In die Ordnung eingefügt

14.11.2020

Um Gutes Leben in der Vorstellungswelt Chinas ging es im Vortrag von Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer in der Akademie Völker und Kulturen am 13. November.

Die Chinesen sehen sich als ein glückliches Volk, eröffnete Prof. Schmidt-Glintzer seinen Vortrag mit einem Hinweis auf eine Statistik. Demnach halten sich 93% der Chinesen für glücklich, im Vergleich zum weltweiten Durchschnitt von 63% der Menschen. Daher würden die Chinesen Auskunft geben können über das Glück und der Vortrag widmete sich dieser Perspektive und schaute auf die Verheißung von „Gutem Leben“ in der jahrtausendelangen Tradition Chinas bis heute.

Während ein Kind bei der Geburt nichts als gutes Leben erwartet und erlebt, stellt sich mit jedem Lebensjahr die Frage nach dem guten Leben in einer komplexeren Weise. Die eigene Lebensgeschichte mit all ihren Erfahrungen, Traumata und Kontexten wird immer mehr Teil dieser Suche nach dem guten Leben. Es entsteht ein weiter Zusammenhang, in dem die anderen Menschen, Eltern, Freunde – und für China besonders wichtig: Lehrer – eine bedeutende Rolle spielen.

Die Frage nach der Lebensgestaltung und dem guten Leben hält Prof. Schmidt-Glintzer für das zentrale Thema der Literatur und des Denkens der gesamten chinesischen Geschichte. Dafür brachte er Referenzen aus der gegenwärtigen Dichtung und dem Filmschaffen (wie etwa Zhang Yimous Film „Leben!“, 1994), aber auch die Überlegungen von Konfuzius oder – in Gegenposition dazu – Zhuangzi.

Nach Konfuzius geht es bei gutem Leben immer auch um das Wohl des Volkes. Das bedeutet nicht unbedingt eine absolute Gleichheit aller, sondern wenn sich jeder in seine Situation und soziale Stellung einfügt, können alle gut leben. Wahrscheinlich ist solches gutes Leben nur für Chinesen und im Rahmen des chinesischen Reiches möglich – eine Vorstellung, die mit der heutigen Globalisierung und Ausdehnung des Einflussbereichs in Schwierigkeiten kommt. Der Anspruch, gutes Leben für die Masse und das ganze Volk sicherzustellen, ist allerdings auch heute für die Gestaltung der Politik wesentlich und macht das Wesen der guten Regierung aus.

Wesentlich für die Erarbeitung von Perspektiven auf das gute Leben ist das Gespräch, schloss Prof. Schmidt-Glintzer seinen Vortrag. Dabei bezog er sich auf die Lessing-Rede von Hanna Arendt (1959), in der sie für das gesellschaftliche Gespräch plädiert, um eine gemeinsame Welt zu schaffen; die Welt muss besprochen und gesprochen werden, damit sie menschlich werden kann. Zu diesem Gespräch, so Prof. Schmidt-Glintzer, sind wir alle immer wieder eingeladen, um unser gutes Leben zu suchen.


Christian Tauchner SVD