Missionarische Gebetsmeinung - August 2005

01.08.2005

- Wir beten für Priester, Ordensleute und alle, die in der Seelsorge tätig sind und in Rom ausgebildet werden: Schenke ihnen eine geistliche Bereicherung in der "Ewigen Stadt".

Auf den ersten Blick überrascht vielleicht diese Missionsgebetsmeinung vom August 2005: Gibt es wirklich keine dringenderen Probleme in der Weltkirche, für die man beten soll, als für die "gottgeweihten Personen", die in Rom leben und studieren? Für den Nicht-Insider, der in seinem Leben nie in Rom war, unverständlich! Vor allem, wenn es sich dabei noch um einen Frommen handelt, der nur gut über Rom denkt… Ist "Ewige Stadt" nicht ein Synonym für "Heilige Stadt", wo unter der Führung des Obersten Hirten, des "Heiligen Vaters", die "Heiligen Kongregationen" (sprich: die kirchlichen Ministerien) die Weltkirche leiten? In der Tat, Rom ist wirklich eine Stadt der Heiligen, angefangen von Petrus und Paulus, die hier gelebt haben. Viele von ihnen sind den Tod eines Martyrers gestorben, z.B. im Colosseum, dem gigantischen Freizeitpalast der Römerzeit, wo bekennende Christen unter dem Jubel der blutrünstigen Menge bis zu Tode gequält oder von wilden Tieren zerrissen wurden. Seit dem hl. Petrus, dem einfachen Fischer aus Galiläa, hat hier ein Papst nach dem anderen als "Stellvertreter Christi" fast ununterbrochen (mit Ausnahme während des Avignoner Exils) residiert und die Geschicke der Christenheit geleitet. Fast alle 100 Meter trifft man im Zentrum Roms auf eine Kirche oder eine Kapelle, worin gebetet wird, überall wimmelt es nur so von "geistlichen Gefäßen" - Monsignori, Ordenspriestern und Schwestern -, und da wird nun ernsthaft vorgeschlagen, vor allem für alle "gottgeweihten Personen" - meistens junge Leute (z.B. Seminaristen) - zu beten, die entweder aus der Mission stammen oder für sie bestimmt sind, und sich vorübergehend zu Studienzwecken in Rom aufhalten, damit sie "in der 'Ewigen Stadt' geistlich bereichert werden".


Bereichert in die Heimatländer zurückkehren

Dennoch muss man davon ausgehen, dass die Missionsgebetsmeinung vom August 2005 einen realen Hintergrund hat. Die sogenannten "gottgeweihten Personen", die sich aus der Mission oder für die Mission vorübergehend in Rom aufhalten, lernen in der "Ewigen Stadt" - neben Pornographie und "dolce vita" - nur zu schnell im täglichen Leben die säkularisierte Welt und in Literatur und Philosophie den Rationalismus, den traditionellen Erzfeind von Religion und Kirche, kennen. Als sie noch in ihrer Heimat lebten, waren sie während ihrer Ausbildung normalerweise vor diesen negativen, westlichen Einflüssen abgeschirmt; im schlimmsten Fall hörten sie ab und zu von der Existenz radikaler Fundamentalisten im eigenen Land. Jetzt begegnet ihnen in Rom die moderne und postmoderne Welt mit ihrer vollen Wucht, deren Herausforderungen ihnen sofort zu schaffen machen und sie leicht in die erste Glaubens- und Berufskrise stürzen können. Deswegen der fast flehentliche Aufruf im Monat August an Kleriker und christliche Laien in aller Welt, in ihren Gebeten nicht die zukünftigen kirchlichen Führungskräfte der Missionsländer, die sich gegenwärtig noch im Studium befinden, zu vergessen. Vor allem "die gottgeweihten Personen" im "Heiligen Rom", moderner formuliert: Christen - Männer und Frauen -, die sich später, ein Leben lang, in besonderer Weise für die Interessen des Reiches Gottes einsetzen wollen, sollten alles unternehmen, damit sie nicht die Hoffnungen ihrer Sponsoren bzw. derjenigen enttäuschen, die sie nach Rom zum Studium geschickt haben. Mit anderen Worten: Sie sollten sich zumindest von der 2000-jährigen christlichen Geschichte Roms inspirieren lassen und sich für die geistlichen Reichtümer dieser Stadt offen halten. Welchen gewaltigen Aussagegehalt haben dort Plätze und Bauwerke, das christliche Zeugnis der Heiligen in der Vergangenheit, Liturgie und gelebter Glaube in der Gegenwart, persönliche Begegnungen mit religiösen Persönlichkeiten auf allen Ebenen kirchlicher Hierarchie, besonders natürlich mit dem Papst! Sie könnten wirklich "von Rom bereichert" in ihre Heimatländer zurückkehren und dort den Auftrag wahrmachen, den Jesus allen Generationen von Christen zur Pflicht gemacht hat: "Geht hin bis an die Enden der Erde und machet alle Völker zu meinen Jüngern!" (Mt 28,19). Wer weiß, vielleicht liegt die Zukunft der Weltkirche sogar in den Händen der heutigen Missionsländer, und nicht - wie es den Anschein hat - in den religiös immer mehr abgewirtschafteten Ländern Europas und Amerikas.


Dieser Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift "DIE ANREGUNG" Ausgabe 4/2005

Paul Klein SVD