Allgemeine Gebetsmeinung - März 2004

01.03.2006

- Wir beten, dass Einheimische und Zuwanderer in gegenseitiger Rücksichtnahme auf ihre Kulturen, Traditionen und Rechte in Harmonie zusammenleben.

Eine kuriose Situation    

Da leben Menschen seit urdenklichen Zeiten in ihrem Land, haben es bebaut und gepflegt - und dann kamen Entdecker oder Eroberer, die ihnen ihre Rechte streitig machten, ja sich sogar als die eigentlichen Herren aufspielten. So geschehen in vielen Teilen der Welt. Und bis heute dauern mancherorts die Konflikte an; es gibt zwar Gesetze, die das Miteinander regeln, aber ihre Beachtung und Anwendung lässt noch viel zu wünschen übrig. Menschlich verständlich ist zwar, das alles Fremde zunächst verunsichert, ja sogar Ängste auslösen kann, aber es gilt, daran zu arbeiten, diese Blockaden zu überwinden.


Andersartiges, Fremdes wird als Bedrohung erfahren    

Wie oft geht es uns so, dass wir in unseren Gewohnheiten verfestigt sind; dass es uns schwerfällt, uns zu öffnen. Früher gab es diese Konflikte zwischen den Dörfern und Ortschaften, verbunden bzw. getrennt durch die verschiedenen Konfessionen. Und heute? Ist da so vieles anders geworden? Gewiss, die moderne Völkerwanderung bringt einiges an Problematik mit sich: Verständigungsschwierigkeiten auf der Sprachebene; mangelnde Kenntnis der anderen Kultur und deren Gebräuche; Ängste um eine "Vermischung", deren Ergebnis nicht klar ist; Befürchtungen um den Verlust des Arbeitsplatzes, usw.

Die Auseinandersetzung mit den Feinden Israels nimmt ja einen großen Teil in der Bibel ein. Bei meiner Suche fand ich allein 297 Verweise im Alten und Neuen Testament zum Stichwort "Feinde" - zu "Fremde" waren es 118. Immer wieder musste sich das Volk Israel mit ihnen auseinandersetzen, wobei es nicht immer und in erster Linie um Glaubensfragen ging. Eine Bedrohung wurde gesehen, und man suchte ihr zu begegnen - mit Hilfe Jahwes. Aber man darf natürlich nicht den "Fremden" mit dem "Feind" identifizieren - was leider faktisch häufig geschieht bzw. geschah.


Mögliche Wege des Miteinanders    

Die wohl beste Art und Weise, diesem Phänomen des Fremdseins und der daraus resultierenden Angst (Xenonphobie) wirksam begegnen zu können, ist, zunächst ein gerüttelt Maß an Offenheit und Bereitschaft zu entwickeln, dem anderen zu begegnen; ihn als Menschen - ja als Bruder und Schwester - zu akzeptieren. "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus" (Gal 3:28). Jesus hat das Gebot der Liebe noch radikalisiert, indem man nicht nur die eigene Familie, den Stamm oder das eigene Volk lieben soll, sondern auch die anderen, die Fremden, ja sogar die Feinde. "Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen". (Mt 5,44) Bis in die heutige Zeit hinein besteht die Gefahr der "Schwarz-Weiß-Malerei", hier Freund - da Feind. Und bis in unsere Zeit hinein gibt es Eroberungs- und Verteidigungskriege, die diesem einfachen Schema folgen - in Wahrheit aber dem komplexen Hintergrund nicht gerecht werden.

Dabei muss es nicht immer um offene Auseinandersetzungen oder gar Kriege gehen. Es finden vielmehr Schlachten und Diskriminierungen auf vielen Nebenschauplätzen in unserem Alltag statt.


Kirchliche Bemühungen    

Das Dokument der Deutschen Bischofskonferenz, Kommission für Migrationsfragen, "Leben in der Illegalität..." benennt eine Fülle von Problemen und Fragestellungen und fordert auch dringend notwendige Änderungen des Ausländerrechtes in Deutschland. Obwohl es da um Menschen geht, die sich illegal in Deutschland aufhalten (wobei dies in vielen Fällen noch zu hinterfragen wäre, was das eigentlich bedeutet...), so wird doch sehr beeindruckend und zugleich auch bedrückend deutlich, mit welchen Problemen diese Menschen konfrontiert sind - ohne oft eine wirklich humanitäre Hilfe erfahren zu können. Das Schreiben schließt mit dem Aufruf: "Auf jeden Fall muss angestrebt werden, in der Bevölkerung eine Akzeptanz für Legalisierungsmaßnahmen zu erreichen. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und verbreiteter kultureller Ängste ist dies eine gesamtgesellschaftlich anspruchsvolle Aufgabe." Für uns als Kirche eine humanitäre und zugleich pastorale Herausforderung.

Es gilt also, aus dem Glauben heraus zu einem mehr harmonischen Zusammenleben und Miteinander zu kommen. Und darum sollten wir inständig beten, dass uns dies gelingt.


Dieser Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift "DIE ANREGUNG" Ausgabe 2/2004

Heinz Schneider SVD