Missionarische Gebetsmeinung - Februar 2006

01.02.2006

- Wir beten, dass alle Christen in der Weltkirche politische und soziale Verantwortung in ihrer Heimat übernehmen.

Die Herausforderung der Kirchen in den Missionsländern bzgl. der Förderung sozialen Engagements stellt sich uns heute je nach Land und Kontinent verschieden dar. Da sind zunächst die weithin katholisch gewordenen lateinamerikanischen Länder. In Staaten wie Kolumbien, Ekuador, Peru, Bolivien mit ihren ständigen, anscheinend unheilbaren politisch-sozialen Wirren und Bürgerkriegen bietet die dortige Kirche die einzige neutrale Instanz, die die entzweiten Lager vereinen helfen kann und das auch tut, selbst auf Kosten des Lebens der führenden Gestalten. In Tausenden von Basisgruppen wird das Evangelium aktualisiert.


Da sind die nun schon zu einem guten Prozentsatz christlich gewordenen Länder Schwarzafrikas mit ihrem erschreckenden Mangel an christlicher Bewältigung der sozialen Probleme. Und da sind die winzigen christlichen Minoritäten in den Ländern Asiens, deren Stärke ihr glänzend ausgebautes Schulsystem sein könnte, wenn an diesen Schulen auch wirklich christlich geprägte soziale Bildungsprogramme an die nichtchristliche Jugend des Landes herangebracht würden. Wenden wir uns den klassischen Missionsländern Afrikas zu. Wir mussten in den letzten Jahren mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, dass es in Ländern mit überwiegend christlicher Bevölkerung Bürgerkriege und genozidähnliches Morden gab, soziale und politische Katastrophen, schlimmer als in den Zeiten vor der Missionierung. In Ruanda und Burundi schlachteten Christen Christen ab, und sogar Priester und Ordensschwestern beteiligten sich dabei. In Nord-Uganda mordet seit 20 Jahren eine Bande von Kindersoldaten, die sich "Befreiungsarmee des Herrn (Gottes!)" nennt; Millionen mussten in den Süden fliehen. Auch die Staatsoberhäupter dieser Länder, fast alle getaufte Christen gehen mit ihren Völkern um, wie es Tyrannen eh und je getan haben. Auch die im Süd-Sudan um ihre Unabhängigkeit kämpfenden zumeist christlichen Schwarzafrikaner glichen sich im Lauf der 21 Bürgerkriegsjahre in ihrer inhumanen Taktik immer mehr der der arabischen Unterdrücker an. Die Kirche ist zwar in all diesen Ländern angesehen, und es gibt einige mutige Bischöfe mit klaren Führungsperspektiven; wo aber ist die Bildungsarbeit an der Basis der Gemeinden und in den christlichen Schulen? Wo arbeiten christlich inspirierte Parteien weitflächig und nachhaltig, stammesübergreifend und ökumenisch? - Eine große Hoffnung sind die Hunderte in Europa studierenden und sich aufhaltenden afrikanischen Priester; ein überraschendes Vorbild ist der ugandische Regierungschef Museveni mit seiner Politik der Ablehnung der Kondomprophylaxe und der Aufforderung zur ehelichen Treue und der Enthaltsamkeit. 

In den asiatischen Missionsländern sind die christlichen Gymnasien und Universitäten die große Chance christlich sozialer Beeinflussung der nichtchristlichen Jugend auf der Basis der kirchlichen Gesellschaftslehre. Hier scheint aber gerade das fürbittende Gebet besonders wichtig, weil es verschiedene Umstände gibt, die diesen Weg der Christianisierung behindern. Aus finanziellen Gründen hat man an diesen Hochschulen fast nur Kinder aus wohlhabenden Familien, die meist wenig daran interessiert sind, den sozialen Status quo zu ändern. Dann hängt die Zulassung der christlichen Schulen fast immer auch vom Wohlwollen der Regierung ab, die, vor allem in den muslimischen Staaten, ihre Auflagen bzgl. Lehrplangestaltung machen. Im Rückblick auf meine 27-jährige Mitarbeit als Professor an der Katholischen Nanzan-Universität in Japans drittgrößter Stadt Nagoya muss ich aber sagen, dass es mit am schwierigsten ist, christlich gesinnte und unerschrockene Professoren aus dem Lande zu bekommen, die den Mut haben, nicht nur als offizielle Lehrer für Religion und Christentum zu wirken, sondern auch ihre Arbeit in säkularen Lehrfächern aus christlicher Verantwortung und aus christlichen Perspektiven heraus zu leisten, ohne den Vorwurf zu fürchten, Weltlich-Profan-Wissenschaftliches mit Religiösem und Weltanschaulichem unverantwortlich zu vermischen. Es ist bedrückend, wenn es Ausländer sein müssen, die durch die christlichen Akzente in ihren Vorlesungen den Ruf reiner Wissenschaftlichkeit diesbezüglich in Gefahr bringen müssen.

Das vielleicht heikelste Problem christlicher Schulen besteht wohl darin, dass die hier engagierten Christen und Missionare einen beachtlichen Aufwand an Bereitstellung von Finanzmitteln, Verwaltung und wissenschaftlicher Fachausbildung machen, in punkto glaubensverkündendem Tätigwerden und persönlicher Glaubensvermittlung aber schwach sind. Oft fehlen die in diesem Bereich befähigten Erzieher, die wirklichen Missionare, die den auferstandenen Christus Nichtchristen nahe bringen können und wollen. 

Versuchen wir, den Inhalt der Missionsgebetsmeinung in diesem Monat zusammenzufassen: Gott möge den lateinamerikanischen Kirchen befähigte und wagemutige Repräsentanten christlichen Gerechtigkeitsdenkens schenken, denen es gelingt, in ihrer Vermittlerrolle erfolgreich zu sein. Das Erziehungswesen in den afrikanischen Gemeinden möge die soziale Dimension christlichen Glaubenslebens mehr in den Mittelpunkt rücken, und die christlichen Eliten mögen ihrer Weltverantwortung mehr bewusst werden. Schließlich möge Gott den in christlichen Schulen Arbeitenden Wege zeigen, ihre besten Kräfte in der Evangelisierung einzusetzen und allen unchristlichen Strukturen in der Gesellschaft überzeugende Alternativen gegenüberzustellen, auch auf die Gefahr hin, mit den Interessen der Mächtigen in Konflikt zu kommen.

 

aus der Zeitschrift "Die Anregung", Ausgabe 1/2006, Steyler Verlag, Nettetal

Eugen Rucker SVD