Allgemeine Gebetsmeinung - Januar 2006

01.01.2006

- Wir beten, dass das Bemühen der Christen um die Einheit im Glauben zu mehr Versöhnung und Frieden unter allen Völkern dieser Erde beiträgt.

Die Versöhnungskirche von Taizé

Mich hat immer das große Schild am Eingang der Versöhnungskirche von Taizé beeindruckt. In verschiedenen Sprachen stand darauf zu lesen: "Ihr, die ihr eintretet, versöhnt euch, ein jeder mit seinem Bruder und seiner Schwester..." Der Satz macht Ernst mit einem Wort Jesu aus der Bergpredigt (Mt 5,23 f). 

Taizé ist von Anfang an unter dem Zeichen der Versöhnung angetreten. Vor allem der Versöhnung unter den christlichen Konfessionen. Und es hatte nicht wenig zu leiden, sowohl von Katholiken wie von Protestanten, bis es schließlich eine ökumenische Bruderschaft werden konnte.

Aber Versöhnung in Taizé ist umfassender: auch als Versöhnung zwischen den Einzelnen (siehe das erwähnte Wort Jesu) und Versöhnung der ehemals verfeindeten Völker. Die Versöhnungskirche in Taizé wurde mit Hilfe von Jugendlichen der deutschen "Aktion Sühnezeichen" erbaut. Die deutschen Jugendlichen wollten ein Zeichen der Versöhnung setzen und einiges wieder gutmachen, was Deutsche in Frankreich angerichtet hatten.  

Eingeweiht wurde die Kirche am 6. August 1962. Das Datum war nicht zufällig gewählt. Es ist nicht nur das Fest der Verklärung Christi, sondern auch der Jahrestag des ersten Atombombenabwurfs (auf Hiroshima). So wollte die "Kirche der Versöhnung" auch ein Zeichen des Friedens zwischen den Völkern sein.


"Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden"

Versöhnung zwischen den Christen, Versöhnung unter den Völkern. Dazwischen muss noch ein Mittleres stehen, das heute zunehmend aktuell wird: die Versöhnung der Religionen. Während das Zeitalter der Glaubenskämpfe zwischen den Christen wohl weitgehend der Vergangenheit angehört, ist der "Kampf der Kulturen" und auch der "Krieg der Religionen" erschreckend aktuell geworden. Nachdem die Zweiteilung der Welt in einen Ostblock und ein westliches Lager glücklich überwunden ist, schält sich heute allmählich eine neue, vielleicht ebenso gefährliche Zweiteilung der Welt in die islamischen Länder und die Länder des Westens heraus. Der islamistische Terrorismus ist lediglich die Schaumkrone auf dieser Welle. Verquickung von Staat und islamischer Religion in den Ländern der Scharia, mangelnde Toleranz, ja Behinderung und Benachteiligung von Christen dürfen bei aller Dialogbereitschaft nicht verschwiegen werden. Ebenso gibt es im Verhältnis zum Hinduismus Spannungen. Christen in Indien klagen über örtliche Verfolgungen, ja über Morde an Missionaren. Umgekehrt mögen auch nichtchristliche Religionen manche Beschwerden gegen die Christen haben. Ich habe das beim Gespräch mit buddhistischen Mönchen in Japan erlebt. 

Hier hat Hans Küng mit seinem "Projekt Weltethos" und seiner These: "Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden" eine wichtige Aufgabe gesehen. Globalisierung ist auch eine ethische Herausforderung. Wenn die Religionen der Welt sich nicht auf ethische Minimalstandards einigen können, nicht zu einem ethischen Grundkonsens kommen, werden sie archaische Relikte in einer ständig enger zusammenrückenden Welt werden.

 

Kirche als "Zeichen und Werkzeug für ... die Einheit der ganzen Menschheit"

Wir Christen müssen hier mit gutem Beispiel vorangehen. Die Kirche hat sich im Zweiten Vatikanum als sacramentum mundi begriffen, als "Zeichen und Werkzeug für die ... Einheit der ganzen Menschheit" (LG 1). Die eine universale Kirche ist ein Vorausbild und Motor für die eine universale Menschheit. Das ist auch das Ziel der Ökumene: die eine Kirche. Leider wird dies nicht von allen christlichen Konfessionen als Ziel gesehen. Dort gibt man sich nicht selten mit einer Ökumene der friedlichen Koexistenz zufrieden. Doch das Ziel muss die Einheit der Kirche sein, wie es in der (ersten) Regel von Taizé heißt: "Habe die Leidenschaft für die Einheit des Leibes Christi". 

Selbstverständlich ist dies eine Einheit in der Vielfalt und nicht die Uniformität eines "monolithischen Blocks" (Karl Rahner). "Versöhnte Verschiedenheit" - dieses heute oft beschworene Ziel der Ökumene ist richtig, solange es nicht das Ziel der Einheit aus dem Auge verliert.  

An der Art, wie die verschiedenen christlichen Konfessionen versöhnt miteinander umgehen, sollen die Religionen und die Völker der Welt ein Modell sehen, wie auch sie versöhnt und friedvoll miteinander umgehen können. Die ökumenische Gemeinschaft von Taizé, wo Brüder der verschiedensten Konfessionen und Nationen ein Gleichnis der Gemeinschaft leben, zeigt, was heute bereits möglich ist.

 

Kommentar zur Allgemeinen Gebetsmeinung Januar 2006 aus der Zeitschrift "Die Anregung", Ausgabe 1/2006, Steyler Verlag, Nettetal

Karl Neumann SVD