Vom Kongo in den kühlen Norden

27.05.2021

„Ich fische und Gott macht den Rest“

Pater Jacques Kamba SVD, ein Menschenfischer, der auch Fische fängt.
Pater Jacques Kamba SVD, ein Menschenfischer, der auch Fische fängt.

Mein Name ist Jaques Kamba. Ich komme aus Kananga. Das liegt in der Provinz Kasaï-Central, im Süden der Demokratischen Republik Kongo, nicht weit von Angola entfernt. Die Gegend, aus der ich stamme, ist durch den Abbau von Diamanten bekannt.

Mein Weg zu den Steylern führte über die Scheutfelder Missionare, volkstümlich auch „Scheutisten“, und die Marienschwestern von Pittem, eine belgische Kongregation. So kam der Kontakt zu den Steylern zustande, als ich in Kinshasa deutsche Mitbrüder traf wie Pater Manfred Krause SVD, der zu damaliger Zeit Novizenmeister war, Pater Bernhard Schweizer SVD, der mein Novizenmeister wurde, Pater Hugo Tewes SVD und viele andere, die nicht mehr leben. Pater Manfred Krause hat mich im Propädeutikum (dem Studienvorbereitungsjahr) ausgebildet.

Seit 16 Jahren bin ich nun in Deutschland. Zwar bin ich kein Freund von Winter, Schnee und Kälte, aber ich bin gerne hier. Ich gehörte zu den ersten Studenten, die zum Studium der Theologie aus dem Kongo nach Deutschland eingeladen wurden. In Sankt Augustin lernte ich zunächst Deutsch, dann folgten die sechs Semester Theologiestudium. Nach der Diakonenweihe absolvierte ich im Bistum Augsburg mein Pastoraljahr, dann folgte die Priesterweihe. Meine erste Kaplanstelle war in Berlin-Charlottenburg. Dort wurde ich von Pater Rüdiger Brunner SVD begleitet. Ich wirkte in der Heilig-Geist-Gemeinde, im Seniorenhaus Malta und im Malteser Krankenhaus. Nun bin ich schon seit bald neun Jahren in Hamburg. Das ist die längste Station meiner Tätigkeit.

Wie ich mit den Menschen zurechtkomme? Man sagt ja, im kühlen Norden hätten die Menschen die Sonne im Herzen. Sie sagen mir, ich sei etwas Besonderes. Ich empfinde es zwar nicht so, dass ich etwas Besonderes wäre. Aber sie sagen, ich sei einfach, bescheiden und zurückhaltend.

Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, scheint es mir, als hätte ich Dinge eher im Verborgenen bewirkt. Wenn man in der Leitungsposition ist, kann man schon Projekte anstoßen. Wenn man aber kein Entscheider ist, dann schon viel weniger. Die Verantwortung liegt beim leitenden Pfarrer. Ich kann etwas vorschlagen, aber die Entscheidung trifft dann der Pfarrer. Und wenn er nicht einverstanden ist, dann kommt es nicht durch. Aber ich habe in der Vergangenheit mit Pfarrer Thomas Hoffmann gearbeitet. Die Zusammenarbeit mit ihm war richtig gut. Leider ist er krank geworden. Er hat mich dem Bischof als sein Nachfolger vorgeschlagen. Auf diese Aufgabe war ich nicht vorbereit und habe längere Zeit gebraucht, bis ich alle Bereiche kennengelernt hatte. Dabei war die pastorale Arbeit für mich kein Problem, aber die Administration war schon eine Herausforderung. Es hat auch keine Übergabe gegeben. Ich musste ins kalte Wasser springen. Nach dem Motto „Man wächst mit den Aufgaben“ bin ich Gott sehr dankbar und meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mir geholfen haben, als ich die Pfarradministration in den Pfarreien St. Maria- St. Joseph in Harburg und St. Bonifatius in Wilhelmsburg übertragen bekam sowie den Prozess der Entwicklung des Pastoralen Raumes Hamburg Süd übernommen habe. Als bekannt wurde, dass Pater Kamba zum Pfarradministrator und zum Leiter der Entwicklung des Pastoralen Raumes ernannt worden war, fragten manche Leute: „Was kann er denn? Schafft er es überhaupt? Der ist immer sehr still und zurückhaltend.“ Später kamen dieselben Leute auf mich zu und sagten: „Wir müssen Dir etwas beichten. Du machst das sehr schön, sehr menschlich und die Arbeitsatmosphäre im Pfarrteam ist viel besser geworden.“

Das Logo der Entwicklung des pastoralen Raumes.
Das Logo der Entwicklung des pastoralen Raumes.

Was die Aufgaben angeht, habe ich hier in Hamburg als Kaplan von zwei Gemeinden angefangen. Gelebt habe ich in der Steyler Kommunität in Neugraben. Dann haben sich meine Arbeit und mein Wohnort nach Harburg verlagert. Ich habe Gottesdienste gefeiert, Gespräche geführt, Menschen auf Ihren Lebens- und Glaubenswegen begleitet und dabei sehr viel gelernt. Mehr als in Berlin. Was die Anzahl der Katholiken betrifft, sind die Pfarreien hier viel größer. In Berlin habe ich vielleicht eine einzige Trauung gefeiert. Hier aber sind es viele Trauungen und wenn ich durch die Fußgängerzone spaziere, dann winken mir Leute zu, die ich getraut habe, immer noch verheiratet und mit einem Kinderwagen dabei. Das macht mir wirklich Freude, die Gemeinde so zu erleben.

Als Steyler Missionar bin ich mit Interkulturalität vertraut. Die Pfarrei hier ist nicht sehr homogen, Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen gehören zu uns. Im Konzept unseres neuen Pastoralen Raumes heißt es „Wir sind 24.000 Katholiken aus 110 verschiedenen Herkunftsnationen“. Da erleben wir die Interkulturalität. Einer der sieben Schwerpunkte in unserem Konzept lautet: „Gemeinschaft leben, Heimat sein.“ Wir wollen, dass Menschen sich in unserer Pfarrei heimisch und wohl fühlen und gemeinsame Gottesdienste gestalten unter der Berücksichtigung der Interkulturalität. Wir veranstalten auch das „Fest der Kulturen“. Interkulturalität und Respekt vor der Vielfalt sollen dabei ersichtlich sein. Es ist aber kein Steyler Schwerpunkt, sondern ein Teil des Konzeptes. Ich habe unserem Bischof das Konzept vorgestellt und es wurde ohne Veränderungen angenommen. Das ist es, was wir im Kleinen und Verborgenen bewirken. Ein Mitglied der Gemeinde sagte zu mir, die Steyler seien die „Feuerwehrleute“ in unserem pastoralen Raum. Was wäre aus diesem pastoralen Raum geworden, wenn es die Steyler hier nicht gegeben hätte.

Dann ist mir auch aufgefallen, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen zwar bei uns beten, dass ihre Kinder die Sakramente empfangen und Messdiener sind, aber die Eltern leider nicht in den Gremien mitwirken. So habe ich angeregt, die Menschen zur Mitarbeit einzuladen. Jetzt haben wir einen Chor aus Menschen, die aus Afrika stammen und auch in einem unserer Pfarrgemeinderäte vertreten sind. Aber das ist erst ein Anfang. Das Problem ist die Sprache. Die Kinder sprechen sehr gut Deutsch, aber ihre Eltern, die nach Deutschland geflüchtet sind, die tun sich sehr schwer damit. Das ist auch der Grund, warum sie sich zurückziehen und die Gottesdienste eher mitfeiern als mitgestalten. Das müssen wir im Auge behalten.

Natürlich denken wir auch an die Zukunft und haben neue Projekte in der Planung. Nun bin ich fast neun Jahre hier und das ist eine wirklich lange Zeit. Aus dem Kongo bekam ich eine Anfrage, dort das Noviziat zu begleiten. Da ich aber mitten im Prozess der Bildung des Pastoralen Raumes stehe, möchte ich noch meinen Beitrag für die lokale Kirche leisten. Ich bin froh, dass der Bischof es uns zutraut und unsere Arbeit anerkennt und dass wir als Steyler den pastoralen Raum entwickeln und mitgestalten dürfen. Ich nehme gerne eine neue Herausforderung an, auch um mich zu messen und herauszufinden, was ich kann. In dem Punkt ist Angst sicherlich kein guter Ratgeber.

Zur Entspannung habe ich in meiner Freizeit das Angeln entdeckt. Auf Einladung eines Gemeindemitglieds habe ich einen Kurs absolviert und die Prüfung mit „sehr gut“ bestanden, als Klassenbester. Damit habe ich den Anglerschein bekommen. Jetzt fahre ich gerne zum Fischfang mit der Angler-Gruppe aus unserer Harburger Gemeinde. Als wir einmal an der Ostsee Schollen-Angeln waren, da habe ich mehr gefangen als mein Lehrer, 16 Schollen! Ein Freund fragte mich: „Wie hältst du die Balance zwischen Fische-fangen und Menschen-fischen?“ Darauf antwortete ich, dass ich ein einfacher Fischer bin. Der liebe Gott sorgt für den Rest.

Ich bin sehr gerne mit Menschen unterwegs. Dadurch höre ich, was die Leute umtreibt, wie sie unsere Arbeit wertschätzen und es kommen Gespräche zustande, aus denen man viel entnehmen kann, was besser gemacht werden könnte. Normalerweise sitzen wir in den Pfarrhäusern und gehen nur in besonderen Fällen zu den Menschen. Wenn ich aber mit Menschen unterwegs bin, dann ist es ganz anders.

Wenn ich mir die Kirche der Zukunft vorstelle, denke ich, sie wird eine Kirche der Fusion sein. Momentan gibt es in unseren benachbarten Gemeinden viele Menschen, die keine Gelegenheit haben, einen Gottesdienst zu besuchen, dann kommen sie halt zu uns. Durch Corona wird das noch verstärkt, denn ihre eigenen Gemeinden und Kirchen sind zum Teil geschlossen.

Ich will kein falscher Prophet sein, aber wir werden eine Kirche erleben, wo Laien viel Verantwortung übernehmen. Mit Kirche der Fusion meine ich, dass die ganze Verwaltung zusammengeführt und die Pastoral aber auf eine breitere Basis gestellt wird. Mit der Priesterweihe wird den Seelsorgern nicht alles mitgegeben. Ich selbst musste erkennen, dass ich für Verwaltungsaufgaben nicht ausreichend ausgebildet bin. Ich würde gerne anderen Leuten den Vortritt lassen, dass sie das machen, weil sie es besser können als ich. Fusion in diesem Sinne heißt, Verwaltung zentralisieren und die Pastoral dezentralisieren. Wir werden in beiden Bereichen auf Laien setzen müssen. Laien werden mehr Aufgaben in der Verwaltung, aber auch verstärkt die spirituelle und pastoralen Gestaltung in den Gemeinden übernehmen müssen.

Text und Fotos: Pater Jacques Kamba SVD