Eine Einladung zum Perspektivenwechsel und zur Horizontverschmelzung

25.10.2019

Eine Einladung zum Perspektivenwechsel und zur Horizontverschmelzung

Internationaler Workshop „Sinology – Chinese/China Studies – Guoxue: Their Interrelation, Methodologies, and Impact“ in Siegburg.

Vom 21. bis 22. Oktober 2019 luden das Institut Monumenta Serica (Sankt Augustin) und das Monumenta Serica Sinological Research Center (Taipei) siebzehn Wissenschaftler aus Deutschland, Taiwan, Hongkong, VR China, Großbritannien, Schweden und den USA zu dem internationalen Workshop „Sinology – Chinese/China Studies – Guoxue: Their Interrelation, Methodologies, and Impact“ in das Katholisch-Soziale Institut, Siegburg ein. Die Veranstaltung bot ein Forum zum Austausch zwischen den verschiedenen Herangehensweisen der Chinaforschung – von der philologisch ausgerichteten Sinologie über die sozialwissenschaftlichen Chinese/China Studies (Chinastudien) bis hin zum kulturpolitischen Projekt der Guoxue („nationale Studien“) – und zur Diskussion aktueller Trends und Herausforderungen.

Das erste Panel widmete sich der Sinologie: Der renommierte Forscher Victor Mair (University of Pennsylvania, Philadelphia, USA) vertrat ein klassisches Verständnis der sinologischen Herangehensweise: Sie ist für ihn eine Sprachwissenschaft, die sich auf die Erschließung vor-moderner Texte konzentriert. Ihr wissenschaftlicher Beitrag liegt darin, über diese Forschung den frühen kulturellen Austausch zwischen Ost und West zu belegen und die traditionelle Vorstellung von China als einem in sich geschlossenen und nach außen abgeschotteten Reich zu hinterfragen. Hierbei profitiert sie von den technischen Möglichkeiten der digitalen Geisteswissenschaften. Die aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich thematisierte Tseng Shu-hsien, Direktorin der National Central Library Taiwans, eingehender, indem sie verschiedene Datenbank-Projekte dieser Bibliothek zur Erschließung klassischer chinesischer Texte vorstellte. Pan Feng-Chuan (National Taiwan Normal University, Taipei) hob in ihrem Beitrag zur frühen Sinologie der Chinamissionare unter anderem hervor, dass die Sinologie seit ihren Anfängen für westliche Akademiker auch als Spiegel fungiert, der eine Außensicht auf die eigene Kultur ermöglicht.


Im zweiten Panel wurde China aus der Sicht der „Chinese studies“ präsentiert: Thoralf Klein (Loughborough University, Großbritannien) kommentierte die Entwicklung der Studien zur Volksgruppe der Hakka zu einem eigenen transdiziplinären Forschungsfeld. Ausgehend von der modernen Forschung über Missionarsberichte bis hin zu den ursprünglichen Selbstzeugnissen der Hakka in ihren Genealogien veranschaulichte Klein die Wechselwirkung zwischen Forschung und der Konstruktion ethnischer Identitäten. Helwig Schmidt-Glintzer (China Centrum Tübingen) brachte die verschiedenen Herangehensweisen der Chinaforschung in Beziehung zueinander: Die Sinologie erschließt die chinesische Vergangenheit über die Analyse von Texten, die Chinese Studies reflektieren kritisch das moderne China, während Guoxue ein inner-chinesisches Projekt darstellt, über das eine kulturelle Identität Chinas konstruiert werden soll. Ravni Thakur (Delhi University) gab dem Publikum einen Überblick über die Entwicklung der Sinologie in Indien und die Forschungsschwerpunkte indischer Universitäten. Aufgrund der langjährigen politischen Rivalität zwischen Indien und der VR China sind außen- und sicherheitspolitische Fragestellungen bis heute von zentraler Bedeutung. Ren Dayuan (Beijing Foreign Studies University) skizzierte in seinem Vortrag die Entstehung der europäischen akademischen Sinologie im 19. Jahrhundert.

Den Abschluss des ersten Veranstaltungstages bildete der Vortrag von Christian Soffel (Universität Trier), der die problematische Nähe der Guoxue zu der politischen Führung der VR China ansprach. Dies drückt sich insbesondere in der Instrumentalisierung des Konfuzianismus im Diskurs gegen die „universelle Werte des Westens“ in der VR China wie auch beim Aufbau eines neuen nationalen Selbstbewusstseins aus.

Am zweiten Konferenztag wurde das Thema Guoxue („nationale Studien“) vertieft, das ursprünglich die wissenschaftliche Beschäftigung mit der eigenen Kultur bezeichnet. Der Begriff Guoxue hat seine Geschichte und ist nicht unumstritten, wie in den Diskussionen nach den einzelnen Vorträgen schnell deutlich wurde.

Peter Zarrow (University of Connecticut, Storrs, USA) erläuterte in seinem von Philip Clart (Universität Leipzig) vorgetragenen Paper, dass die Bezeichnung Guoxue im späten 19. Jahrhundert im Rahmen des Widerstands gegen die manjurische Fremdherrschaft der Qing entstand. Im heutigen China zeigt sich die intensive Rückbesinnung auf die eigene Geschichte, vor allem auf die Traditionen der Kaiserzeit, u.a. daran, dass seit den 1990er Jahren über 2.000 Museen gebaut wurden. Mit den unterschiedlichen Ansätzen von Guoxue und Sinologie bei der Auswertung archäologischer Funde befasste sich Celine Lai (Peking University) am Beispiel eines „Protowörterbuchs“ namens Cangjie pian, das erst kürzlich in den Besitz der Peking Universität gelangt ist. Ein Plädoyer für die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen brachte Hu Lung-lung (Dalarna University, Falun) vor und erläuterte am Beispiel von Literatur und Rechtswissenschaft, dass eine solche Überschreitung von fachlichen Grenzen bereits in dem ursprünglichen Guoxue-Begriff angelegt war.

Die Bedeutung von Übersetzungen rückte Patricia Sieber (Ohio State University, Columbus, USA) in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Da Sinologen vor allem durch ihre Übersetzungen eine nachhaltige Wirkung ausüben, regte Sieber an, eine umfassende Geschichte der Übersetzungen literarischer Texte am Beispiel der sogenannten Singspiele anzugehen.

Huang Meiting (Monumenta Serica Sinological Research Center, Taipei) setzte sich in ihrem Vortrag dafür ein, den Begriff Sinologie, der eine bestimmte Phase des sino-westlichen Kulturaustausches bezeichnet, durch „Chinese Studies“ und Guoxue zu ersetzen, um die Multidisziplinarität des Faches zu unterstreichen. In Taiwan habe sich dieser breitere Ansatz schon durchgesetzt.

Mit der Deutung der 64 Hexagramme des Klassikers Yijing (Buch der Wandlungen) aus der Sicht chinesischer Intellektueller des frühen 20. Jahrhunderts befasste sich Hon Tze-ki (City University of Hong Kong). Er zeigte, wie sowohl Reformer als auch Revolutionäre sich dieses Orakelbuchs bedienten, um die ideale Staatsform für China vorherzusagen.

Ein Abendprogramm in Sankt Augustin rundete die gelungene Konferenz ab: Nach einem stimmungsvollen Konzert mit Musik für Harfe (Laura Oetzel) und Querflöte (Klemens Salz) im Museum Haus Völker und Kulturen folgte eine Besichtigung der Sonderausstellung über Ars Sacra Pekinensis, einer christlichen Kunst mit chinesischer Prägung, durch die der Direktor des Museums, P. Jerzy Skrabania SVD, führte. Anschließend besuchten die Konferenzteilnehmer noch das Institut Monumenta Serica und seine große sinologische Bibliothek.

Die angeregte Atmosphäre während der beiden Konferenztage in dem gediegenen Ambiente des KSI auf dem Michaelsberg zeigte, dass das Thema „Sinology – Chinese/China Studies – Guoxue“ gut gewählt war und Diskussionen über das Selbstverständnis des Faches auch angesichts der wachsenden Bedeutung Chinas in der Welt mehr denn je notwendig sind.

Text: Barbara Hoster, Dirk Kuhlmann (Institut Monumenta Serica)