Allgemeine Gebetsmeinung - Juli 2005

01.07.2005

- Wir beten für alle Christen: Schenke ihnen ein feines Gespür für die Nöte jedes Menschen, ohne den Konsequenzen des Evangeliums auszuweichen.

So schrecklich die Killer-Flut am zweiten Weihnachtstag 2004 war, so habe ich mich doch über etwas gefreut. Die Jahrhundert-Katastrophe hat eine Hilfsbereitschaft ausgelöst, die man nie für möglich gehalten hätte. So schlecht kann das deutsche Volk nicht sein, wenn Arm und Reich, Erwachsene und sogar Kinder ihre Herzen und ihre Portemonnaies öffnen, und auch der Staat mitmacht, als ob es um die Weltmeisterschaft im Spenden ginge. Wenn Jesus uns nach dem richten wird, was wir "dem Geringsten seiner Brüder" getan haben (Mt 25,40), dann steht es mit unserem Volk vielleicht doch nicht so schlecht.

Das zum Trost. Wo die Not zum Himmel schreit, da hilft man. Aber es gibt Nöte, die sieht man nicht auf den ersten Blick. Oft sieht man sie gar nicht. Heute Abend am Fernsehen: Da haben Eltern in Hamburg ihre eigene Tochter, sieben Jahre alt, vor Hunger sterben lassen. Das Mädchen war seit Monaten nicht mehr in der Schule. In dem Hochhaus wohnten viele Leute, manche Tür an Tür. Und niemand hat etwas bemerkt - angeblich. Niemandem ist aufgefallen, dass das Mädchen am Verhungern war.
Da findet man eine alte Frau tot in der Wohnung. Keiner hat sie vermisst. Erst nach vielen Tagen findet sie jemand, der sich über die vielen Brötchen vor der Wohnungstür gewundert hatte.

Ein junger Mann, den ich kenne, war zum zweiten Mal bei der Fahrprüfung durchgefallen. Bei seinen Kameraden bedeutete dies das Aus: ein Versager! Der junge Mann ging noch am selben Tag hin und erhängte sich.

"Schenke ihnen ein feines Gespür für die Nöte jedes Menschen", sagt die Gebetsmeinung. Ein Freitod ist oft ein verzweifelter Hilfeschrei, oft geht ihm ein Suicidversuch voraus, mit dem der Verzweifelte auf seine Not aufmerksam machen will. Und niemand hört den Schrei. Oder niemand nimmt ihn ernst. Das gibt es, auch bei "frommen Christen". 

Doch wir müssen nicht gleich an das Äußerste denken. Die Not einer körperlichen Krankheit kennt man im allgemeinen und fühlt entsprechend mit. Aber bei seelischen Krankheiten - einer Neurose, einer Depression, gar einer Psychose, einer Epilepsie, einer geistigen Behinderung - da ist es nicht selten wie in biblischen Zeiten: die lieben Mitmenschen fliehen, oft unbewusst, vor "so einem". Man hat eine unbestimmte Angst vor ihnen. Was dazu führt, dass diese Menschen ihre Not verstecken müssen, dass sie mit kaum jemand darüber reden können und so noch tiefer in die Isolation getrieben werden.

Kinder in der Schule wurden gefragt, was für sie das Schlimmste wäre. Ihre Antwort: Der Verlust von Beziehungen. Wenn der Freund oder die Freundin sie verlässt. Wenn sie umziehen und all ihre Freunde verlieren. Wenn die Eltern auseinandergehen und die Kinder zu "Scheidungswaisen" werden. Das kann für ein Kind die wahre Katastrophe sein. Es braucht "ein feines Gespür für die Nöte" der Kinder, um da zu helfen.

Die Hilfe beginnt mit dem Sehen. Da lag ein Mann halbtot am Weg, zusammengeschlagen von Räubern. Zwei fromme Männer kamen vorbei, der erste war sogar ein Priester. Er sah ihn - und ging vorüber. Ebenso der Zweite. Ich stelle mir vor, dass die beiden schnell auf die andere Wegseite gingen. Sie sahen und wollten doch nicht sehen. Sie taten so, als ob sie nichts gesehen hätten. Vielleicht ist ihnen das sogar gelungen, und sie konnten im Tempel von Jerusalem einen frommen Gottesdienst feiern. - Der Mann aus Samarien dagegen sah und half. Vielleicht war sein Glaube nicht ganz orthodox, aber er hatte das Herz auf dem rechten Fleck.

Nur eine Schwierigkeit habe ich, wenn ich dieses Gleichnis Jesu (Lk 10,30-37) meinen Zuhörern erkläre: Wo liegt denn heute einer halbtot am Weg? Die gröbste Not und Gefahr haben wir heute weitgehend beseitigt. Darum gibt es auch solche Gelegenheiten zum Helfen nur noch selten. Und selbst wenn Sie einen Halbtotgeschlagenen finden würden: Sie müssten vielleicht erst die Polizei und den Rettungswagen rufen. Hilfe ist heute professionalisiert. Wir haben sie delegiert an die Fachleute, die das besser können. Und noch ein anderer Punkt. Jemand sagte: Statt immer wieder den unter die Räuber Gefallenen zu helfen, sollte man besser das Räuberunwesen auf der Straße nach Jericho unterbinden, etwa durch eine gute Polizei. Also Prävention statt nachträglicher Hilfe. Auch das haben wir heute weitgehend erreicht.

Doch die Gefahr in diesem ganzen Fortschritt ist, dass die ganz einfache, spontane, direkte Hilfe von Mensch zu Mensch zu kurz kommt. Daher hat Mutter Teresa sich ganz bewusst auf diese Hilfe beschränkt, weil sie dem Evangelium am nächsten ist. Sie wollte kein Sozialprojekt aufziehen, sie wollte nicht möglichst effektiv alle Armen und Elenden von Kalkutta retten. Sie wollte etwas tun, was keine professionelle Hilfe leisten kann: z. B. den im Elend Sterbenden durch ihre Liebe zeigen, dass ihr Leben nicht vergeblich war. Dass sie in Frieden sterben können.

Jesus hat ähnlich gehandelt. "Herr, ich habe keinen Menschen", ruft ihm der Kranke zu, der nicht nur krank, sondern auch sehr einsam war (Joh 5,7). Wie viele müssen heute verzweifelt klagen: "Ich habe keinen Menschen", obwohl es vielleicht um sie her von Menschen wimmelt. Da kommt Jesus. Er sieht ihn "und erkannte, dass er schon lange krank war" (v.6). Mit "feinem Gespür" erkennt Jesus, was dem Mann fehlt, und heilt ihn. Wem Jesus begegnet, der kann nie mehr sagen: "Ich habe keinen Menschen".

Herr, gib allen Christen dieses "feine Gespür für die Nöte jedes Menschen".


Dieser Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift "DIE ANREGUNG" Ausgabe 4/2005

Karl Neumann SVD