Missionarische Gebetsmeinung - Januar 2004

01.01.2004

- Wir beten, dass man in Ozeanien in besonderer Weise für Priester- und Ordensberufe zur Evangelisation der einzelnen Ortskirchen Sorge trägt.

Eine Wasserwelt    

Kiribati, Vanuatu, Tonga, Tuvalu oder Nauru sind Wörter, die wahrscheinlich vor allem den Fans der Kreuzworträtsel einigermaßen geläufig sein dürften: Es sind Namen einiger der Staaten Ozeaniens, östlich von Australien nach Südamerika hin. Ganz Ozeanien ist etwas kleiner als Brasilien, was die Ausdehnung betrifft, besteht aber aus 14 Staaten, zählt etwa 10.000 Inseln und hat rund 30 Millionen Einwohner. Der Großteil der Region wird von Australien, Papua Neuguinea und Neuseeland eingenommen, den Rest bilden kleine Inseln und Atolle im Südpazifik, in einer unendlichen Wasserwelt.

83 Prozent der Bewohner sind Christen verschiedener Kirchen. Der Rest gehört anderen Religionen an. In letzter Zeit gibt es auch zunehmend Leute, die sich keiner Religion zuzählen.

Das Christentum kam teilweise mit den Schiffen der Einwanderer aus Europa, wie die weiße Bevölkerung Australiens. die ungezählten Stämme und Völker Neuguineas und vieler kleinerer Inseln lernten den christlichen Glauben durch Missionare kennen - eine Geschichte, die viele Märtyrer hervorgebracht hat, sicher auch eine Geschichte, die von europäischer Seite so erzählt wird. Denn etwa die Maori Neuseelands wurden nicht nur mit dem christlichen Glauben bekannt gemacht, sondern manche Missionare haben auch versucht, ihnen Elemente der europäischen Zivilisation zusammen mit dem Evangelium aufzuerlegen, wie sich Ecclesia in Oceania (nr. 7) beklagt.

Die Bischöfe Ozeaniens haben sich Ende 1998 vollzählig in Rom zur kontinentalen Synode in Vorbereitung auf das Jahr 2000 getroffen: Im Folgenden möchte ich die postsynodale Exhortation Ecclesia in Oceania (EO) von Ende 2001 nachlesen und das Gebet um Priester- und Ordensberufe für diese Kirchen in diesen Kontext rücken.


Gemeinschaft, Kultur und Mission    

Das Christentum kann in den angestammten Kulturen Ozeaniens auf einem "gewaltigen Gemeinschaftsinn und die Solidarität' aufbauen. Die Missionare fanden bei ihrer Ankunft einen wichtigen und tiefen Sinn für das Heilige vor (EO 7). Es soll dort ein Wandgemälde in einem Gotteshaus geben, das diese Wahrheit darstellt: Auf dem Schiff, mit dem die Kolonisatoren und Missionare an einen Strand kommen, ist auch Jesus zu sehen. Aber die gleiche Figur findet sich auch mehrmals unter den Leuten, die am Strand die Ankunft der Missionare erwarten. Dies will aussagen: Jesus und seine Frohbotschaft sind schon da, bevor noch der erste Missionar in eine neue Kultur kommt, weil ja alle Kulturen von Gott geschaffen sind.

Von diesem Gemeinschaftssinn ausgehend hat sich die Synode deutlich ausgesprochen, die Kirche als Gemeinschaft zu verstehen. Die Kirche ist das Volk Gottes (EO 10 - 11), wie das vom Zweiten Vatikanischen Konzil sehr betont wurde und in den letzten Jahren eifrig verwischt wird. Dieses Volk, die Gemeinschaft und die Nachfolge Jesu charakterisieren sich sogleich auch in ihrer missionarischen Ausrichtung (EO 8; 10; 13 usw.). Ich sehe in diesen Teilen der Exhortation sehr interessante Hinweise auf das Thema der Gebetsmeinung: Hier könnte um Berufungen für die Evangelisierung gebetet werden, die sich auf das ganze Volk Gottes beziehen. So stuft die Synode den Beitrag der Katechisten und Laien in der Evangelisierungsarbeit als sehr wichtig ein (z. B. EO 15). Es wäre allerdings wahrscheinlich zu viel erwartet, wenn diesen wichtigen Orientierungen nicht einige Widersprüche oder wenigstens Einschränkungen folgten: Die wahre Evangelisierungsarbeit wird aber dann doch wieder den Bischöfen zugeschrieben (wie parallel zur ozeanischen Synode auch in den Lineamenta der ordentlichen Bischofssynode angedeutet wurde, dann aber im Arbeitsdokument völlig unterdrückt worden ist), und die Priester sowie die Ordensleute sind (eben noch) Mitarbeiter in dieser Aufgabe der Bischöfe (vgl. EO 19). Die Laien werden im englischen Text zu "lay workers", sind also offenbar nicht mehr "Kirche", sondern leisten (nur noch) einen wichtigen Beitrag zur Evangelisierung der Kirche (z.B. EO 15).


Kultur und Inkulturierung der Berufungen    

Es ist klar, dass das Evangelium in jeder Kultur Platz hat, setzt die Exhortation voraus (EO 7; 16). Dann wird die Inkulturierung sehr gut beschrieben, in ihren Beziehungen zur Schöpfung, zur Inkarnation und zur Dreifaltigkeit. Das Evangelium tritt in eine konstuktive und kreative Beziehung zu den vielfältigen Kulturen ein.

Schwieriger wird es, wenn es um den Mangel an Priestem geht. Die Synode hält fest, dass in den lokalen Kulturen kein Ansatz gegeben ist, um die Sinnhaftigkeit des Zölibats und der Keuschheit zu verstehen. Kein Wunder, möchte man sagen, dass es an Berufungen fehlen wird. Die Erklärung dieser "zeitlosen Werte" ist daher eine erste Aufgabe für die Kirche in diesen Kulturen (EO 49). Es ist wahrscheinlich in diesem Kontext, in dem man die Gebetsintention des Heiligen Vaters um geistliche Berufungen für Ozeanien verstehen sollte.

Vielleicht wäre es aber nicht schlecht, das Gebet auch am anderen Duktus der Exhortation auszurichten: In den Kulturen gibt es Verstehensmuster, die das Evangelium in jeweils sehr eigener Weise annehmen, ausdrücken und leben (EO 16). Auf der anderen Seite sehen sich die Kirchen Ozeaniens herausgefordert, das Evangelium in einer Weise auszudrücken, die die Frohbotschaft in einem veränderten kulturellen Kontext verständlich und sinnvoll macht. Zur Zeit haben die Synodalväter den Eindruck, dass die Kirche "eine Botschaft verkündet, die irrelevant, unattraktiv und unüberzeugend ist" (EO 14). Das ist wahrscheinlich nicht die Schuld des Evangeliums, sondern der Verwechslung von Frohbotschaft und angestammter europäischer Tradition. (Oder liegt es nicht doch in der Botschaft selbst, vom Kreuz...) Man könnte daher vielleicht auch sinnhafterweise beten um Offenheit für den Hl. Geist, für das Evangelium und seine erneuernde Kraft und um das Vertrauen, dass die Kulturen Ozeaniens kreativ Lebensformen geistlicher Berufungen entwerfen können, die in ihrem jeweiligen Kontext sinnvoll und verständlich sind und es den Völkern Ozeaniens erlauben, den "Weg Jesu zu gehen, seine Wahrheit zu erzählen und sein Leben zu leben" (so das Thema der Synode).


Dieser Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift "DIE ANREGUNG" Ausgabe 1/2004

Christian Tauchner SVD