Chile

„Es ist wie ein großes Hobby“

04.06.2012

Ein Jahr lang ist Lisa Meier aus Castrop-Rauxel als Missionarin auf Zeit in Chile im Einsatz. In Iquique arbeitet sie als Erzieherin in einer Babykrippe. Von ihrer Arbeit und von ihrer Rundreise durch Lateinamerika hat sie Markus Frädrich im Interview berichtet.

Die Missionarin auf Zeit Lisa Meier beim Mittagessen in der Babykrippe von Iquique
Die Missionarin auf Zeit Lisa Meier beim Mittagessen in der Babykrippe von Iquique

Du bist vor ein paar Wochen überfallen worden, Lisa?

Ja. Eigentlich eine lustige Geschichte. Ich saß in Mendoza auf der Plaza, um einen Sandwich zu essen. Um mich herum saßen mehrere Leute mit Laptop, iPad und ähnlichen Geräten, die dazu in der Lage sind, das öffentliche WLAN-Netz ausgiebig zu beanspruchen. So beschloss ich, mich anzuschließen und via Handy meine Mutter anzurufen. Wir haben gut 30 Minuten telefoniert, und als ich gerade auflegen wollte, spürte ich einen Schlag auf den Hinterkopf. Und mit einem geschickten Griff riss mir ein junger Typ das Handy aus der Hand.

Wie hast Du reagiert?

Nach einer kurzen Schrecksekunde bin ich sofort hinterher. Wir haben uns eine Verfolgungsjagd über die gesamte Plaza geliefert. Durch mein lautes Geschrei sind einige Leute aufmerksam geworden und ebenfalls hinter ihm her. Zum Schluss hat er es wohl mit der Angst zu tun bekommen und mein Handy auf den Rasen geworfen.

Das heißt, Du hast es unversehrt zurückbekommen?

Genau. Allerdings war meine Mutter während der ganzen Verfolgungsjagd am Telefon geblieben. Sie war natürlich sehr in Sorge und ich musste sie erst beruhigen und ihr erklären, was passiert war.

Lisas Herz schlägt neuerdings auch für Chile...zoom
Lisas Herz schlägt neuerdings auch für Chile...

Fühlst Du Dich trotz dieses Vorfalls wohl in Südamerika?

Ich fühle mich gut, sogar sehr gut. Acht Monate bin ich schon hier – und es ist so viel passiert. Die Arbeit macht mir Spaß. Es ist ein Traum, jeden Morgen aufzustehen und zu wissen, man geht gleich zur Arbeit, die aber eigentlich keine ist. Meine Tätigkeit erscheint mir eher wie ein großes Hobby, das ich hier ausüben darf.

Was genau machst Du an Deinem Einsatzort?

Anfangs war ich an zwei Orten tätig: Vormittags in einem Kindergarten und nachmittags in einer Babykrippe. Inzwischen arbeite ich fast zehn Stunden täglich in der Babykrippe, weil meine helfende Hand dort eher gebraucht wird.

Derick: Einer von Lisas Schützlingen aus der Babykrippe von Iquiquezoom
Derick: Einer von Lisas Schützlingen aus der Babykrippe von Iquique

Du arbeitest dort als Erzieherin?

Genau. Weil die Einrichtung mit deutlichem Personalmangel zu kämpfen hat, kann ich mich stark einbringen. Ich habe inzwischen sogar meine eigene kleine Gruppe von sechs Babys, um die ich mich intensiv kümmern und deren Lernfortschritte ich protokollieren muss. Ich wickle sie, ich tröste sie, ich spiele mit ihnen – und zwischendurch bringe ich ihnen etwas bei. Es ist schön, ihre Fortschritte zu sehen. Einige können inzwischen die Farben, andere die Tiergeräusche. Ein Kind kann mittlerweile sogar meinen Namen sagen!

Wie kamst Du überhaupt auf den Gedanken, „Missionarin auf Zeit“ zu werden?

Schon seit ich eines kleines Mädchen war, wollte ich immer mal einen freiwilligen Dienst leisten. Allerdings nicht irgendwo als Au-Pair bei einer reichen Familie in den Staaten oder Australien, sondern ich wollte dort anpacken, wo es wirklich nötig ist. Außerdem sollte mein Glaube nicht zu kurz kommen. So stieß ich irgendwann auf das MaZ-Programm. 2010 habe ich mich recht kurzfristig – schon nach Ende der Bewerbungsfrist – bei den Steyler Missionaren beworben. Und es hat dennoch geklappt.

Weihnachtszeit im Kindergarten
Weihnachtszeit im Kindergarten

Warum hast Du Chile als Einsatzland gewählt?

Es war mein Wunsch, in ein spanischsprachiges Land zu gehen und mit Kindern zu arbeiten. Das Alter der Kinder war mir völlig egal. So ergab es sich, dass der wunderschöne Ort Iquique im Norden Chiles mein Einsatzort wurde. In der Fundación „Niños en la Huella“ arbeite ich seit August als Freiwillige.

Und Du hast es noch nicht bereut?

Im Gegenteil. Die Arbeit erfüllt mich wie gesagt, aber auch sonst geht es mir unbeschreiblich gut. Mit Lukas, dem zweiten MaZ hier vor Ort, hat man immer was zu lachen. Und auch das Haus, in dem ich wohne, und die Personen, mit denen ich lebe, sind einfach großartig. Es macht Spaß, jeden Tag aufzustehen. Wenn ich am Wochenende nicht zu k.o., ziehe ich mit Freunden los und unternehme etwas.

Beim Toben mit "ihren" Kindernzoom
Beim Toben mit "ihren" Kindern

Dein bislang schönstes Erlebnis in Deiner MaZ-Zeit?

Dazu gehörte sicherlich die fünfwöchige Rundreise, auf der Lukas und ich andere „Missionare auf Zeit“ in Chile und Argentinien, Paraguay und Bolivien besucht haben. Wir haben das „Mallorca Chiles“ ausgekundschaftet und dort Geysire, Lagunen und natürlich Wüste pur bestaunt. Wir waren in Valparaiso – eine der schönsten Städte, die ich jemals gesehen habe, erbaut auf über 40 Hügeln am Meer. Wir waren in Buenos Aires, und sind von dort aus nach Azara, ehe wir uns zum wohl bisher spektakulärsten Erlebnis aufmachten, dass sich mir je geboten hat: Die Iguazú-Wasserfälle. Einfach atemberaubend! Alles in allem war diese Reise geprägt von vielen Gegensätzen: Laut und leise, arm und reich, kalt und heiß, steil und flach, Regenwald und Wüste, christlichem und einheimischem Glauben, sicher und gefährlich. Man muss es erlebt haben. Es war eine schöne Erfahrung und Bereicherung, wie das ganze Jahr hier es bisher war. Aber jetzt bin ich erst mal froh, endlich wieder in meinem Paradies zu sein. Hier habe ich vor, die letzten Monate meines MaZ-Einsatzes mit Freunden und meiner zweiten „Familie“ zu genießen.

Zurück im Kinder-Paradies von Iquiquezoom
Zurück im Kinder-Paradies von Iquique

Hat die bisherige MaZ-Zeit Dein Leben bereichert?

Auf jeden Fall. Vor allem die Erkenntnis, dass die Menschen hier in viel einfacheren Verhältnissen sehr viel glücklicher sind als wir in Europa. Ich denke, dass ist es, was ich mit nach Hause nehmen werde: Bescheidenheit. Ich habe gelernt, mit dem glücklich zu sein, was man hat.

Hast Du manchmal Heimweh nach Deutschland?

Ich vermisse natürlich meine Familie, meine Freunde – und meinen Hund. Aber wir halten regelmäßig Kontakt via Internet und Skype. Mein Internet-Blog ist in letzter Zeit etwas eingeschlafen, weil in der Babykrippe so viel zu tun ist. Der Laptop war eigentlich nur noch an, wenn der BVB spielt. Jeden Samstag um 10.15 Uhr hat die ganze Saison über der Wecker geklingelt, damit ich bloß nie den Anpfiff verpasse. Aber es hat sich ja gelohnt. Wir sind Deutscher Meister.

 

Melanie Pies-Kalkum

Medienredaktion
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