«Auch Maasai haben ein Recht, die frohe Botschaft in ihrer Sprache zu hören»

10.10.2018

«Auch Maasai haben ein Recht, die frohe Botschaft in ihrer Sprache zu hören»

P. Albert Fuchs, aus der Schweiz stammender Steyler Missionar, ist nach seiner dreijährigen Amtszeit als Provinzial von Kenia und Tanzania und einer Auszeit in Daressalam 2017 an die Basis zurückgekehrt und arbeitet in der Bibelpastoral wieder mit den Maasai.

Während seines Heimaturlaubs im Sommer 2018 berichtete P. Albert Fuchs in der «Marienburg» über seine Arbeit, und wir trafen uns zum Gespräch. P. Albert ist wieder bei den Maasai tätig, diesmal im Wortsinn als Missionar, nicht wie früher in Orkesumet als Pfarrer oder Kaplan. Er geht zu den Leuten und macht mit ihnen Bibelarbeit. Schon von 1999 bis 2008 hatte er in Kenia bei den Maasai gearbeitet. Damals hatte er die Sprache gelernt, inzwischen aber wieder einiges vergessen. Er sagt dazu: «Die Maasai-Sprache „KiMaasai“ ist ganz anders, und oft spricht man doch Suaheli oder Kisusheali, aus Rücksicht auf die Leute, die nur diese Sprachen sprechen. Das grösste Dokument in der Maasai-Sprache ist die Bibel, so dass Bibellesen ideal auch fürs Lernen der Sprache ist.»

Normalerweise fährt P. Albert heute zusammen mit einem Katecheten zu den Aussenstationen, wo sie die Basisgemeinschafen treffen. Mit einer speziellen Methode des Bibelgesprächs, in dem sich Lesung, Stille und Sich-Austauschenüber das Wort Gottes abwechseln, bringt er den Maasai die Heilige Schrift näher.  P. Albert erzählt: «Viele Leute können nicht lesen und schreiben. Ich glaube aber, dass die Maasai auch ein Recht haben, die frohe Botschaft in ihrer Sprache zu hören. Die Männer können eher Kisuaheli, die Frauen weniger. Vom Wort Gottes in der Muttersprache angesprochen zu sein ist jedoch sehr wichtig

Kleine Gemeinschaften

Die Maasai leben sehr verstreut, es gibt aber doch dorfähnliche Strukturen, wie P. Albert schildert: «Da gibt es manchmal eine Schule, manchmal nur eine Lehmkirche. Manchmal steht da einfach ein grosser Baum, wo man sich jeden Sonntag trifft, dazu stellt man drei, vier Bänke zum Sitzen.» Die kleinen christlichen Gemeinschaften sollten sich neben dem Sonntagsgottesdienst einmal pro Woche treffen. Bei den Treffen, die nie am Markttag stattfinden sollten und die ab 10 oder 11 Uhr oder abends ab 20 Uhr eine bis zwei Stunden dauern, ist immer ein Katechet oder eine Kontaktperson dabei, dieselbst Maasai ist. Wenn P. Albert abends einen Film zeigt, «dann kommen alle», allerdings braucht es dann einen Generator für den Strom.

Jede Aussenstation in der Pfarrei hat einen kirchlichen Rat mit Leuten, die im Dorf angesehen sind, und einen – wenn auch oft nur wenig ausgebildeten – Katecheten. Das sind P. Alberts Bezugspersonen, die er auch über Handy erreichen kann, selbst wenn das Netz oft schlecht ist. Jeden Monat tauschen sich im Rahmen eines Treffens alle Katecheten mit den Priestern persönlich über die Verkündigungsarbeit aus.

Das beste Zimmer für den Missionar

Und wie übernachtet P. Albert auf seinen Reisen durch die Maasai-Gemeinschaften? «Man schläft in einfachen Häusern, manchmal in einer Schule, manchmal auf einer Kuhhaut. Uns geben die Maasai jedenfalls das beste Zimmer, das sie haben. P. Albert stellt auch fest, dass die Aussenstationen aktiv fragen: «Wann kommst du wieder zu uns?» Es passiert also etwas, wenn es gelingt, Begeisterung zu wecken. P. Albert ist aber immer wieder auch im Hauptzentrum der Pfarrei, wo er mit den Mitbrüdern zusammenlebt. Er unterstützt zwar auch den priesterlichen Dienst der Pfarreiaufgaben, will in seiner heutigen Tätigkeit aber bewusst weniger Zeit für Administratives aufwenden – daher sein Schwerpunkt in der Bibelpastoral.

Die Diözese Arusha gibt es seit 1963, nachdem in den fünfziger Jahren die «Holy Ghost Fathers» aus den USA erste Missionsstationen aufgebaut hatten – auch jene, an der nun die Steyler Missionare und P. Albert tätig sind und zu der auch eine Schule gehört. Schon damals hat man auch ältere Männer in die christliche Kirche aufgenommen, die aber oft mehrere Frauen hatten. Damals wollte man zeigen, dass die Mission keine Generation ausschliesst, auch wenn ihre Regeln nicht zum christlichen Glauben und zur Ehe als Sakrament passen. Einzelne Maasai der nächsten Generation setzten das dann um, aber katholisch zu heiraten ist immer noch die Ausnahme. Hinter der bis heute von einer Mehrheit praktizierten Vielehe stehen Überzeugungen wie jene, dass Frauen viel besser zum Besitztum der Familie schauen als Angestellte.

Gegensätze zwischen Kultur und Christentum

«Wenn es zu einem Konflikt zwischen der einheimischen Kultur und dem Christentum kommt, dann setzt sich die Kultur durch»: Auf diesen einfachen Nenner bringt es P. Albert, wenn man ihn nach der Lebenswirklichkeit zwischen Maasai-Riten wie Beschneidung bei Frauen (die der Staat verbietet) und Männern und den christlichen Glaubensgrundsätzen fragt. Solche Themen werden in der Verkündigung angesprochen», betont Albert Fuchs: «Ich habe die Kultur der Maasai gern, sie hat etwas Tolles an sich. Die Menschen sind gut, positiv eingestellt.» Die Umgebung und das Leben seien aber hart, wenn zum Beispiel wie im Vorjahr Tausende von Rindern wegen der Trockenheit sterben. Er selbst hat sich daher sehr gut auf die neue Aufgabe vorbereitet: «Ich möchte ihre Sprache noch besser lernen und die Kultur noch besser verstehen, damit ich sie mit der Botschaft von Jesus in Verbindung bringen kann.» Dabei gehe es nicht darum, ihnen Rezepte vorzuschreiben, sondern den jungen Massai die Chance zu geben, sich für den christlichen Glauben zu entscheiden.»

Besonders schön findet er in seiner Tätigkeit die Möglichkeit, mit den Leuten Zeit zu verbringen, mit ihnen zusammenzusitzen und übers Leben zu reden, mittendrin im Leben der Maasai zu stehen. In seiner Formulierung: «Wenn man sich gegenseitig als Mensch wahrnimmt.» Wenn man sich besser kenne, höre man immer klarer, was sie denken. Und man merkt ganz deutlich: «Es gibt nicht nur eine Sicht aufs Leben.» Wahrscheinlich gingen die Maasai davon aus, dass ein Weisser grundsätzlich reich sei. Wenn er, der auf einem Landwirtschaftsbetrieb in der Schweiz geborenwurde, sagt, dass ein Bauer hier 30 bis 40 Kühe habe, dann sind sie überrascht, wie wenige das sind. Wenn er aber dann ergänzt, wie viel Milch in der Schweiz eine einzige Kuh gibt, dann sind sie beeindruckt. 

Eine Bibel in jede Familie

Wenn P. Albert wie diesen Sommer auf Heimaturlaub weilt, dann freut er sich über viele Wiedersehen, aber: «Ich bin hier aber auch immer etwas fremder.» Wenn er hier sei, merke er, wie viel die Leute hier von allem haben: Essen und Dinge in den Läden. Diesmal fällt ihm besonders auf, wie viel man für Hobbies ausgibt, für Motorräder und ähnliches. Während hier die Individualisierung voranschreite, sei man bei den Maasai viel mehr auf die Gemeinschaft hin orientiert, die aber auch mehr Vorgaben mache.

Angesprochen auf konkrete Unterstützung aus Europa, sagt P. Albert zurückhaltend: «Es gibt immer Bedarf, auch wenn wir sicherstellen möchten, dass die Leute vor Ort selbst die treibende Kraft für Projekte wie etwa Kirchenbauten sind. Besonders hohe Kosten fallen für die Transporte an, für den Unterhalt von Fahrzeugen und den Betrieb des Spitals, wo ein neuer Operationssaal gebaut wird.» Ausserdem habe man das Ziel «In jede Maasai-Familie eine Bibel», was ebenfalls Kosten verursache.

P. Albert bei einer Messe mit den Maasai
P. Albert bei einer Messe mit den Maasai

Ein Leben für Afrika 

Pater Albert Fuchs wurde 1962 in Schönholzerswilen TG geboren. 1990 ist er im Missionshaus St. Gabriel in Maria Enzersdorf bei Wien zum Priester geweiht worden. Es folgte ein längerer Sprachaufenthalt in Irland. Von 1992 bis 1997 war Pater Albert im voralbergischen Dornbirn in der überpfarreilichen Jugendarbeit sowie ein Jahr als Kaplan in der Pfarrei Hatlerdorf tätig. Von dort ist er dann nach Kenia aufgebrochen, wo er während 17 Jahren verschiedene Funktionen ausübte. Unter anderem wirkte Pater Albert neun Jahre als Kaplan und Pfarrer bei den Maasai in Dol Dol im Landesinnern. Vor seiner Wahl zum Provinzial lebte und arbeitete er als Pfarrer in Orkesumet, Tansania. 2013 überlebte er in Arusha bei der Weihe einer Pfarrkirche ein Bombenattentat. 2014 bis 2017 wirkte er als Provinzial der Provinz Kenia-Tansania. Seit 2017 ist er in Tansania wieder in der Bibel-Arbeit tätig.

Steyler Missionare in Tansania 

Im Jahr 2000 kamen die ersten beiden Steyler Missionare nach Tansania. Heute betreuen elf Missionare in der Erzdiözese Arusha im Norden des Landes die Pfarreien Burka, Simanjiro, Orkesumet und Olasiti und dazu noch die Aussenstation Kwa Mrombo, die von der Pfarrei Sombetini abgetrennt wurde und bald zur Pfarrei erhoben werden soll.

Tansania hat rund 57 Millionen Einwohner. Die Fläche beträgt 945’087 Quadratkilometer. Das Land ist also rund 22 Mal so gross wie die Schweiz. Amtssprache ist Suaheli, insgesamt werden in Tansania 128 Sprachen gesprochen. Zirka 40 Prozent der Bevölkerung sind Christen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Und die Analphabetenrate ist hoch, rund 30 Prozent der Erwachsenen können weder schreiben noch lesen. Das Land ist seit 1961 unabhängig von Grossbritannien. Grösste Stadt ist Daressalam (2,8 Millionen Einwohner) an der Küste, Hauptstadt ist Dodoma (ca. 410’000 Einwohner) in der Mitte des Landes, wo auch die Regierung offiziell ihren Sitz hat.

Roger Tinner