Allgemeine Gebetsmeinung - Februar 2004

01.02.2004

- Wir beten um ein friedliches Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen im Heiligen Land.

Im Heiligen Land?    

Das "Heilige Land", in dem Jesus gelebt hat, ist heute zum unheiligen Land geworden. Seine Geburtsstadt Bethlehem ist palästinensisches Gebiet, der Ort seines Todes, nur ein paar Kilometer entfernt, gehört zum Staat Israel. Fast täglich berichtet das Fernsehen über neue Attacken der Israelis gegen Palästinenser, oder über neue Terroranschläge von Palästinensern gegen Israel. Der Nahe Osten ist zum Pulverfass dieser Erde geworden, und keiner sieht eine Lösung. Zahllose Friedenspläne wurden versucht, zuletzt die sogenannte road map, und alle scheiterten.

Dabei sieht es so aus, als ob beide Seiten gleich schuld seien: die Palästinenser durch ihre Selbstmordattentate, die Israelis durch ihre harten Vergeltungsschläge. Die beiden Seiten sind allerdings keineswegs gleich. Einer mit modernsten Jets, Helikoptem und Raketen, mit einer bis an die Zähne bewaffneten Streitmacht stehen Palästinenser gegenüber, die buchstäblich mit Steinen und Flinten kämpfen. Es ist ein Krieg zwischen Katz und Maus. Palästina ist besetztes Gebiet, Israel ist der Besatzer. Dem palästinensischen Volk wird das Grundrecht auf einen eigenen Staat verweigert, jüdische Siedler errichten einfach ihre Siedlungen auf palästinensischem Gebiet und breiten sich immer mehr aus, eine Mauer wird von Israel errichtet - nicht genau an der Grenze, sondern bisweilen tief in palästinensisches Gebiet hinein, das so faktisch annektiert wird. Kein Frieden ohne Gerechtigkeit, darum müssen diese Ungerechtigkeiten einmal erwähnt werden.


Verraten    

Wie das in der Realität des Alltags aussieht, zeigt die Nachricht von P. Rainer Fielenbach, einem Karmeliterpater und Prior. Er schreibt aus Bethlehem, wo er sich mit Freunden treffen wollte: "Es ist kaum zu glauben, nur zu erfahren: Bethlehem ist ein großes Gefängnis. Es geht weder raus noch rein. Die Westbank insgesamt ist seit Dienstag total abgeriegelt - nicht nur Richtung Israel, sondern auch innerhalb, zwischen den Städten und Dörfern. Seit Tagen will ich nach Jenin, um einen Freund zu besuchen. Bis jetzt keine Chance. Es ist unglaublich, was Israel hier an den Menschen an Terror, Gewalt, Unterdrückung, Menschenverachtung - die Palette lässt sich fortsetzen - ausübt.

Die Unmöglichkeit, aus Bethlehem herauszukommen, gibt mir andererseits die Gelegenheit zu vielen Besuchen und Gesprächen. Aber immer das gleiche Thema: die finanziellen Reserven sind zu Ende, die Hoffnung auf eine Änderung der Situation ist auf dem absoluten Nullpunkt. Wer nur einen Funken Möglichkeit sieht, das Land zu verlassen Richtung Europa, USA, ist auf der Suche. 7.500 Christen haben allein Bethlehem in den letzten drei Jahren verlassen. Es herrscht wirklich Untergangsstimmung...

Betroffen und traurig gemacht haben mich die fast einstimmigen Aussagen von Ordensschwestern, die ich in den vergangenen Tagen besuchte. Sie klagen die Christen der Welt an, wenn sie resigniert sagen: 'Die Christen im Ausland haben uns verraten. Wir sind vergessen, die Christenheit interessiert sich nicht mehr für uns im Heiligen Land!'"

Die Bitterkeit der Ordensschwestern in dieser hoffnungslosen Situation mag die Schärfe der Vorwürfe entschuldigen. Andererseits - tun wir genug für die Menschen in Palästina?


Tun wir überhaupt etwas?    

Dieser Augenzeugenbericht eines Ordensmanns ist deswegen wichtig, weil er den Alltag und die Stimmung in den besetzten Gebieten zeigt. Die Fernsehkorrespondenten sitzen in ihren Nobelhotels in Jerusalem oder Tel Aviv, also in Israel, und wollen von dort über die Situation in den palästinensischen Gebieten berichten. Wie können solche Berichte anders als einseitig sein?

Die Fernsehberichte erwecken den Eindruck, als ob nur die Attentate und die israelischen Vergeltungsschläge existierten. Denn die Medien fliegen auf Events. Aber in welchem alltäglichen Terror die gesamte Bevölkerung der palästinensischen Gebiete seit Jahren leben muss, davon geben sie keine Vorstellung.

Gewiss, auch Israel ist durch die Schläge der palästinensischen Terroristen hart getroffen. Die Toten und Verletzten der Anschläge sind schrecklich genug. Doch darüber hinaus lebt die Bevölkerung von Israel in der ständigen Angst vor neuen Anschlägen. Man weiß nie, wo der nächste Attentäter zuschlägt. Man meidet belebte Plätze und Straßen, belebte Lokale - und trotzdem kann man nie sicher sein.


Im vitalen Interesse aller    

So haben Israelis und Palästinenser, Juden und Muslime beide Seiten ein vitales Interesse, dass dieser Zustand aufhört. Das Tragische ist, dass jede Seite das am besten durch Härte zu erreichen glaubt. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Könnten hier die Christen nicht eine Vermittlerrolle spielen? Würden sie nicht besser statt des "Auge um Auge, Zahn um Zahn", das "den Alten gesagt worden ist", auf die Ethik Jesu setzen: "Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde?" Gewiss, die Politik beider Seiten werden sie dadurch kaum ändern, dafür haben sie zu wenig Gewicht. Sie sind eine (immer mehr hinausgedrängte) Minderheit, die sowohl von den Juden als auch von den Muslimen mit einem gewissen Misstrauen betrachtet wird. Aber vielleicht ist der Weg Jesu in dieser völlig verfahrenen Situation doch der Ausweg, nachdem der Weg des "Auge um Auge, Zahn um Zahn" immer tiefer in den Abgrund geführt hat.

Vergessen wir die Menschen dieses unheiligen Heiligen Landes nicht in unseren Gebeten. Beten wir, dass Gott eine Lösung zeige, wenn Menschen am Ende sind.


Dieser Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift "DIE ANREGUNG" Ausgabe 1/2004

Karl Neumann SVD