Allgemeine Gebetsmeinung - September 2005

01.09.2005

- Wir beten für alle Regierenden, dass sie das Recht jedes Menschen auf Religionsfreiheit anerkennen.

In den Verfassungen erwähnt, aber in der Realität oft nicht verwirklicht

Was für uns hier in Deutschland so selbstverständlich ist, trifft wohl nicht für alle Staaten oder Länder zu; ja im Gegenteil. Immer wieder hört man von Benachteiligungen von Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit, von Übergriffen auf Gläubige, die ihre Religion auch in der Öffentlichkeit ausüben wollen. Manchmal ist dies von einem religiösen Fanatismus geleitet und mit politischen Interessen verbunden, und gerade deshalb ist das Grundrecht der Religionsfreiheit immer wieder einzufordern und zu verteidigen. Dies darf man allerdings auch nicht mit einer religiösen Indifferenz verwechseln: jeder soll halt nach seiner Fasson selig werden, wobei die Frage nach der Wahrheit überhaupt nicht mehr in den Blick gerät. Alles sei zu akzeptieren und damit gleich gültig; in der Folge wird dann auch alles gleichgültig, verliert seinen Wert und sein Interesse.


Religionsfreiheit - auf dem II. Vatikanischen Konzil

Bezeichnenderweise lautet der Titel des Dokumentes über die Religionsfreiheit "Dignitatis humanae" (abgekürzt: DH) - Das Recht der Person und der Gemeinschaft auf gesellschaftliche und bürgerliche Freiheit in religiösen Belangen. Es geht also hier um einen wesentlichen Aspekt der menschlichen Würde, der nicht einfach zur Disposition steht. Dieses Dokument zeigt meines Erachtens deutlich auf, dass wirklich ein neuer und befreiender Geist durch dieses Konzil die Kirche innerlich erneuerte und ihre Offenheit gegenüber anderen Auffassungen und Werten auf den Weg brachte.

 

Das war nicht immer so - Entwicklungen auch in der Kirche

Ohne geschichtsverfälschend oder ungerecht zu urteilen, darf und muss man wohl sagen, dass dies nicht immer so war. Dass es Zeiten und Strömungen in der Kirche gab, wo kaum oder gar keine Toleranz gegenüber Andersdenkenden erlaubt war - freilich aus der Sorge um die Bewahrung des rechten Glaubens heraus. Es war kaum vorstellbar, anders zu denken als katholisch (oder evangelisch). Da Wissenschaft und Theologie ja sehr eng miteinander verbunden waren (oft waren es dieselben Leute), war ein Ausscheren fast unmöglich. Und wer es dennoch tat, stand sehr schnell in der Gefahr, als Apostat angesehen und be- bzw. verurteilt zu werden. Die Wertschätzung der eigenen Religion - die heute weitgehend einem unverbindlichen religiösen Relativismus gewichen ist - hat natürlich auch Konsequenzen für die Beurteilung einer anderen Religion mit sich gebracht. Manche schmerzliche Entwicklungen innerhalb der Kirche und ebenso auch im staatlichen Bereich (wie etwa die Französische Revolution) haben erst vom Begriff der Freiheit her neue Perspektiven eröffnet - die bei aller Problematik dennoch wohl letztlich als positiv zu beurteilen sind.


Die Verpflichtung des Staates

"Der Schutz und die Förderung der unverletzlichen Menschenrechte gehört wesenhaft zu den Pflichten einer jeden staatlichen Gewalt. Die Staatsgewalt muss also durch gerechte Gesetze und durch andere geeignete Mittel den Schutz der religiösen Freiheit aller Bürger wirksam und tatkräftig übernehmen und für die Förderung des religiösen Lebens günstige Bedingungen schaffen, damit die Bürger auch wirklich in der Lage sind, ihre religiösen Rechte auszuüben und die religiösen Pflichten zu erfüllen, und damit der Gesellschaft selber die Werte der Gerechtigkeit und des Friedens zugute kommen, die aus der Treue der Menschen gegenüber Gott und seinem heiligen Willen hervorgehen." (DH 1,6) Das heißt nicht, dass der Staat genuine Aufgaben der Kirche(n) oder anderer Religionsgemeinschaften übernehmen soll - wie etwa die Diskussion um einen zum Religionsunterricht alternativen Werteunterricht zeigt -, sondern er muss dieses Recht anerkennen, ja schützen und auch fördern.


Eine missionarische Aufgabe

Als Christen sind wir gefragt und aufgefordert, von unserem Glauben Zeugnis und Rechenschaft abzulegen, von der Hoffnung, die uns erfüllt (1 Petr 3,15). Erst wenn wir davon überzeugt sind, dass der Glaube unser Leben trägt, ihm eine andere, eine tiefere Dimension eröffnet, erst dann können wir auch auf andere zugehen im Dialog. Das Generalkapitel der Steyler Missionare 2000 sprach von einem "prophetischen vierfachen Dialog", der nicht den anderen einfangen oder übervorteilen möchte, sondern der mit großem Respekt vor der Auffassung des anderen nach der Wahrheit sucht.

Beten wir also auch darum, dass dafür durch die Regierungen die Bedingungen geschaffen werden; dass alle Menschen ihre Religion in Freiheit ausüben können und dass im offenen Dialog der Religionen das Bemühen um einen weltweiten Frieden immer mehr Früchte trägt.


Dieser Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift "DIE ANREGUNG" Ausgabe 5/2005

Heinz Schneider SVD