Reich beladen mit guten Erfahrungen

28.07.2020

Ein Rückblick auf das Leben der Schwestern in Sankt Augustin

Abschied von den Schwestern

„Ins Ungewisse geht es“, erzählen die Schwestern, während sie noch die letzten Kleinigkeiten in Sankt Augustin einpacken, denn die größeren Gepäckstücke sind schon abtransportiert nach Kroatien. „Wir fahren jetzt zuerst einmal nach Split ins Provinzhaus. Dann machen wir noch Urlaub, vielleicht auch ein wenig länger als sonst. Und dann, hat die Provinzoberin gesagt, werden wir erfahren, wo es für jede von uns weitergeht“, gibt sich Schwester Marinka, die Oberin der fünf Vinzentinerinnen in Sankt Augustin sachlich. Sie verbrachte fünfeinhalb Jahre im Missionspriesterseminar: „Eine schöne Zeit, in der ich viel bekommen habe, viel lernen durfte, neue Sichtweisen aus dem Umgang mit der Kultur und den Menschen hier“, wird sie fast nostalgisch. Die neue Sprache war am Anfang natürlich eine Herausforderung. Und die Weise, wie man hier den Glauben versteht, dass man per Du ist mit Schwestern, dass es plötzlich Umarmungen gibt, das war sie von ihrer Ausbildung her nicht gewohnt. Und dass man jederzeit jemanden aus Afrika, aus Indien, aus China trifft und etwas davon mitbekommt, wie sie ihren Glauben sehen und das Leben verstehen – „das hat meinen Horizont sehr erweitert“, klingt es fast wie ein Bekenntnis.

Abschied von den Schwestern
Abschied von den Schwestern
 

Wir sitzen am Tischchen in der Teeküche in der Krankenabteilung und plaudern über die Jahre bei den Steylern in Sankt Augustin. Schwester Ivana findet, dass es mit dem Verabschieden wegen dieser Corona-Pandemie nicht so richtig klappt: „Wir können uns nicht von allen verabschieden, nicht all die Leute treffen, mit denen wir in den Jahren vielerlei Kontakte hatten.“ Schwester Dubravka Zuro ist auch dabei. Sie findet diese Beschränkungen noch viel lästiger, ist sie doch eine sehr extrovertierte, temperamentvolle Schwester, die ein Vierteljahrhundert in Sankt Augustin gelebt hat.

Auch für Schwester Dubravka geht es um die Dankbarkeit für viele Erfahrungen und Begegnungen. „Mich hat es begeistert, dass ich fast die ganze Welt kennengelernt habe mit all den Missionaren und Studenten, die hier vorbeigekommen sind in den Jahren, mit ihren Lebensweisen, Kulturen, Sichtweisen. Auch mit ihren Sprachen, den anderen Lieder bei Gottesdiensten“, erzählt sie mit strahlenden Augen. Früher seien ja noch viel mehr Missionare auf Heimaturlaub vorbeigekommen. „Ich habe sie immer gefragt, was sie machen, wie es ihnen geht. Das waren ja teilweise auch noch "Buschmissionare", oder? Die waren dann immer besonders dankbar, wenn man ihnen etwas helfen konnte, Kleinigkeiten… Sie waren ja auch immer so bescheiden, einfache, demütige Menschen. Und auch das hat mich beeindruckt, dass sie nicht an sich selbst gedacht haben, sondern immer zuerst an ihre Mission. Ja, das sind Vorbilder, einfach mit ihrem Dasein!“

Ich brauche gar nicht die nächste Frage stellen, schon sprudelt es aus Schwester Dubravka heraus: „Noch was: Die vielen Jugendlichen, die Studenten, die hierhergekommen sind. Das hat eine ganz andere Dynamik gegeben, mit ihnen war es viel lebendiger, ein buntes Haus!“ Sie fand das interessant, dass man nicht wissen konnte, was auf einen zukommt. Und das hat sich zu einem großen Erfahrungsschatz gesammelt, den sie gern mitnimmt – „das wichtigste Gepäckstück, das ich habe, und riesengroß!“ Die jungen Studenten aus aller Welt, die hier immer wieder ankamen, hatten es ihr besonders angetan: „Sie haben mir immer leid getan, sie waren so allein und verloren, oft ohne Landsleute, ohne Sprache,“ erzählt Schwester Dubravka. „Die Wäscherei war dann immer auch ein Ort, wo man ihnen ein wenig helfen, sie begleiten und ihnen Mitgefühl zeigen konnte.“ Und mehr besinnlich: „Ich habe hier so viele gute Erfahrungen gemacht. Ich bin innerlich freier geworden, weil ich viel Neues kennengelernt habe. Manche Schwestern zuhause hatten keine Gelegenheit, etwas anderes kennenzulernen. Da hatte ich es viel besser. Meine Zeit hier hat meinen Horizont verändert.“

Abschied von den Schwestern
Abschied von den Schwestern
 

Die Buntheit des Lebens gehört auch für Schwester Ivana zu dem, was sie gerne und als wichtig nach Kroatien mitnimmt. „Wir haben hier erlebt, dass man auch anders leben kann. Es lässt sich so viel machen, wenn man die Vorurteile ein wenig abbaut.“ Die Schwestern erzählen, dass sie viele kleine Geschenke und Erinnerungsstücke mitbekommen haben. Fast zu viel, es sprengt die Koffer. „Aber das ist ja nicht nur ein Tuch oder was auch immer“, erklärt Schwester Dubravka, „das ist ja für mich der Pater Sowieso und der Student aus Indien oder etwas anderes. Und das Tüchlein oder die Karte erinnert mich an die gemeinsamen Jahre hier.“ Daher nimmt sie mehr mit, als vielleicht vorgesehen war. Die Schwestern haben ja nicht nur in Sankt Augustin mit den Steylern gearbeitet und gelebt. Sie hatten auch vielfältige Kontakte mit der kroatischen Gemeinde und mit anderen Gruppen. „Als ich hierhergekommen bin, glaubte ich ja, Deutschland sei reich und modern. Und dann kam ich in die Wäscherei – das war ja schrecklich altmodisch und veraltet! Erst später sind die neuen Maschinen gekommen. Aber das war schon ein Schock am Anfang“, erzählt Schwester Dubravka. „Ich nehme ein Zuhause mit von hier!“ glaubt Schwester Ivana, „das habe ich hier gefunden.“ „Und viele, viele Fotos nehme ich mit,“ zeigt Schwester Dubravka die Menge Fotos an, die fast keinen Platz haben, „aber ich kann doch die Erinnerungen daran nicht zurücklassen. Die werde ich dann gelegentlich schauen“, und schon jetzt kommt eine einsame Träne in ihre Augen. Die gute Erfahrung des Zusammenlebens in der Gemeinschaft hier mit den fünf Schwestern nehmen sie auch mit. Auch wenn sie in Kroatien nicht weiter zusammenbleiben können. „Wir müssen dann halt wieder unsere neuen Gemeinschaften aufbauen,“ stellt sich Schwester Ivana vor. „Wir kennen die meisten Schwestern, aber es wird wieder ein neues Leben, in einer neuen Gemeinschaft, mit anderen Herausforderungen,“ klingt es nicht ganz zuversichtlich. Dagegen hält Schwester Dubravka: „Ich werde einfach versuchen, Gemeinschaft zu leben und zusammenzuhalten, wie ich es hier erfahren habe, wohin ich auch komme!“ Ob die Schwestern schlechte Erfahrungen hinter sich lassen? Die Antwort darauf kommt sofort: „Wir haben hier so viel Gutes erlebt und das nehmen wir mit. Da brauchen wir nichts zurücklassen, alles kommt mit!“ Nur bei den Steylern bleibt ein Leere… Aber auch sie haben ja viele gute Erfahrungen gemacht, und die bleiben.

Interview: Pater Christian Tauchner SVD
Fotos: Pater Václav Mucha SVD