena Stollenwerk zusammen mit drei weiteren Ordensleuten, zwei Schwestern und einem Priester, in Rom selig gesprochen. Wer war diese Frau und wie gestaltete sich ihr Lebensweg, die als Mitbegründerin der Missionskongregation der Dienerinnen des Heiligen Geistes bezeichnet wird?

 

1.Biographische Daten und Fakten

Helena Stollenwerk erblickte am 28. November 1852 in dem kleinen, unbedeutenden Eifeldorf Rollesbroich in der Gemeinde Simmerath in Nordrhein-Westfalen das Licht der Welt. Damals gehörte ihre Heimatgemeinde zur Erzdiözese Köln, heute zählt sie zum Bistum Aachen. Bei ihrer Geburt war ihr Vater Johann Peter Stollenwerk bereits 67 und ihre Mutter Anna Maria erst 28 Jahre alt. Helena Stollenwerk war das erste von zwei Kindern aus der dritten Ehe von Johann Peter, der zunächst als Fuhrmann und später als „Ackerer"  (Landwirt) den Lebensunterhalt verdiente.

Aus der ersten Ehe ihres Vaters, eines offensichtlich angesehenen und vermögenden Mannes, stammten acht Kinder, von denen drei taubstumm waren. Nach dem Tod der ersten Frau heiratete er ein zweites Mal, doch auch die zweite Frau starb allzu früh. Am 22. Januar 1852 heiratete Johann Peter Helenas Mutter. Im Mai 1859 starb Helenas Vater und drei Monate später ihre vierjährige Schwester Carolina. Mit 35 Jahren war ihre Mutter Witwe. Ein Jahr später vermählte sie sich mit dem zehn Jahre älteren verwitweten Hufschmied Johann Peter Breuer, der drei Mädchen in die Ehe brachte. Helenas Mutter brachte 1863 nochmals ein Mädchen zu Welt.

Helena Stollenwerk wuchs in einer Familie auf, zu der vier Generationen gehörten. Infolgedessen waren die Beziehungen zu- und untereinander durch Alter, Art der familialen Zugehörigkeit und körperlichen Gebrechen, durch Mentalität und Lebenserfahrung vielfältig, was von ihr eine enorme Flexibilität und Sensibilität im Miteinander erforderte. Früh sah sie sich mit Krankheit und Tod ihr nahe stehender Menschen konfrontiert: elementare zwischenmenschliche Erfahrungen, die ihr Menschen- und Gottesbild nachhaltig geprägt hatten.

Ihrem Vater gehörten mehrere Häuser sowie eine Gastwirtschaft, in der Helena Stollenwerk häufig aushelfen musste. Gleich den anderen Kindern des Dorfs hütete sie das Vieh. Zusammen mit rund 90 Kindern besuchte sie die einklassige Schule in Rollesbroich. Noch nicht zehn Jahre alt, erhielt sie Kommunionunterricht. Am Fest Christi Himmelfahrt 1863 empfing sie zum ersten Mal den Leib des Herrn; im folgenden Jahr wurde sie gefirmt. Zu Vikar Johann Leonard Jülich gewann sie ein besonderes Vertrauen; dieser wurde ihr geistlicher Wegbegleiter, den sie später selbst noch von Steyl aus um seinen Rat ersuchte.

Helena Stollenwerk wuchs in einer Zeit auf, als das religiöse Leben in der Kirche neu erwachte und die Verpflichtung für die Weltmission wieder stärker ins Bewusstsein trat. Die Verehrung des Herzens Jesu, die wie das Gebetsapostolat von Frankreich den Ausgang genommen hatte und in dessen Mittelpunkt die göttliche und affektiv besetzte Liebe Christi zu den Menschen stand, erlebte damals einen Höhepunkt. Beiden geistlichen Bewegungen, die sich rasch in viele Länder ausbreiteten, lag die Idee zugrunde, dass das Gebet Jesu Christi das allein authentische sei, von dem jedes andere Gebet getragen werde. Der betende Mensch gleiche sich Christus an, wenn er dessen Anliegen sich zu eigen mache und sich mit und in ihm bei der hl. Messe dem Vater darbringe.

Im Anschluss an die paulinische Lehre vom mystischen Leib Christi betrachteten die Propagatoren und Repräsentanten des Gebetsapostolats dieses Glaubensgeheimnis unter einem seelisch-aszetischen sowie unter einem mehr äußerlichen Aspekt. Danach sei der Christ gehalten, seinen Standespflichten mit einer adäquaten Innerlichkeit nachzukommen. „Der Mensch bietet auf diese Weise sein Leben Christus an, und Christus kommt dem Menschen im Austausch der Liebe entgegen und erneut dabei dessen Herz." Überdies will Christus das Heil der Welt. „Die Kirche hat den Auftrag, dieses Heil zu vermitteln. Der Auffassung der Zeit gemäß schreitet der Papst der Kirche voran, um immer mehr nichtchristliche Völker in die Kirche aufzunehmen. Die Absichten Christi werden somit in den Absichten des Papstes sichtbar... Das Reich Gottes wird zum ,sozialen Reich des Herzens Jesu'. Die Bemühungen der Christen müssen dahin gehen, diesem sozialen Reich zum Triumph zu verhelfen. Dazu ist missionarische Aktivität notwendig, die besonders seit 1874 den Mitgliedern des Gebetsapostolates empfohlen wurde. Helena Stollenwerks Frömmigkeit und Spiritualität sind von dieser geistlich-religiösen Ideenwelt und Atmosphäre ebenfalls stark beeinflusst worden, allerdings mehr unbewusst und unreflektiert.

Von frühester Kindheit an fühlte sie sich besonders hingezogen zum Kindheit-Jesu-Verein - heute „Päpstliches Missionswerk der Kinder". Die eindrucksvolle Lektüre der „Jahrbücher" und namentlich die Berichte über das Los nichtchristlicher Kinder, die vom ewigen Heil ausgeschlossen waren - speziell in China -, verfehlte nicht ihre Wirkung, vielmehr wurde sie davon derart affiziert, dass sie den Entschluss fasste, ihr Leben in den Dienst der Glaubensverbreitung zu stellen. In den Veröffentlichungen, Veranstaltungen und Feiern des Vereins, namentlich denen vom 28. Dezember - für sie „das freudigste Fest des ganzen Jahres" - erhielt sie jene Anregungen, die sie immer entschiedener dieses Ziel ins Auge fassen ließen. Sie hielt sich jedoch für nicht hinreichend begabt, die chinesische Sprache zu lernen. Sie möchte des ungeachtet Missionarin werden, dachte anfangs jedoch nicht daran, sich einer entsprechenden Ordensgemeinschaft anzuschließen. Mit ungefähr sechzehn Jahren las sie dann in einem Heft von europäischen Ordensfrauen, die Chinesisch lernten; das machte ihr Mut.

Helena Stollenwerk fokussierte sich keineswegs ausschließlich auf die Misere im fernen China, die sie mit ihrem Einsatz verringern wollte. Vielmehr setzte sie sich auch für notleidende Menschen in ihrem Lebensbereich ein, packte mit an, wo immer es sich als nötig erwies, und sie stand denen zur Seite, die Hilfe bedurften. Entstand in ihrem Umfeld durch Krankheit und Tod eine Notlage, dann sprang sie ein. Sie verzichtete auf neue Kleider, Schmuck und diverse Vergnügen, um das Ersparte den Kindern in China zukommen zu lassen. Denn diesem ostasiatischen Land und seinen Bewohnern galt ihre besondere Aufmerksamkeit, Liebe und ihr Gebet.

Ihre ernsthafte Absicht, sich ganz dem Dienst der Glaubensverbreitung zu widmen, lässt sich unter anderem daran ablesen, dass sie ab dem zehnten Lebensjahr für zwei Dezennien Beiträge für den Kindheit-Jesu-Verein gesammelt und für ihn geworben hat. Als Helena Stollenwerk trotz der von ihrer Familie vorgebrachten Einwände und gemachten Schwierigkeiten sich im Alter von zwanzig Jahren einer missionarischen Gemeinschaft anzuschließen gedachte, musste sie zu ihrem großen Leidwesen erfahren, dass es in Deutschland noch keine Missionskongregationen gab, die Frauen nach China sandten. Im übrigen ließen die kirchenfeindlichen Maßnahmen im Gefolge des Kulturkampfs jeglichen Ansatz einer Neugründung im Keim ersticken.

Um beim quälenden Warten und beschwerlichen Suchen nicht zu ermüden, machte sie das Gelübde, nicht ruhen zu wollen, bis sie die Schwelle eines Klosters überschritten hätte, das sich der Missionstätigkeit in China verpflichtet wusste. Im Frühjahr 1882 traf sie erstmals mit Arnold Janssen, dem Gründer des Steyler Missionshauses zusammen, das im März 1879 seine beiden ersten Missionare, Johann Baptist Anzer und Josef Freinademetz, nach China entsandt hatte. Bald erkannte sie, dass Steyl der Ort ihrer missionarischen Berufung war. Im Dezember desselben Jahres schloss sie sich dem Werk von Arnold Janssen an.

Karl-Josef Rivinius SVD, veröffentlicht in: "Die Anregung", 2/2006. Steyler Verlag, Nettetal