Das Leben neu geschenkt

02.04.2021

Pater Franz Helm SVD hat durch eine schwere Krankheit dem Tod ins Auge gesehen. 15 Jahre danach erinnert er sich im Steyler Magazin 'Leben jetzt' an die dunklen Stunden und den langen Weg der Genesung

"Ein überwältigendes Gefühl": Franz Helm SVD mit seiner Schwester am Gipfel des Dachstein – fast auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Lebertransplantation
"Ein überwältigendes Gefühl": Franz Helm SVD mit seiner Schwester am Gipfel des Dachstein – fast auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Lebertransplantation

Die Tour über den Schulter-Klettersteig ist kein Spaziergang. Es braucht Beweglichkeit und Mut, ehe man nach knapp einer Stunde Kletterei in schwindelnder Höhe das Ziel erreicht: den 2995 Meter hohen Dachstein. Bei Schönwetter bietet sich ein atemberaubendes Panorama. Als Franz Helm am 19. August 2007 zusammen mit seiner Schwester und seinem Schwager am Gipfel steht, bedeutet dies für ihn viel mehr als nur ein schönes Bergerlebnis. Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor war dem Steyler Missionar eine neue Leber transplantiert worden. Die Transplantation des Organs war der einzige Ausweg, denn eine Bestrahlung zur Bekämpfung seiner Krebserkrankung hatte die eigene Leber zerstört. „Als ich oben beim Gipfelkreuz ankam, war das ein überwältigendes Gefühl. Eine riesengroße Dankbarkeit und das Wissen: ‚Das geht wieder’“, erinnert sich Helm. Und das Ende eines langen Weges.

Leben mit Ablaufdatum

Als die Krankheit, die Franz Helms Leben verändern sollte, im Jahr 2004 ausbrach, befand sich der damals 43-jährige Priester und Missionswissenschaftler gerade in einer fordernden Lebensphase. Als Rektor war er für die Geschicke des Missionshauses St. Gabriel verantwortlich, gleichzeitig leitete er den Zeitschriftenverlag der Steyler Missionare in Österreich. Weil ihm die konkrete Seelsorge wichtig war, arbeitete er zusätzlich als Kaplan in einer Pfarre.
Doch plötzlich spielte der Körper nicht mehr mit: „Ich hatte immer wieder Schwächeanfälle.“ Im Krankenhaus wurden Darmblutungen festgestellt. Erst nach Monaten war die Ursache gefunden: ein 2 Zentimeter großer, sehr seltener Tumor. Kein Krebs, aber krebsähnlich.
Die Ärzte machen ihm einerseits Mut, dass es möglich sei, den Tumor unter Kontrolle zu halten. „Aber sie sagten mir auch: Es kann sein, dass er bereits Metastasen gebildet hat.“ Franz Helm recherchierte im Internet. Das Ergebnis war niederschmetternd. „Ich las, dass die Lebenserwartung bei meiner Krankheit acht, neun Jahre betrug und wusste, dass mein Leben ein ziemlich nahes Ablaufdatum hatte.“
Als erste Reaktion gab er seine Leitungsfunktionen im Orden und andere Verpflichtungen ab. „Manche Menschen in meinem Umkreis meinten, dass die Krankheit deshalb ausgebrochen sei, weil es mir psychisch nicht gut gehe, dass ich mein Leben grundlegend ändern müsse, ja sogar, dass das Ordensleben möglicherweise nicht das richtige für mich sei. Das habe ich aber nicht als Auslöser für meine Erkrankung sehen können“, stellt der Ordensmann fest.

Warten auf die Transplantation

Anfang 2006 ist Franz Helm zu einer routinemäßigen Untersuchung im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Bei der Computertomographie finden die Ärzte Metastasen im Bauchraum. Eine große Operation folgt, doch die Metastasen an der Leber sind nicht operierbar. Deshalb entscheiden sich die Mediziner für eine Bestrahlung. Die hohe Dosis des radioaktiven Mittels schädigt Helms Leber stark. Bald werden die Auswirkungen sichtbar: „Ich hatte Wasseransammlungen in den Beinen, einen aufgedunsenen Bauch, Haut und Augen wurden gelb, ich litt an Appetitlosigkeit und wurde immer matter.“ Als sich sein Zustand rapide verschlechtert, wird er im Krankenhaus aufgenommen. Die Ärzte sagen ihm, dass eine Lebertransplantation die einzige Möglichkeit sei, zu überleben. „Der Gedanke, dass ein Mensch sterben muss, damit ich eine neue Leber bekomme, war für mich zuerst schwer zu akzeptieren. Erst nach und nach machte ich mir bewusst, dass niemand wegen mir sterben musste“, sagt Franz Helm heute.
Bange Wochen beginnen. „Ab und zu hörte ich ein Geräusch, das ich für einen Hubschrauber im Landeanflug auf das Spital hielt. Brachte er vielleicht das lebensrettende Organ für mich?“ (Nach der Transplantation stellt sich heraus, dass das Geräusch von einer Bodenreinigungsmaschine herrührte.)
Die Besucher seiner alten Eltern, der Geschwister, Mitbrüder, von Freundinnen und Freunden werden zunehmend „Abschiedsbesuche“. Franz erfährt, dass viele Menschen für ihn beten. „Der Tod hat mir keine Angst gemacht. Ich war dankbar für mein Leben, was ich leisten durfte, hatte Sinn gemacht. Ich war mit mir selbst im Reinen.“ Nur der Gedanke, mit 45 Jahren vor seinen Eltern sterben zu müssen, belastet ihn sehr.

"Auf in den Kampf"

„Schließlich gab ich jede Hoffnung auf, ich war total erschöpft, konnte nicht mehr klar denken, war in einer Art Delirium. Ich hatte keine Kraft mehr zum Leben. Ich hatte den Eindruck, jetzt sterbe ich.“ Am absoluten Tiefpunkt kann Franz Helm nicht einmal mehr beten. „Meine Kusine Birgit, eine Ordensfrau, saß oft an meinem Bett. ‚Ich bete für dich’, sagte sie zu mir. Schließlich landete ich am 15. August nach einem Leberkoma auf der Intensivstation.“
Am 17. August kommt die erlösende Nachricht: Wir haben eine geeignete Leber für Sie! „Allein dieser Satz hat bewirkt, dass ich wieder Lebensenergie verspürte.“ Er flüsterte: „Vamos à luta!“, das ist portugiesisch und heißt so viel wie „Auf in den Kampf!“ – Es sollte noch ein langer Kampf werden.
Die Transplantation verlief erfolgreich, doch in den Tagen nach der mehrstündigen Operation kam es zu einer Reihe vom Komplikationen: Nierenversagen, Lungenentzündung, Abstoßungsreaktionen, ein epileptischer Anfall. „Im Rückblick bin ich unendlich dankbar für die Kunst der Ärzte, die geduldige und kompetente Betreuung durch das Pflegepersonal, das auch auf meine angeschlagene Psyche Rücksicht genommen hat. Es tut gut, wenn eine Krankenschwester dich umarmt und tröstet.“
Es sind Mini-Fortschritte, die Franz Helm beim Genesungsprozess macht: die Verlegung von der Intensiv- auf eine Normalstation, die ersten vorsichtigen Schritte am Krankenhausgang, jeder Meter bei den Spaziergängen während des Reha-Aufenthalts, das erste Mal Langlaufen mit seinem Bruder ein halbes Jahr nach der OP.
An ein Erlebnis erinnert er sich besonders: „Rund eine Woche nach der Entlassung aus dem Krankenhaus besuchte ich mit Freunden das Konzert einer brasilianischen Sängerin. Das war ein erster kleiner Sieg auf dem Weg zurück ins Leben!“ Als sein Vater im April 2007 stirbt, ist es sein Herzenswunsch, dem Requiem selbst als Priester vorzustehen. „Dass ich die Kraft dazu hatte, war ein Meilenstein.“

Dankbar für das neugeschenkte Leben: Nach langen Wochen der Rekonvalenszenz genoß Franz Helm im Herbst 2005 die Sonnenstrahlen am Teich von St. Gabriel
Dankbar für das neugeschenkte Leben: Nach langen Wochen der Rekonvalenszenz genoß Franz Helm im Herbst 2005 die Sonnenstrahlen am Teich von St. Gabriel

Was ist mein Auftrag?

Und wie ging es seiner Seele? „Ganz wichtig waren für mich Exerzitien im ‚Haus der Stille’ bei Graz. Dort bin ich ermutigt worden, nicht wieder zu glauben, dies und jenes tun zu müssen. Mir wurde klar, alles, was jetzt noch kommt, ist eine Draufgabe, ein Geschenk“, betont Franz Helm. Doch dieses geschenkte Leben will er sinnvoll und für ein gutes Leben anderer Menschen einsetzen. „Ich fragte mich: Was ist mein Auftrag? Was kann ich beitragen?“
Das „Weltdorf“, ein Jugendprojekt der Steyler Missionare in St. Gabriel, das er mehrere Jahre leitet, ist so ein Herzensanliegen. Die Bewahrung der Schöpfung und der Kampf gegen den Klimawandel sind ihm ebenso wichtig wie soziale Fragen. 2019 organisiert er mit Mitbrüdern und Gleichgesinnten Demos und Gebete, um gegen die geplante Schließung des Caritas Flüchtlingsheims in St. Gabriel durch die Behörden zu protestieren. „Der Protest war letztlich erfolglos, aber es war mir wichtig, die Stimme zu erheben.“
Gesundheitlich geht es Franz Helm nach wie vor gut. Er hört auf seinen Körper, achtet auf regelmäßige Bewegung und Sport. „Ich darf eigentlich alles machen, auch Reisen zu Mitbrüdern auf anderen Kontinenten waren in Absprache mit den Ärzten wieder möglich.“
Der drohende Verschluss von Herzkranzgefäßen vor drei Jahren war ein Weckruf, es wieder etwas ruhiger angehen zu lassen.
Seine Geschichte möchte er nicht als „Erfolgsstory“ darstellen. „Ich habe großes Glück gehabt, nicht jede Transplantation geht gut aus.“ Wenn er als Priester mit Menschen spricht, die auf eine Organverpflanzung warten, macht er ihnen Mut, aber er spricht auch aus, dass es auf den Tod zugehen kann. Er weiß aus eigener Erfahrung: „Manchmal ist es wichtiger, am Krankenbett zu verstummen, als fromme Sprüche von sich zu geben.“
Viele Menschen sahen seine Genesung als Beweis, dass das Gebet wirklich hilft. „Das Gebet der Familie, Mitbrüder und Freunde trägt einen, ja. Aber oft wird viel für einen kranken Menschen gebetet und er oder sie wird trotzdem nicht gesund. Warum? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube fest daran: Gott ist ein Gott des Lebens. Und sein Ja zu uns reicht über das irdische Leben hinaus.“

Text: Ursula Mauritz; Fotos: Christian Tauchner SVD, privat