Allgemeine Gebetsmeinung - Mai 2004

01.05.2006

- Wir beten, dass die Familie, die auf der Ehe eines Mannes mit einer Frau gründet, als Grundzelle der menschlichen Gesellschaft anerkannt werde.

Ehe - ein fester Wert im Wandel der Zeit    

Beginnen wir mit dem Grundgesetz: "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung" (Artikel 6). Es ist erst ein, zwei Jahre her, dass es um diesen Artikel heftige Diskussionen gegeben hat, als nämlich homosexuelle Partnerschaften als eheähnliche Gemeinschaften staatlich anerkannt werden sollten. Das ist gewiss nicht im Sinne des Grundgesetzes.

Gewiss haben Ehe und Familie seit der Zeit der Gründerväter des Grundgesetzes (1949) ungeahnte Veränderungen durchgemacht. Und gewiss ist zwischen Moral und Recht zu unterscheiden: Nicht alle moralischen Forderungen können gesetzlich festgeschrieben werden. Doch gibt es Konstanten, die sich in allen Veränderungen der Zeit durchhalten, weil sie das Rückgrat der Gesellschaft bilden. Und eine solche Konstante ist der Schutz von Ehe und Familie.

Es braucht keinen christlichen Glauben, um das einzusehen. Eine Familie ist die Grundzelle der Gesellschaft schon deswegen, weil dort Kinder heranwachsen, die das Überleben der Gesellschaft sichern. Kinder, die früher eine Art Altersversorgung ihrer Eltern waren. Die heute in einem Generationenvertrag die Renten der älteren Generation mit erwirtschaften.


Wohin steuern wir?    

Doch dieses Gleichgewicht zwischen Jung und Alt ist heute, wie jeder weiß, gestört. Die Alterspyramide steht auf dem Kopf. Während die Zahl der Rentner steigt, sinkt die Kinderzahl: Die Renten drohen kaum noch bezahlbar zu werden.

Vor einigen Jahrzehnten hieß es noch: "Bald nur noch Stehplätze auf der Erde?" "Deutschland ist überbevölkert". "Eine drastische Geburtenbeschränkung ist notwendig". 

Und heute sagt man uns das genaue Gegenteil. "Die Deutschen - ein sterbendes Volk". "Eine der geringsten Geburtenraten in der EU". "In 20 Jahren ist Deutschland ein Altersheim".

Die linksliberale "Zeit", gewiss nicht katholischer Ideologie verdächtig, wird in letzter Zeit nicht müde, eindringlich auf die Katastrophe hinzuweisen, auf die wir zusteuern. Und die einzige Lösung aufzuzeigen: "Den demographischen Abwärtstrend, der in Deutschland die Bevölkerungspyramide auf den Kopf stellen wird, könnten höhere finanzielle Transfers für Familien und bessere Betreuungsangebote für die Kinder berufstätiger Eltern verlangsamen. Aufhalten oder gar umkehren aber kann ihn nur ein revolutionärer Mentalitätswechsel... Man kann es aber auch ganz altmodisch sagen: Was spricht eigentlich gegen die tröstliche Erfahrung von jener Liebe, die Eltern erleben? Der Staat kann keine Kinder verordnen. Die müssen die Deutschen schon selbst machen." (Die Zeit, 14.8.2003)


"Ehe light"    

Der drastische Geburtenrückgang ist nur eines der Probleme, an denen Ehe und Familie heute kranken. Er hängt zusammen mit einer schwindenden Wertschätzung der Ehe. "Das Ende der bürgerlichen Ehe. Aus Ehe-Leid wird "Ehe light" titelte der "Spiegel" bereits 1996. Ein ganz erheblicher Teil der Haushalte in Großstädten sind heute bereits Single-Haushalte. Und wenn geheiratet wird, dann oft "Ehe light": nicht mehr Ehepartner, sondern Lebensgefährte; und nicht mehr Lebensgefährte, sondern "Lebensabschnittsgefährte". Wie man nicht mehr einen Beruf sein Leben lang ausübt, so kann man sich auch eine lebenslange eheliche Bindung nicht mehr vorstellen. Was wird das Leben bringen? Wie wird man sich später entwickeln, wie wird sich der Partner verändern? All das kann man nicht überblicken, zumal in einer schnelllebigen Zeit, und so scheint es sicherer, Ehe auf Zeit zu konzipieren. Ehescheidung ist in einem solchen Konzept bereits eingeplant.

Leidtragende sind dabei vor allem die Kinder. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 160.000 minderjährige Kinder zu "Scheidungswaisen". Das muss für die Kinder nicht immer tragisch sein, aber oft genug bedeutet es ein tiefes Trauma, wenn die beiden Menschen, denen sie am meisten vertrauten, nun getrennte Wege gehen und oft genug gegeneinander streiten.


Ein letzter Rettungsanker: Mentalitätswandel    

Nun soll hier nicht so getan werden, als ob es in der heutigen Familie nur Probleme gäbe und das einzige Heilmittel eine Rückkehr zur "guten alten Zeit" sei. So ist es nicht. Die Kirche hat allzu oft die Menschen, welche in einer gescheiterten Beziehung leben oder mit der christlichen Ehe Probleme haben, nur von außen verurteilt, ohne sie zu verstehen.

Zunächst: Die Situation der Menschen hat sich rapide geändert und damit auch ihre Beziehungen. Dass es früher wenig Ehescheidungen gab, hatte auch ganz handfeste finanzielle Gründe: Die Ehefrau als Hausfrau war von ihrem Gatten völlig abhängig und hätte gar nicht auf eigenen Füßen stehen können. Auch ihren guten Ruf hätte sie als Geschiedene verloren. Dass die Ehe sich zu einem partnerschaftlichen Verhältnis von Gleichberechtigten gewandelt hat, ist ja ganz im Sinn der heutigen kirchlichen Ehelehre, ist also ein Fortschritt. Ebenso ist es ein Fortschritt, dass die Eltern heute viel mehr in die Erziehung ihrer Kinder investieren als früher. Dass aus einer Erziehung, die mit Prügel arbeitete, die heutige Elternrolle geworden ist, auch wenn sie von den Eltern mehr verlangt als damals. Elternsein ist schwieriger geworden. Kein Wunder, dass viele Eltern verunsichert sind und ihre Erziehungsaufgabe an die Schule delegieren, was wiederum die Lehrer überfordert.

Dann: Frère Roger von Taizé hat einmal gesagt, die Berufung zu einer christlichen Ehe sei genau so wenig selbstverständlich wie die Berufung zur christlichen Ehelosigkeit. Beides kann nur als christliche Berufung, als ein Werk der Gnade gelebt werden. Früher, in einer christlichen Gesellschaft, mochte die Ehe als das Selbstverständliche erscheinen, als das, was übrigbleibt, wenn man keine Berufung hat. Heute dagegen, wo die Freiheit immens gewachsen ist und damit auch die Möglichkeit, Fehler zu machen, ist das Gebet um so nötiger, dass Gott Berufungen auch zu einer christlichen Ehe und Familie schenkt und dass die Eheleute ihrer Berufung treu bleiben.

 
Dieser Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift "DIE ANREGUNG" Ausgabe 3/2004

Karl Neumann SVD