Argentinien

„Ich habe hinter einem Vorhang am Altar gewohnt“

15.08.2012

Pater Heinrich „Enrique“ Große-Darrelmann feiert am 15. August sein 50. Priesterjubiläum. Der Steyler Missionar wirkte viele Jahrzehnte in Kolumbien, bis er auf Umwegen nach Azara ins argentinische Misiones kam. Dort freut er sich Jahr für Jahr über einen „Missionar auf Zeit“.

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Pater Enrique 1952...

Die beiden Fotos auf der Einladung könnten unterschiedlicher nicht sein. Das erste: Die Schwarz-Weiß-Fotografie eines hageren Hochwürden im Priestertalar, mit streng gescheiteltem Haar, großer Hornbrille und ernstem, aber bescheidenem Blick. Das zweite Bild zeigt Pater Heinrich „Enrique“ Große-Darrelmann 50 Jahre später: Grau, lachend, bärtig, im sportlichen T-Shirt.

Eines ist geblieben: Seine Bescheidenheit. Zur Einweihung des lokalen Seniorenheims lädt die kleine Klappkarte ins argentinische Azara. 2007 hat die Caritasgruppe vor Ort dem Projekt den Startschuss gegeben, nach jahrelanger Bauzeit ist das „Hogar de Abuelos“ inzwischen bezugsfertig. Erst auf der Rückseite der Einladung wird klar: Der 15. August ist ein besonderes Datum. Am 15. August 1962 – vor 50 Jahren – wurde Pater Enrique zum Priester geweiht. „Wir wollen aber eigentlich keinen alten Mann feiern, sondern lieber ein Projekt“, sagt der Steyler Missionar fast entschuldigend. „Das ist doch viel interessanter.“

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...und 2012.

Die Steyler kennt der Goldjubilar von Kind an: Schon sein Onkel gehörte dem Missionsorden an. „Bei uns lag immer die ‚stadtgottes‘ auf dem Tisch“, erinnert er sich. „Die Zeitschrift hat schon ganz früh meine Missionsbegeisterung geweckt.“ Später, am Gymnasium St. Xaver in Bad Driburg, nutzte er jede Gelegenheit, insbesondere Missionare aus Südamerika zu treffen. „Zunächst war Chile mein Steckenpferd“, erinnert er sich. „Später, im Noviziat, wuchs meine Faszination für Brasilien und Argentinien.“ Noch vor seiner Priesterweihe hielt es den Essen-Oldenburger nicht mehr in der Heimat. Im Oktober 1958 brach er mit dem Schiff gen Südamerika auf, 26 Tage dauerte die beschwerliche Reise. In Buenos Aires setzte er sein Theologiestudium fort, aus Heinrich wurde „Enrique“. Vier Jahre später wurde er geweiht.
Pater Enrique ging nach Kolumbien, half den Steyler Pionieren in Medellín sechs Jahre lang, die ersten Gemeinden aufzubauen. „Ich habe die Kolumbianer schnell ins Herz geschlossen, als unglaublich gastfreundliche, offene und begeisterungsfähige Menschen“, sagt er. „Kolumbien war meine erste große Liebe.“ 1969 wurde er zum Oberen der Steyler in Kolumbien und Ecuador bestimmt. „Ich war für die Neugründungen in den beiden Ländern zuständig und musste viel hin- und herreisen“, erinnert er sich. „Als nach drei Jahren meine Amtszeit zu Ende war, habe ich Gott gelobt und gepriesen.“

Auf Heimatbesuch in Sankt Augustinzoom
Auf Heimatbesuch in Sankt Augustin

Der Steyler Missionar ging in den kolumbianischen Urwald, baute gemeinsam mit der indigenen Bevölkerung – den Nachfahren der Sklaven afrikanischer Herkunft – Grundschulen, Krankenhäuser und Bibliotheken auf. „Nach vier Jahren war ich mit allen möglichen Tropenkrankheiten ‚beschenkt‘ worden und musste den Urwald verlassen‘“, erzählt er. „Ich wurde in die Hauptstadt Bogotá versetzt und half dabei, eine riesige Gemeinde „Verbo divino“ wieder aufzubauen. Nach acht Jahren wurde mir die Gemeinde „San Justino Martir“ zugetragen, in der ebenfalls chaotische Zustände herrschten. Es war nichts da, nicht einmal ein Pfarrhaus. In der ersten Zeit habe ich in der Kirche hinter einem Vorhang am Altar gewohnt.“
Große-Darrelmann stürzte sich erneut in die Arbeit, machte sich sieben Jahre lang für die arme Bevölkerung des Barrio Kennedy stark. „Ich habe hartnäckig bei der Stadt verlangt, sie möge sich sputen und etwas für die 70.000 Menschen in unserem heruntergekommenen Viertel tun“, sagt er. „Ich habe an Märschen und Kundgebungen teilgenommen, war bei den Protesten immer vorne weg.“ Bald war der „aufrührerische“ Steyler Missionar den Lokalpolitikern ein Dorn im Auge. „Ich sollte aus dem Weg geräumt werden“, erinnert er sich. „Ich stand auf der Liste.“ Unterschwelligen Drohungen folgten Überfälle und Übergriffe auf seine Mitarbeiter. Pater Enrique hielt dem Druck stand, bis er sieben Jahre später nach Deutschland versetzt wurde.

Gottesdienst in Azarazoom
Gottesdienst in Azara

Hier warteten andere Aufgaben auf den Steyler Missionar: Die Betreuung des Arnold-Janssen-Hauses in Sankt Augustin. Die Berufungspastoral. Der Freiwilligendienst „Missionare auf Zeit.“ Drei Jahre lang engagierte sich Große-Darrellmann auf diesen Gebieten. „Aber insgeheim hat es in mir gebrannt, in die Pastoral zurück zu dürfen“, sagt er. „Ich habe meine Oberen bekniet, mich laufen zu lassen.“
Leichter gesagt als getan. Aus Kolumbien bekam der Missionar eine Absage. Aus Argentinien dagegen schrieb der lokale Provinzial freudig: „Komm lieber heute als morgen – wir brauchen dringend Hilfe.“ Der deutsche Provinzial stimmte zu, und Große-Darrelmann kehrte in das Land zurück, in dessen Hauptstadt er einst studiert hatte. In Misiones, im Nordosten Argentiniens an der Grenze zu Paraguay und Brasilien, fand er in der Gemeinde von Eldorado eine neue Heimat und die Gemeinde in ihm einen vertrauensvollen Seelsorger.
Um die Jahrtausendwende wurde bei einer Leisten-OP Große-Darrelmanns Krebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. „Ich stellte mich auf mein baldiges Ableben ein“, sagt der Missionar. „Aber der Arzt hat mir den Vogel gezeigt und gesagt, er werde alles dafür tun, damit ich mich noch nicht ausruhen könne. Ich müsse doch noch etwas weiterarbeiten.“ Nach einem Jahr und mehreren Operationen konnte Große-Darrelmann tatsächlich nach Argentinien zurückkehren. „Meine Mitbrüder haben mich empfangen wie einen Geist“, erinnert er sich. „Niemand hatte damit gerechnet, dass ich den Krebs besiege.“

Beim Treffen mit ehemaligen Missionaren auf Zeitzoom
Beim Treffen mit ehemaligen Missionaren auf Zeit

Pater Enrique kam in die Pfarrei, in der er noch heute arbeitet: San Antonio de Padua. „Eine wunderbare Gemeinde“, sagt er. „Ich fühle mich sehr, sehr wohl hier. Auch, weil ich jedes Jahr das außerordentliche Glück habe, dass mich ein ‚Missionar auf Zeit‘ unterstützt.“ Acht junge Männer haben schon ihren Freiwilligendienst bei ihm in Azara geleistet. Der neunte steht diesen Sommer vor der Tür. „Die Menschen bestaunen es und wissen es enorm zu würdigen, dass junge Leute aus einem so schönen Land wie Deutschland für ein Jahr zu uns kommen“, sagt er. „Das Zeugnis dieser jungen Menschen schlägt ein. Jeder der lokalen Jugendlichen will sie kennenlernen.“
Der Missionar schätzt es, wie sich die „Missionare auf Zeit“ mit ihrem individuellen Charakter und ihrer jeweiligen Art einbringen. „Für einen alten Mann wie mich sind sie eine Hilfe, die ich nicht genügend schätzen kann“, sagt er. „Sie unterstützen mich in der Pastoral, in der Liturgie, in der Caritas, in der Jugendarbeit. Das ist wirklich großartig.“
Zur Einweihung des Seniorenheimes am 15. August haben sich bereits sieben seiner ehemaligen „Missionare auf Zeit“ angemeldet. Und sie kommen wohl nicht nur, um die Fliesen in der Galerie und die Holztäfelung des Daches zu bestaunen. Sie kommen vor allem, um einen Mann zu feiern, der sie mit seiner offenen und herzlichen Art und Lebensweisheit beeindruckt und geprägt hat. Einen Mann, der Südamerika nach 50 Jahren kennt wie seine Westentasche – und sich doch immer wieder neu von der Kultur und den Menschen vor Ort begeistern lässt. Einer, der sich in bestem Norddeutsch aufrichtig darüber freut, dass er mit knapp 80 Jahren noch „in den Sielen steckt“. „Enrique“ Große-Darrelmann.

Markus Frädrich

 

Melanie Pies-Kalkum

Medienredaktion
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