Das Verhältnis von Staat und Religion

09.04.2021

Pater Fransiskus Dose SVD arbeitet an seiner Dissertation.

Seit Oktober 2019 promoviert Pater Fransiskus Dose SVD an der Hochschule für Philosophie und wohnt mit den studierenden Mitbrüdern in der ehemaligen Pfarrerswohnung von „Wiederkunft des Herrn“ in München. Für die Nachrichten aus der Provinz schreibt er über seine Motivation und seine Fortschritte:

Das Verhältnis zwischen Staat und Religion
Das Verhältnis zwischen Staat und Religion
Pater Fransiskus bei der Arbeit
Pater Fransiskus bei der Arbeit
 

„Das Studium ist erforderlich für meine spätere Tätigkeit an der Hochschule der Steyler in Ledalero auf Flores. In meiner Dissertation befasse ich mich mit dem Verhältnis von Staat und Religion in meinem Heimatland Indonesien. Der Grund für dieses Thema ist die Tatsache, dass Religionen, allen voran der Islam, dazu neigen, die Gefolgschaft ihrer Gläubigen für politische Interessen, etwa bei Wahlen, auszunützen. Es kommt immer wieder vor, dass religiöse Führer, Imame, ihre Anhänger gegen die Anhänger und das Glaubensgut anderer Religionen aufhetzen, sodass Unruhen und Konflikte entstehen. Immer wieder versuchen militante Gruppen im weitgehend muslimischen Land Indonesien die Scharia, ein spezielles Gesetz dieser Religionsgemeinschaft, zum Staatsgesetz zu machen, was dann für alle Bürger gelten soll. Das aber löst bei vielen Bürgern Unverständnis und Widerstand aus. Aus solchen Vorgängen tauchen Fragen auf: Wie soll sich der Staat zur Religion verhalten, oder was sind die Aufgaben des Staates, damit Friede erhalten bleibt, Religionsfreiheit gewährleistet wird und jede Religionsgemeinschaft sich im Rahmen einer staatlichen Ordnung entfalten kann? Welche Maßnahmen können getroffen werden, um Spannungen zwischen Religion und Staat sowie zwischen Religion und Religion zu vermeiden? Wie ist zum Beispiel zu verfahren, wenn staatliche Gesetze im Widerspruch zu bestimmten Normen einer Religion stehen? Oder umgekehrt, wenn eine Religionsgemeinschaft etwas lehrt oder praktiziert, dass der staatlichen Ordnung widerspricht?

Für das Verhältnis von Religion und Staat, das in meiner Dissertation untersucht wird, dienen die Auffassungen zweier bedeutender Philosophen der Neuzeit als Grundlage: Thomas Hobbes (1588-1679) mit seinem berühmten Werk „Leviathan“ und Jean Jacques Rousseau (1712-1778) mit der Idee „der bürgerlichen Religion (Zivilreligion)“. Ich versuche zunächst, mich mit ihren Analysen und Argumenten auseinanderzusetzen und dann ihre Thesen oder Theorien zu rekonstruieren. Es folgt dann die Anwendung ihrer Theorien auf die Situation in Indonesien. Die Frage lautet: Gibt es Berührungspunkte, Parallelen und Lösungsvorschläge, die als Argumente im Ringen um das Verhältnis von Religionen und Staat in Indonesien hilfreich sein können?

Ich bin mir bewusst, dass ich nicht einfach Bausteine aus Hobbes´ und Rousseaus´ theoretischen Gebäude herausbrechen und in unsere Auffassungen einbauen kann. Aber ihre Ideen können für das Gespräch um zeitgemäße Gestaltung staatlichen Lebens anregen, indem ich ihre Staatsphilosophie als Skizze nutze, an der ich analysieren kann, was sich bewährt hat und was sich als ungangbare Wege erwiesen hat. Mir bleibt die Freiheit, begründet Positionen zu vertreten, die ihren Postulaten diametral entgegen gesetzt sind. Ferner geht es den beiden Philosophen in ihren Theorien um den Frieden und die Sicherheit im Staat. Genau das ist das Grundanliegen meiner Dissertation.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie die Dissertationsarbeit sich entwickeln wird. Ich weiß nur, dass ich den Anfang bereits gemacht habe. Und wenn Aristoteles konstatiert „Der Anfang ist die Hälfte vom Ganzen“, dann ist das für mich ein ermutigender Aufruf zum Weitermachen.

Text und Fotos: Pater Fransiskus Dose SVD