Indien

Die Menschen haben mein Leben bereichert

20.12.2011

Priya Linke aus Rinteln lebt und arbeitet derzeit als „Missionarin auf Zeit“ im indischen Bundesstaat Kerala. In Vettimukal betreut sie geistig behinderte Kinder und Jugendliche – und nutzt ihren Auslandsaufenthalt, um das Land ihrer Mutter näher kennenzulernen.

Die "Missionarin auf Zeit" Priya Linke
Die "Missionarin auf Zeit" Priya Linke

In ein paar Tagen soll Weihnachten sein? Priya Linke kann’s nicht fassen. Mitten im „ewigen Juli“ des indischen Bundesstaates Kerala verdrängt das tropische Klima jeden Gedanken an Weihnachtsmarkt und Wintermantel. „Hier gibt es nur ein paar kitschige Leuchtsterne an manchen Häusern, und in den Geschäften kann man Plastiktannenbäume und Weihnachtsmann-Masken kaufen“, erzählt die 24-Jährige. „Ansonsten bekomme ich hier von Weihnachten nicht viel mit und habe noch nicht mal einen Adventskalender.“

Seit drei Monaten ist die junge Deutsche aus Rinteln im Weserbergland als Missionarin auf Zeit (MaZ) in Indien – dem Land, aus dem auch ihre Mutter Salamma stammt. „Ich wollte die Heimat meiner Mutter immer schon mal etwas besser kennenlernen“, sagt sie. „Außerdem hat es mich gereizt, unmittelbar nach dem Studium noch einmal ins Ausland zu gehen. Wenn man erst einmal im Joballtag ist, lässt sich so etwas wohl nur noch schwer realisieren.“

Bus in Moolamattom
Bus in Moolamattom

Priya entschied sich, ihren Berufseinstieg als Logopädin für einige Monate zu verschieben, schloss sich der MaZ-Vorbereitung bei den Steyler Missionaren an – und machte sich Ende August auf ins „Land der Kokospalmen“, was „Kerala“ in der Landessprache wörtlich bedeutet. „Es war ein komisches Gefühl, am Flughafen von Cochin nicht von einem Familienmitglied empfangen zu werden, sondern von zwei fremden Ordensschwestern. Und nicht zu wissen, wohin die Reise geht.“

Die Reise ging zunächst nach Moolamattom am Fluss Periyar. Priya fand Quartier bei den dortigen Ordensschwestern – und machte erste Bekanntschaft mit Land und Leuten. „Das MaZ-Jahr ist für mich die Möglichkeit, Kerala aus einer ganz anderen Perspektive kennenzulernen“, sagt sie. „Ich bin zuvor immer sehr abhängig von meiner Mutter und ihren Orts- und Sprachkenntnissen gewesen. Alleine dadurch, dass ich inzwischen ein wenig Malayalam lesen kann, eröffnen sich hier ganz neue Möglichkeiten.“ Etwa, allein zu Fuß oder mit dem Bus im dichten Straßenverkehr Moolamattoms unterwegs zu sein, oder eigenständig Einkäufe zu erledigen.

Priya mit einem Pookalam - einem Bild aus Blütenblättern
Priya mit einem Pookalam - einem Bild aus Blütenblättern

Priya stellte sich den Herausforderungen, lernte darüber hinaus, ihre Kleidung mit der Hand zu waschen, Churidars und Saris zu tragen und sich ihr Zimmer mit einem umtriebigen Ameisenvolk zu teilen. Sie feierte mit den Ordensschwestern Feste wie das traditionelle Onam – eine Art Erntedankfest – und lernte den Geschmack von Payasam und Bananenchips kennen. Selbst an die mangelnde Pünktlichkeit ihrer Gastgeber gewöhnte sie sich bald. „Wenn hier gesagt wird, dass man sich um viertel nach sechs irgendwo trifft, kann man sicher sein, dass selbst um viertel vor sieben noch nicht alle da sind“, sagt Priya. „Das ist schon sehr anders, als ich es aus Deutschland gewöhnt bin.“

Priya mit ihrer Cousine und ihrem Cousin
Priya mit ihrer Cousine und ihrem Cousin

Trotz vieler Bemühungen fand sich weder im Krankenhaus von Moolamattom – dem Bishop Vayalil Medical Centre – noch in einem einige Kilometer entfernten Rehabilitationszentrum eine Aufgabe für Priya. Die Missionarin auf Zeit fühlte sich in ihrem Tatendrang gebremst. „Ich war ja nicht zum Faulenzen nach Kerala gekommen, sondern, um etwas zu tun“, sagt sie. „Eben nicht nur, um mitzubeten und mitzuleben, sondern auch, um mitzuarbeiten.“ Ein Zwischentief, zu dem sich auch noch gesundheitliche Probleme gesellten – und das sie schließlich auch mit Hilfe ihrer Familie vor Ort meisterte. „Ich habe zwar versucht, möglichst unabhängig von meiner Familie und Verwandtschaft zu sein – aber es war in diesen Momenten schön, vertraute Menschen in der Nähe zu haben, auf die man sich verlassen kann“, sagt sie. Am Ende entschloss sich Priya, ihre Einsatzstelle zu wechseln – und nach Vettimukal zu gehen, im benachbarten Kottayam Distrikt.

Priya mit Kindern der „Sevagram Special School“
Priya mit Kindern der „Sevagram Special School“

Dort ist Priya nun in einem Internat für geistig behinderte Kinder und Jugendliche untergebracht, die sich hörbar über ihre Anwesenheit freuen. „Jeden Tag hört man ‚Aunty, Aunty‘-Rufe überall auf dem weitläufigen Gelände“, erzählt sie. „Tante – so werde ich hier genannt. Vor allem die Kinder hier geben mir viel Energie und Lebensfreude. Zwar gehen sie mir manchmal auch gehörig auf die Nerven – aber am Ende des Tages bleibt immer ein positives Gefühl zurück, und das finde ich einfach sehr schön.“ Priya spielt mit den Kindern der „Sevagram Special School“, springt ein, wenn ein Lehrer ausfällt, betreut manche Kinder auch einzeln. „Es ist ein gutes Gefühl, helfen zu können“, sagt sie. „Und ich glaube, dass die Kinder sich über die Aufmerksamkeit freuen, die ich ihnen schenke.“

An ihrem neuen Einsatzort fühlt sich Priya wohl
An ihrem neuen Einsatzort fühlt sich Priya wohl

bwohl ihr MaZ-Einsatz auch die eine oder andere Herausforderung für sie bereithielt: Schon zur Halbzeit zieht Priya eine positive Bilanz ihrer Zeit in Kerala. „Die Menschen, die ich bisher kennenlernen durfte, haben mein Leben bereichert“, sagt sie. „Ich war immer schon ein aufgeschlossener Mensch, aber inzwischen habe ich wirklich überhaupt keine Schwierigkeiten mehr, auf fremde, neue Leute zuzutreten und mich auf Unternehmungen mit ihnen einzulassen. Gerade durch die Unterschiede in der Kultur bekommt man die eigenen Werte doch recht deutlich aufgezeigt – und ich war mir noch nie so über meine Freiheiten in Deutschland im Klaren wie jetzt.“ Auch was ihren eigenen Charakter betrifft, hat Priya dazugelernt. „Ich habe gemerkt, dass ich ein sehr aktiver Mensch bin, der lernen muss, auch mal Ruhe auszuhalten“, sagt sie. „Mittlerweile sehe ich vieles gelassener, und das ist auch gut so.“

Sonnenuntergang im "Land der Kokospalmen"
Sonnenuntergang im "Land der Kokospalmen"

Über Weihnachten und Silvester ist das Internat geschlossen. Ihre zehn Ferientage will Priya nutzen, um abermals ihre Familie zu besuchen. Ihren Cousinen und Cousins hat sie bereits ein Geschenk gekauft: „Monopoly“ – das bekannte Brettspiel ist ihr im Supermarkt in die Hände gefallen. „Vielleicht kann ich damit ein bisschen ‚Deutsche Weihnacht‘ nach Indien bringen“, sagt sie. „Ein wenig familiäres Spieleabend-Flair im ewigen Juli von Kerala – das klingt doch nicht schlecht.“

Markus Frädrich

Priyas MaZ-Blog

Hier berichtet Priya aktuell aus ihrer MaZ-Zeit in Kerala.

 

Melanie Pies-Kalkum (zurzeit in Elternzeit)

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