Kenia

Die Schokoladenschwester

22.07.2013

Anna Sailer leistet über die Steyler Missionare einen Einsatz als „Missionarin auf Zeit“: Im kenianischen Wang’uru unterrichtet die 19-jährige Weißenburgerin in einer Grundschule.

Eben mal schnell über den Schulhof laufen, um das Klassenzimmer zu wechseln? Für Anna Sailer kein leichtes Unterfangen: Schon nach wenigen Metern steckt sie in einer Schülertraube fest. Jungen und Mädchen in blauen Schuluniformen umlagern sie, greifen nach ihrer Hand, rufen „How are you?“, möchten sie begleiten.

Anna Sailer und Schüler der Holy-Family-Grundschule von Wang’uruzoom
Anna Sailer und Schüler der Holy-Family-Grundschule von Wang’uru

„Sister Anna“ ist eben eine ganz besondere Lehrerin an der Holy-Family-Grundschule, im kenianischen Wang’uru, 100 Kilometer nördlich von Nairobi. Sie hat lange, braune Haare und wohnt mitten unter den Schülern. Sie ist eine „Msungu“, eine Weiße, denn sie kommt aus Europa, aus dem süddeutschen Weißenburg. Und sie betet, kocht und wäscht gemeinsam unter einem Dach mit Ordensschwestern, fünf Franziskanerinnen-Missionarinnen Mariens, weshalb die Kinder sie ebenfalls „sister“ nennen.

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Ganz korrekt ist Anna Sailer freilich eine „Missionarin auf Zeit“ (MaZ), eine junge Freiwillige aus Deutschland, die ein Jahr nach Kenia gekommen ist, um mitzuleben, mitzubeten und mitzuarbeiten. „Ich wollte nach dem Abi ins Ausland“, erzählt die 19-Jährige. „Weil ich daheim seit meiner Firmung in der Jugendarbeit unserer Pfarrei aktiv bin, habe ich mich bei mehreren kirchlichen Trägern umgeschaut. Schließlich hat mir das MaZ-Programm der Steyler Missionare am besten gefallen. So habe ich mich bei ihnen auf meinen Einsatz vorbereitet.“ Gerne denkt Anna an diese intensive Zeit zurück: „Es hat gut gepasst, ich profitiere viel davon.“

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Nach dem zweiwöchigen Ausreiseseminar im vergangenen Sommer setzte sich Anna am 11. August in den Flieger nach Nairobi, die weißblaue Bayernfahne im Gepäck. Nach einer Woche in der kenianischen Hauptstadt brachte der Steyler Missionar Karl Schaarschmidt Anna an ihren eigentlichen Bestimmungsort, nach Wang’uru. Ein großes Hallo galt dort diesmal nicht allein dem Steyler Baubruder, der die Schwestern schon lange kennt, weil er ihr Haus und ihre Schule gebaut hat. „Als ich aus dem Auto stieg, kamen sofort fünf Ordensschwestern auf mich zugelaufen und haben mich umarmt“, erinnert sich Anna. „Der Empfang war total herzlich. Erst haben sie mir mein Zimmer gezeigt, dann gab’s Abendessen, dann haben wir Uno gespielt und zusammen ferngesehen. Ich fühlte mich gleich aufgenommen, wie in einer Familie.“

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Trotzdem dauerte es eine Weile, bis die Missionarin auf Zeit ihren Platz in Wang’uru gefunden hatte: Die Schüler waren noch in Ferien, eine feste Aufgabe für Anna ließ zunächst auf sich warten. „Obwohl die Schwestern immer für mich da waren, bin ich nicht wirklich gut reingekommen“, erzählt sie rückblickend. „In dieser Zeit habe ich jeden Abend in einem Gute-Wünsche-Buch gelesen, das mir meine Eltern ins Reisegepäck gelegt hatten. Alle meine Freunde und Verwandten haben darin eine Seite gestaltet – es tat mir gut, von ihnen zu lesen.“ Per E-Mail stärkten ihr darüber hinaus ihre Familie und andere Missionare auf Zeit den Rücken. „Ein bisschen Kulturschock bleibt wohl nicht aus“, bilanziert Anna diese ersten Wochen. „Es war krass, aber es hätte krasser sein können.“

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Nach einer kleinen Tansania-Reise konnte Anna in Wang’uru endlich durchstarten – und übernahm in mehreren Schulklassen den Unterricht, erst in Religion, später auch in Sport. „Zwar waren die Kinder zunächst mehr an Deutschland und mir interessiert, aber wir haben bald auch Geschichten aus der Bibel und ihre Bedeutung für sie besprochen, außerdem von Anfang an viel gebetet und gesungen“, sagt Anna. Vor einer Schulklasse zu stehen und auf Englisch zu unterrichten: Bis heute eine Herausforderung für die Freiwillige aus Deutschland. „Ich hatte schon Erfahrung darin, Jugendgruppen zu leiten“, sagt sie. „Aber gerade der Umgang mit kleinen Kindern, die öfter noch in Tränen ausbrechen, ist völlig neu für mich.“

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Bedeutend mehr zu schaffen macht es Anna jedoch, dass viele Schüler in Kenia körperliche Züchtigung durch ihre Lehrer gewöhnt sind. „Als ich einmal Disziplinschwierigkeiten in einer Klasse hatte, haben mich die Kinder tatsächlich aufgefordert, sie zu schlagen, wenn sie nicht gehorchen – einfach, weil sie das so kennen“, sagt Anna. „Ich habe ihnen erklärt, dass ich das nicht tun werde. Stattdessen habe ich mir angewöhnt, die Klasse zu belohnen, wenn sie sich besonders diszipliniert verhält. Dann singen wir etwa am Ende einer Stunde ein Lied. Wer eine besonders schwierige Frage beantwortet, bekommt ein Bonbon. Das hat mir den Spitznamen ‚Sister Anna Chocolate‘ eingebracht.“ 

Auch gegen das starre Auswendiglernen von Unterrichtsstoff, an das viele Schüler gewöhnt sind, hat Anna ihre Rezepte. „Wir malen viel, wir spielen viel Theater und gestalten unsere Stunden ein bisschen freier“, erklärt sie. „Mir ist es nicht wichtig, dass jeder Schüler auf Knopfdruck weiß, welche sieben Geistesgaben es gibt oder wie viele Fische Petrus im Netz hatte, sondern dass sie aus den Texten der Bibel etwas für ihr eigenes Leben lernen und mitnehmen können.“

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Wie dieses Leben aussieht, erfährt Anna jeden Nachmittag, wenn sie im benachbarten Projekt „United Brothers“ mit Straßenjungs ins Gespräch kommt. Mit Eliud, dessen Eltern 2002 gestorben sind. Mit Dennis, der im Alter von acht Jahren seine alkoholabhängige Mutter verließ, um sich auf der Straße durchzuschlagen. Mit Wachira, der in extrem armen Verhältnissen aufwuchs und drogenabhängig wurde, bis er in die Obhut der Wang’uru-Schwestern kam. Anna spielt Fußball mit den Jungs und singt mit ihnen. Vor allem aber hört sie ihren Geschichten zu.

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„Anna ist ein sehr herzlicher, offener Mensch“, sagt Schwester Srimanie Leitan aus Sri Lanka – eine der Ordensschwestern, deren Alltag Anna teilt. „Sie kam nicht nur nach Kenia, um zu geben. Sie kam auch, um zu lernen – und sie lässt sich völlig auf die Menschen und ihre Kultur ein. Ich empfinde sie als eine echte Mitschwester.“ Vor allem beeindruckt Schwester Srimanie, dass ihr junger Gast aus Deutschland sich bei aller Arbeit in der Schule nicht dafür zu schade ist, in der Küche, beim Waschen und beim Füttern der Tiere mit anzupacken – und bei allem stets die Gebetszeiten der internationalen Kommunität einhält. Jeden Morgen um halb sieben sitzt Anna mit den Schwestern in den Laudes, um 18 Uhr beschließt sie den Tag in der Kapelle mit ihnen. „Wir sind sehr glücklich, dass Anna zu uns gekommen ist“, sagt Schwester Srimanie. „Bei all ihrem Wissen und ihren sprachlichen Fähigkeiten ist ihre Freundschaft das größte Geschenk, das sie uns aus Deutschland mitgebracht hat.“

Wenn Anna auf ihren Freiwilligendienst zurückschaut, in dem sie den Mount Kenya bestiegen, Massai-Dörfer besucht und in Mombasa am Strand ins neue Jahr gefeiert hat, führen sie ihre schönsten Erinnerungen doch immer wieder zurück nach Wang’uru. Hier lässt sie in wenigen Tagen weitaus mehr zurück als Springseile und Luftballons, Scoubidou-Armbänder und ihre Geige. Sie sagt Lebewohl zu Kindern, denen es in den vergangenen Monaten schwer genug gefallen ist, Anna in gelegentliche Kurzurlaube zu verabschieden.

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Aber nicht nur Familie und Freunde, auch der Studienplatz in München wartet in Deutschland auf Anna. Gymnasiallehramt für Religion, Latein und Schulpsychologie: Unterrichtspraxis hat Anna dafür im vergangenen Jahr ausreichend gesammelt. „Auch sonst hat sich mein Einsatz mehr als gelohnt“, resümiert Anna. „Man schätzt seine Familie und die Umstände, in die man hineingeboren wurde, noch einmal ganz anders. Ich bin viel dankbarer für das, was ich alles habe, und so viel sensibler für andere Menschen geworden.“ Annas Vorsatz für die Heimat: Nicht das afrikanische Timing zu übernehmen, aber sich doch ab und an etwas mehr Gelassenheit zu gönnen. „Nach einem Jahr der Stromausfälle und Buckelpisten weiß ich, dass man nicht immer alles so zwanghaft sehen muss und auch locker mal mit weniger zurechtkommt“, sagt Anna. „Vielleicht bewahre ich mir diesen Gedanken ja auch für zu Hause.“

Markus Frädrich

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Melanie Pies-Kalkum

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