Kongo (Demokratische Republik)

Da sein für die Verstoßenen

12.09.2011

Alltag der beiden „Missionare auf Zeit“ Tobias Braun und Christoph Franik im kongolesischen Straßenkinderprojekt „Orper“.

Tobias Braun und Christoph Franik, „Missionare auf Zeit“ in der Demokratischen Republik Kongozoom
Tobias Braun und Christoph Franik, „Missionare auf Zeit“ in der Demokratischen Republik Kongo

Der kreisende Finger ist das Zeichen. Das Zeichen für den Place de la Victoire.

Tobias Braun steht im Straßenstaub, neben ihm ruckelt ein nicht enden wollender Fahrzeugtross über eine Schlaglochpiste, die sich "Boulevard" schimpft, "Boulevard Lumumba". Zumindest irgendwo in der Mitte ist er asphaltiert, der Rest ist seit Jahren Baustelle. Zwischen schwitzenden Arbeitern und grimmigen Uniformträgern feilschen Straßenhändler und laufen Passanten, blaugelbe Taxibusse schießen über die Straße. Ein Fahrer hat den kreisenden Finger von Tobias gesehen, die Rolltür wird aufgestoßen. Das Fahrzeug ist bereits hoffnungslos überfüllt, aber man rückt zusammen. Fahrtziel: Innenstadt, "Victoire".

Das, sagt Tobias, sei das Anstrengendste am ganzen Tag. Nicht die Arbeit mit Straßenkindern in einem der fünf Waisenhäuser des Hilfswerks "Orper". Sondern die Fahrt dahin. "Manchmal sitze ich über eine Dreiviertelstunde mit 30 Personen im Sprinter und schwitze wie in der Sauna", erzählt der 20-Jährige. "Man weiß nie, welche Route der Fahrer nimmt. Manchmal verfährt er sich auch, dann braucht man eine Stunde für eine Strecke, die sonst 20 Minuten dauert. Und wenn es regnet, wird’s feucht, weil kaum ein Fahrzeug unbeschädigt ist. Einmal ist unser Taxi mitten im Gewitter rechts überholt worden, es gab eine riesige Fontäne und wir waren nass bis auf die Haut."

Der „Missonar auf Zeit“ Tobias Braun gemeinsam mit Straßenkindern aus den „Orper“-Heimen in Kinshasazoom
Der „Missonar auf Zeit“ Tobias Braun gemeinsam mit Straßenkindern aus den „Orper“-Heimen in Kinshasa

Heute ist es bislang trocken geblieben, obwohl die grauen Wolken am Himmel bedrohlich tief hängen. Mühsam arbeitet sich der Kleinbus durch den Stadtverkehr, in dem sich scheinbar alles an Blech tummelt, was auf europäischen Straßen ausgemustert worden ist. Auf einem rostigen DHL-Lastwagen mahnt die deutsche Aufschrift "Abstand halten!". Vergebens.

Tobias hat sich gewöhnt – an den Lärm, die Hitze, das Chaos. Gut ein halbes Jahr lang ist er nun schon als "Missionar auf Zeit" (MaZ) in Kinshasa. Er kennt die wichtigsten Ecken der 8-Millionen-Metropole am Kongofluss. Am "Victoire" etwa, dem Vergnügungsviertel der Stadt, sollte man sich nachts keinesfalls ohne Begleitung aufhalten. Jetzt, im morgendlichen Trubel an der belebten Kreuzung Matonge, macht sich Tobias unbesorgt auf die Suche nach einem Anschlusstaxi. Kurze Preisverhandlung, dann besteigt er das nächste Fahrzeug auf seinem Weg zur Arbeit.

"Ich wollte immer schon nach der Schule nach Afrika", erzählt er, während der Wagen Kurs auf den Stadtteil Yahuma nimmt. "Ein Jahr raus aus Deutschland, rein in eine andere Kultur. Am liebsten auf kirchlicher Basis, weil sich kirchliche Träger oft intensiver mit den Menschen beschäftigten als staatliche." Tobias stieß auf die Steyler Missionare – und auf das Angebot, zwölf Monate in einem ihrer Missionsgebete mitzuleben, mitzubeten und mitzuarbeiten. Umfassend wurde er auf seinen Einsatz im Kongo vorbereitet. "Die Wochenendseminare waren sehr gut, das Team ist klasse auf uns eingegangen und hat uns dabei geholfen, vor unserer Reise alle "Altlasten" loszuwerden, die man so mit sich rumträgt", erinnert er sich. "Aber trotz aller Vorbereitung war die erste Zeit hier sehr abenteuerlich."

Der „Missonar auf Zeit“ Tobias Braun gemeinsam mit Straßenkindern aus den „Orper“-Heimen in Kinshasazoom
Der „Missonar auf Zeit“ Tobias Braun gemeinsam mit Straßenkindern aus den „Orper“-Heimen in Kinshasa

Noch genau erinnert sich Tobias an seine nächtliche Ankunft im Kongo. An die Hitze und den Smog, der ihm beim Aussteigen aus dem Flugzeug entgegen schlug, an die mürrischen Blicke der Beamten am Einreiseschalter. An die kleinen Feuer rechts und links neben der sonst unbeleuchteten Flughafenstraße, an die Menschen, die dort zusammensaßen und aßen, tranken und lachten. "Es hat mich regelrecht erschlagen, wie extrem hier alles ist", sagt Tobias. "Die schlechten Straßen, der ganze Müll überall – das war echt krass."

Auch die Gasse vor dem "Maison Mama Suzanne" ist schmutzig. Durch ein schweres Tor betritt Tobias seine Arbeitsstelle – und ist sofort von "seinen Mädels" umzingelt. Sie rufen ihn beim Namen, nehmen ihn an die Hand, führen ihn zu einer Sitzgelegenheit unterm Wellblechdach. Schnell haben sie den jungen Mann aus Deutschland in eines ihrer Spiele eingebunden, Steine und Kronkorken dienen als Spielsteine. Zwischendurch greifen sich die Mädchen die Digitalkamera von Tobias, schmiegen sich an ihn, ziehen Grimassen und machen Schnappschüsse.

Es war diese Offenheit der Kinder, die Tobias dazu bewogen hat, sich für die Arbeit im einzigen Mädchenheim des Hilfswerks "Orper" zu melden. Zwischen acht und fünfzehn Jahre alt sind die Mädchen, die hier betreut werden. "Jedes hat seine Geschichte", sagt Tobias, deutet dann auf ein Kind, das gerade damit beschäftigt ist, Fufu zu stampfen – einen festen Brei aus Maniok oder Yams und Kochbananen. "Ihre beiden Eltern sind zum Beispiel tot, der Vater ist gerade erst verstorben. Einer ihrer Brüder ist im Gefängnis, zwei andere Geschwister leben – wie sie selbst – auf der Straße."

Der „Missonar auf Zeit“ Christoph Franik gemeinsam mit Straßenkindern aus den „Orper“-Heimen in Kinshasazoom
Der „Missonar auf Zeit“ Christoph Franik gemeinsam mit Straßenkindern aus den „Orper“-Heimen in Kinshasa

Ein anderes Mädchen hängt gerade Wäsche auf die Leine. "Ihre Mutter ist nach England gegangen und will nie wieder in den Kongo zurückkommen, weil es ihr in Europa besser geht", erklärt Tobias. "Der Vater des Mädchens hat eine neue Frau mit eigenen Kindern. Für sie ist zu Hause kein Platz mehr."

Am schlimmsten findet es Tobias, wenn bei den Schicksalen der Kinder Gewalt im Spiel ist. Viele der Mädchen hätten kleinere Blessuren vom Leben auf der Straße. "Aber es gibt auch Kinder, die am ganzen Körper vernarbt sind", sagt Tobias. Oft seien es jene, die von ihren Eltern als "Hexenkinder" für das Elend verantwortlich gemacht werden, in dem die Familie lebt. "Man führt die Kinder zu Sektenpriestern, um ihnen das Böse auszutreiben", erklärt Tobias. "Die Zeremonien sind grausam, manchmal werden die Kinder mit kochend heißem Wasser übergossen." Diese "Rituale" erklärt man anschließend als erfolglos, die meisten werden am Ende von ihren Familien verstoßen: Etwa 20.000 Kinder hausen auf den schmutzigen Straßen Kinshasas, halten sich dort mit Gelegenheitsarbeiten oder Diebstählen irgendwie über Wasser. Sie leben ein Leben als Gejagte – von ihren Familien, von der Polizei und von anderen Straßenkindern. "Auf der Straße regiert das Recht des Stärkeren", sagt Tobias. "Das merkt man natürlich im Umgang der Kinder miteinander." Soll heißen: Es geht durchaus mal etwas "ruppiger" zu, im "Maison Mama Suzanne". Nicht nur beim Basketball- oder Fußballspiel auf dem Hof ist nicht unbedingt Fairplay angesagt. "Die Kinder haben große Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten", sagt Tobias. "Aber: Woher sollen sie das auch können?"

Blick auf die Gebäude und des Hof des Heimeszoom
Blick auf die Gebäude und des Hof des Heimes

"Orper" – der Name des Hilfsprojekts, zu dem seine Arbeitsstätte gehört – steht für "Oeuvre de Reclassement et de Protection des Enfants de la Rue" – Werk für die Wiedereingliederung und den Schutz der Straßenkinder. Sein Leiter, der Steyler Missionar Pater Alpha Mazenga, kommt gegen Mittag ins "Maison Mama Suzanne", um nach dem Rechten zu sehen. "Die Anfänge von "Orper" gehen in die 1980er Jahre zurück, als einige Straßenkinder den inzwischen verstorbenen Steyler Missionar Pater Frank Roelants baten, auf dem Gelände seiner Pfarrei übernachten zu dürfen", erzählt Mazenga. "Roelants wurde bewusst, wie gefährlich die Nächte für die Straßenkinder von Kinshasa sind. So rief er "Orper" ins Leben." Heute beschäftige das spendenfinanzierte Hilfswerk rund 60 vollbeschäftigte Angestellte und ein gutes Dutzend Teilzeitkräfte. "Mit ihrer Hilfe stehen wir regelmäßig in Kontakt zu mehr als 2.000 Straßenkindern", so Mazenga.

Ein Rundgang durch das Wohnheim. Die Einrichtung ist bescheiden, aber sauber. Der Tagesablauf in den Orper-Häusern ist straff organisiert, Schulbesuch inklusive. "Aus den Kindern aufrechte Menschen machen" lautet das Motto des Hilfswerks: Nicht nur in der Küche und in der Wäscherei werden die Mädchen zur Selbstständigkeit erzogen. Im benachbarten "Foyer Pater Gérard" können sie das Schneider- oder das Friseurhandwerk erlernen, auch der projekteigene Bauernhof bietet zahlreiche Ausbildungsmöglichkeiten.

Ein Mädchen wäscht ihre Kleider. Sie ist am ganzen Körper vernarbt. Vermutlich zeugen die Narben von Ritualen, mit denen Sektenpriester versucht haben, mit kochend heißem Wasser die „böse Geister“ des so genannten „Hexenkindes“ auszutreiben.zoom
Ein Mädchen wäscht ihre Kleider. Sie ist am ganzen Körper vernarbt. Vermutlich zeugen die Narben von Ritualen, mit denen Sektenpriester versucht haben, mit kochend heißem Wasser die „böse Geister“ des so genannten „Hexenkindes“ auszutreiben.

Besonders stolz ist Mazenga auf jene Kinder und Jugendliche, die mit "Orper" ihren Weg ins Leben zurückfinden. So wie Michée, ein Junge, der 2004 ins Hilfsprojekt kam, nachdem er von seinen Onkeln und Tanten missbraucht und als Hexer angeklagt worden war. Michée fand Unterschlupf in einem der "Orper"-Häuser, durchlief das psychosoziale Programm des Hilfswerks und absolvierte zugleich eine Berufsausbildung als Automechaniker. Heute ist er 16 Jahre alt, erfolgreich in seine Familie wiedereingegliedert und kann von dem Handwerk leben, das er bei "Orper" gelernt hat.

Für viele "seiner Mädels" ist es bis zu so einer Erfolgsstory noch ein weiter Weg – da gibt sich Tobias keinerlei Illusionen hin. Lange hat der junge Mann aus Deutschland überlegt, wie er sich selbst am besten in den Heimalltag einbringen kann. "Letztlich habe ich erkannt, dass von mir gar nicht erwartet wird, dass ich ein Wahnsinnsprojekt starte und die Welt verändere", sagt er. "So versuche ich, einfach für die Kinder da zu sein. Ich will ihnen zeigen, dass sie mir nicht egal sind. Und dass es so etwas wie Liebe gibt."

Am späten Nachmittag kommt Christoph durch das Eingangstor – der zweite "Missionar auf Zeit", der aktuell in Kinshasa im Einsatz ist. "In dieser Stadt ist es einfacher, sich zu zweit durchzuschlagen", sagt der 20-Jährige. Eine wirklich brenzlige Situation habe es zwar noch nicht gegeben – der Bürgerkrieg tobt im Osten des Landes, Kinshasa ist verhältnismäßig sicher. Aber immerhin diese nächtliche Begegnung mit einer Jugendbande, die gedroht habe, die Taxifensterscheibe mit Steinen einzuwerfen, wenn man ihr kein Geld gebe. "Unser Fahrer hat gut reagiert und den Jungs 1.000 Francs in die Hand gedrückt", sagt Christoph. "Danach haben sie uns passieren lassen."

Die Mannschaft des „Centre Mobile“ gemeinsam mit Straßenkindernzoom
Die Mannschaft des „Centre Mobile“ gemeinsam mit Straßenkindern
Der „Missionar auf Zeit“ Christoph Franik umringt von Straßenkindernzoom
Der „Missionar auf Zeit“ Christoph Franik umringt von Straßenkindern
 

Während sich Tobias auf den Heimweg macht, greift Christoph zu seiner Umhängetasche und schlägt den Fußweg zum "Foyer Pater Gérard" ein. An die neugierigen Blicke, die ihn auf den Straßen verfolgen, hat sich der junge Berliner gewöhnt. "Mondele" ruft man ihm gelegentlich auf Lingala hinterher: "Weißer". Nicht immer klingt die Betonung des Wortes freundlich, aber Christoph setzt seinen Weg unbeirrt fort. Nur wenn er einen Uniformierten sieht, wechselt er die Straßenseite. "Daran musste ich mich wirklich gewöhnen", sagt der Missionar auf Zeit. "In Deutschland fühlt man sich in Gegenwart der Polizei sicher. Hier im Kongo ist bei der Begegnung mit der Polizei der Konflikt oft vorprogrammiert. Meist wollen die Beamten Geld, weil der Staat sie nicht bezahlt. Und fadenscheinige "Gesetzesübertretungen" sind schnell gefunden: Als Tobias letztens an einer Tankstelle telefoniert hat, kam sofort ein Polizist angerannt und meinte, er sollte auflegen, weil sonst die Tankstelle durch einen Funken aus dem Handy explodieren könnte. Wir haben dann lange über die Höhe des Bußgeldes verhandelt."

Tagsüber arbeitet Christoph in einem "Orper"-Heim für sechs- bis zwölfjährige Jungen, aber heute Abend will er sich dem "Centre Mobile" anschließen – einem Kleinbus, der werktags zwischen 19 Uhr und Mitternacht beliebte Treffpunkte der Straßenkinder von Kinshasa anfährt. Am "Foyer Pater Gérard" wird Christoph bereits von Blaise Chrispain erwartet, einem untersetzten Kongolesen, der von allen nur "Pápa Blaise" genannt wird und für das "Centre Mobile" verantwortlich zeichnet. Wieder geht es über Müllberge und durch dreckige Gassen, in denen es inzwischen dämmert. Christoph hat seine Tasche enger um sich geschnallt, denn in diesem Viertel wimmelt es von Dieben. Pápa Blaise will gerade die Grundidee hinter dem "Centre Mobile" erklären, da schießt aus der Dunkelheit ein weinender Junge auf ihn zu und klammert sich an einen seiner Arme. Dicht dahinter nähert sich eine Gruppe Jugendlicher, es kommt zu einem heftigen Wortgefecht, am Ende ziehen die Halbstarken ihres Weges. "Der Kleine hat den ganzen Tag auf der Straße Waren verkauft", erklärt Pápa Blaise. "Die anderen Jungs wollten ihn nun um seine Einnahmen bringen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen selbst etwas verdienen und den Jungen in Ruhe lassen. Im Prinzip ist es genau das, was wir auch mit dem "Centre Mobile" machen: Uns auf den Straßen Kinshasas für die Schwächsten einsetzen."

Ein Straßenkind wird mit frischem Wasser versorgtzoom
Ein Straßenkind wird mit frischem Wasser versorgt

Im "Foyer Père Frank" ist mal wieder der Strom ausgefallen. Auch das ist für Christoph inzwischen Alltag: Wasser und Elektrizität verabschieden sich manchmal für Stunden, meist dann, wenn er eigentlich Feierabend und etwas Zeit hätte, via Internet Kontakt in die Heimat zu pflegen. Irgendwo im Dunkeln stößt er dennoch auf die restliche "Centre-Mobile"-Besatzung: Den Fahrer Delphin, den Krankenpfleger Stany und Joseph, den Teamführer. Der Kleinbus trägt das "Oprer"-Logo: Ein Kreuz und ein Straßenkind, das zusammengekauert in einer Straßenecke sitzt. Dröhnend nimmt das "Centre Mobile" seine nächtliche Fahrt auf.

Am ersten Haltepunkt schwärmen Joseph und Christoph aus. Mitten auf einer Verkehrsinsel, unter Decken und Plastiktüten werden sie fündig. Die Straßenkinder des Viertels haben ein Nachtlager improvisiert, schmiegen sich dort wie Tiere aneinander, um sich gegenseitig warm zu halten. Immer mehr Schemen schälen sich aus dem Schmutz, greifen nach den Händen des "Orper"-Teams. "Bisou?" fragt ein in löchrige Lumpen gehüllter Junge den jungen „Missionar auf Zeit“ aus Deutschland. Christoph drückt ihn sanft, führt den Kleinen vorsichtig zum Kleinbus der Steyler Missionare.

Kinder aus den verschiedenen Heimen des Straßenkinderprojekts „Orper“zoom
Kinder aus den verschiedenen Heimen des Straßenkinderprojekts „Orper“

Dort verteilt Pápa Blaise Trinkwasser, Stany desinfiziert und verbindet im Inneren des Busses Schürfwunden und Entzündungen. Christoph wird als einziger Weißer von den Kindern neugierig belagert, gedrückt und ausgefragt – gelegentlich muss Joseph sie zur Ordnung rufen. "Es ist ein schwieriger Spagat", gibt er offen zu. "Einerseits wollen wir natürlich Nähe zulassen, denn die Kinder dürsten förmlich nach Körperkontakt. Andererseits: Die meisten von ihnen sind verzweifelte Diebe, die sich nehmen, was sie kriegen können. Wir müssen äußerst wachsam sein."

Erneut bahnt sich der Kleinbus durch die Straßen Kinshasas, auf zu neuen Schlafplätzen der Straßenkinder. Auf der Rückbank betrachtet Christoph die Menschenmassen, die sich auch zur Nachtzeit unentwegt durch die verschiedenen Viertel der Hauptstadt drängen – Marktstände, Plastikstühle, Regenpfützen ziehen am Fenster vorbei. "Die Lebensgeschichten der Kinder, die von ihren Eltern quasi wie Müll auf der Straße entsorgt werden, gehen mir schon sehr nah", sagt Christoph. "Viel kann ich nicht machen, um ihnen zu helfen. Aber ich habe festgestellt, dass ihnen ein offenes Ohr und eine Schulter zum Anlehnen schon sehr gut tun. Sie erzählen mir, dass sie irgendwann mal eine Schule besuchen, Profifußballer werden oder ein eigenes Geschäft eröffnen wollen. Alle wollen von der Straße wegkommen. "

Pater Mazenga, Kinder und Mitarbeiter eines „Orper“-Heimeszoom
Pater Mazenga, Kinder und Mitarbeiter eines „Orper“-Heimes

Die Route des "Centre Mobile" endet kurz vor Mitternacht am Place de la Victoire, an dem das Nachtleben in vollem Gange ist. Das "Orper"-Team bleibt dicht zusammen, schiebt sich an Partyvolk und Prostituierten vorbei, auf der Suche nach herumstreunenden Kindern. Zwei angetrunkene Polizisten torkeln angriffslustig auf Christoph zu, doch Joseph ist sofort zur Stelle, beschwichtigt die Beamten mit einem leisen, unterwürfigen Wortschwall aus Höflichkeiten. Die Kinder des Viertels haben in einem Hauseingang Zuflucht gesucht. Dicht an dicht liegen sie auf hartem Beton. Pápa Blaise zögert. Schließlich entscheidet er, die Gruppe schlafen zu lassen. Nach einem harten Tag auf der Straße will er ihnen zumindest ihre Nachtruhe gönnen. Und ihre Träume.


Markus Frädrich

 
Melanie Pies-Kalkum

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