Allgemeine Gebetsmeinung - Januar 2004

01.01.2004

- Wir beten, dass alle Menschen erkennen, dass sie Glieder der einen Familie Gottes sind und Kriege, Unrecht und Diskriminierung unter sich beenden.

Schillernde Zweideutigkeit    

Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt... Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen": Das Pathos des jungen Schiller hat Beethoven in unsterbliche Musik verwandelt, im Schlußchor seiner neunten Symphonie. Es war die Zeit der Aufklärung, die Zeit der Französischen Revolution mit ihrem Ideal der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen.

Doch gerade die Französische Revolution und die Aufklärung zeigt auch die schillernde Zweideutigkeit dieses Ideals: wie in Lessings "Nathan der Weise" sollen die Unterschiede unter den Religionen als nutzloser Streit entlarvt, soll hinter und über den Religionen eine aufgeklärte Meta-Religion geschaffen werden, die die Menschen endlich alle zu Brüdern macht (die Schwestern waren damals nicht so wichtig). Und dennoch: auch diese Emphase der Brüderlichkeit aller Menschen war ein Erbe des Christentums. Wo alle Menschen Brüder sind, muss es einen Vater geben, sonst ist Brüderlichkeit ein leeres Wort. 

 

Oft und oft verraten    

Die Griechen teilten die Welt in Hellenen und Barbaren, die Juden in das auserwählte Volk und die gojim (die heidnischen Völker). Das Christentum ist dagegen von Anfang an mit einem universalen Anspruch aufgetreten, auch als das im Munde von ein paar Fischern noch wie lächerliche Großspurigkeit klang. Zwar gab es auch hier ein auserwähltes Volk und heidnische Völker, aber jeder Mensch konnte und sollte zu diesem neuen Gottesvolk gehören. Im Noebund mit der gesamten Menschheit sah man einen ersten Vorschein dieses universalen Heilswillens Gottes. Leider haben auch die Christen in ihrer zweitausendjährigen Geschichte den Grundsatz von der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit aller Menschen oft und oft verraten. Heute, wo die Menschheit so nahe zusammenrückt wie nie zuvor, wird es eine Frage auf Leben und Tod, ob die Menschen erkennen, "Glieder der einen Familie Gottes zu sein". Das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Erklärung über "die nichtchristlichen Religionen" und "die Kirche in der Welt von heute" hat hier ein Umdenken eingeleitet, das höchst an der Zeit war.


"Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden!"    

Im "global village" der heutigen Weltgesellschaft ist jedes mit jedem vernetzt. Es gibt keine rein lokalen Konflikte mehr; es gibt auch keine rein "inneren Angelegenheiten" mehr. Die Weltgemeinschaft mischt sich ein, und muss sich einmischen. Man sieht es an der veränderten Rolle der Streitkräfte als Kriseneingreiftruppe, man sieht es an den ständigen neuen Einsatzgebieten der UNO.

Die Religionen müssen hier das Salz des Friedens (vgl. Mk 9,49) sein. In diesem Punkt hat Hans Küng Recht mit seiner Idee vom Weltethos und dem Grundsatz: "Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden". Die Religionen haben viel zum Krieg beigetragen; im Zeitalter der Globalisierung kommt es darauf an, dass sie ein Ferment der Einheit und des Friedens werden. Dass das möglich ist, zeigte das Weltfriedenstreffen der Religionen, zuletzt in Aachen im September 2003.

Nicht nur Krieg steht der Brüder- und Schwesterlichkeit aller Menschen entgegen, sondern ebenso Unrecht und Diskriminierung. Aus der Bibel ableiten zu wollen, dass es bevorzugte Völker gibt und solche, die zum Dienen bestimmt sind, wie aus Gn 9,18-27 (Die drei Söhne Noachs) gefolgert wird, ist völlig dem Geist Jesu zuwider. Auch wo Asylantenheime angezündet oder Asylanten auch nur belästigt werden, müssten die Christen auf die Barrikaden gehen.

Alle Menschen sind Glieder einer Familie, aber noch immer gibt es Ungerechtigkeit zwischen den Völkern des reichen Nordens und des armen Südens. Die reichen Völker schotten ihre Märkte ab, zahlen Dumpingpreise für die Produkte der armen Völker. Manches ist hier für einen wirtschaftlichen Laien schwer zu durchschauen und zu beurteilen. Aber sicher scheint mir, dass wir reichen Gotteskinder uns den armen Völkern gegenüber nicht gerade wie Geschwister benehmen.

Beten wir zum Vater aller Menschen, der allein die Herzen ändern kann, dass es in der Menschheit bald wie in einer guten Familie aussieht, wo statt Egoismus Liebe lebt.

 
Dieser Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift "DIE ANREGUNG" Ausgabe 1/2004

Karl Neumann SVD