Missionarische Gebetsmeinung - April 2006

01.04.2006

Wir beten, dass die Kirche in China ihren Verkündigungsauftrag mit Freude und in Freiheit erfüllen kann.

Als Arnold Janssen in Steyl ein Missionshaus gründete, dachte er vorzüglich an die Chinamission. Er sprach von diesem "wichtigen Land, in dem ein Drittel der Menschheit lebt". Und wirklich: Als er vier Jahre nach der Gründung seine ersten Missionare aussandte, schickte er sie nach China. Später kamen noch viele andere Missionsgebiete hinzu, aber China ist immer das vorzügliche Steyler Missionsgebiet geblieben, d. h. bis die Kommunisten im Jahre 1949 China eroberten, die Missionare ins Gefängnis warfen, der Gehirnwäsche unterzogen, die ausländischen Missionare auswiesen, und eine papsttreue Kirche nur im Untergrund weiterleben konnte.


China - die zweite Weltmacht?

Man wird die Hellsichtigkeit Arnold Janssens bewundern müssen, der vor mehr als 130 Jahren bereits die eminente Bedeutung Chinas erkannte.
Heute ist China mit 1,3 Milliarden Menschen nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde, es ist auch durch den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg der letzten Jahrzehnte zur zweiten Weltmacht neben den USA geworden, so dass der "Spiegel" seine Titelgeschichte überschrieb: "China gegen USA. Kampf um die Welt von morgen."
Gewiss herrscht hier noch immer die kommunistische Partei mit ihrem Staatsatheismus. Sie versucht, alle Religionen zu bekämpfen oder wenigstens zu kontrollieren, auch und gerade das Christentum. Als Ende der siebziger Jahre das politische Tauwetter einsetzte, kamen eine Reihe einheimischer Priester und Bischöfe frei, die jahrzehntelang im Kerker gesessen hatten. Aber noch in den letzten Jahren hörte man von neuen Verhaftungen.


Untergrundkirche und "offizielle Kirche"

Neben dieser so genannten Untergrundkirche entstand eine vom Staat anerkannte und in gewisser Weise kontrollierte "offizielle Kirche". Sie kann ihre Tätigkeit legal ausüben, darf aber z. B. keine Gehorsamsbindung an den Papst und den Heiligen Stuhl zeigen. Ihre Bischöfe werden nicht vom Papst ernannt. Lange war das Verhältnis zwischen der Untergrundkirche und der offiziellen Kirche ein sehr gespanntes. Doch die Haltung Roms zur offiziellen Kirche hat sich seit geraumer Zeit gewandelt. Man sieht, dass viele ihrer Mitglieder den Papst sehr wohl anerkennen und nur aus politischen Gründen Vorsicht walten lassen. So sollen nicht wenige ihrer Bischöfe inzwischen eine geheime Anerkennung Roms erhalten haben. Und Rom drängt darauf, dass sich beide Teile der Kirche versöhnen. So gibt es jetzt schon an vielen Orten Grauzonen unterschiedlicher Art zwischen beiden. Ein kompliziertes Bild.

Während die Zahl der Katholiken in China zwischen zehn und zwanzig Millionen liegt, haben die verschiedenen protestantischen Denominationen noch mehr Anhänger. Seit der Wiederzulassung religiöser Aktivitäten in den achtziger Jahren hat sich die Zahl der Protestanten stärker als die der Katholiken erhöht.  

Auch bei ihnen gibt es den Unterschied zwischen der offiziellen Kirche (der Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung) und den nicht registrierten Kirchen und Gruppen, die vom Staat als illegal betrachtet werden.


Das Christentum gewinnt an Anziehungskraft

Obwohl die Untergrundkirchen verfolgt und die "offiziellen Kirchen" vom Staat kontrolliert und eingeschränkt werden, hat das Christentum gerade in den letzten Jahren stark an Anziehungskraft gewonnen. Viele Gründe sind dafür maßgebend. Ein wichtiger hängt mit der rasanten Entwicklung der jüngsten Zeit zusammen. Ein nie gekanntes "Wirtschaftswunder" hat eingesetzt. In den großen Städten schießen Hochhäuser aus dem Boden, die an New York oder Tokyo erinnern. Der Unterschied zwischen Stadt und Land wird größer, ebenso der zwischen Gewinnern und Verlierern der neuen Globalisierung. China wandelt sich rasch von einer Agrarnation zu einem hochindustrialisierten Volk. 

In solchem Umbruch verlieren viele den Halt. Die traditionelle kommunistische Ideologie kann diesen Halt nicht mehr geben, sie wird weithin gar nicht mehr geglaubt. Der wirtschaftliche Fortschritt allein kann dem Einzelnen und der Gesellschaft keinen erfüllenden Sinn bieten. So suchen die Menschen nach einem religiösen Sinn. In dieser Situation bietet sich das Christentum an. Und viele finden zu ihm hin, obwohl die Zahl der Christen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung nach wie vor klein ist.


Kulturchristentum außerhalb der Kirchen

Doch es gibt außerhalb der institutionellen Kirchen auch das so genannte Kulturchristentum. China hat sich für den Westen geöffnet, da kann es nicht ausbleiben, dass auch die angestammte Religion des Westens, nämlich das Christentum, an Interesse gewinnt. Gerade Intellektuelle entdecken das Christentum, nicht nur als Kulturphänomen, sondern auch als Lebenskraft. Gewiss, sie treten deshalb noch nicht in die Kirche ein, aber man kann sie als Sympathisanten des Christentums bezeichnen. 

Ich schließe mit einem Wort von Roman Malek: "Vielleicht ist es eine Ironie der Geschichte oder aber die Wirkung des unbändigen Geistes, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der der christliche Einfluss im Westen am Schwinden ist und viele dort nach östlichen Lehren Ausschau halten, dass da das Christentum ein neues Publikum gefunden hat: nämlich in China, einem Land, wo das Christentum immer wieder missverstanden, gehasst, unterdrückt und zerstört wurde." (Prof. Dr. Roman Malek SVD in einem Interview mit Jutta Simone Thiel / Kipa, in: www.kath.ch)

 

Karl Neumann SVD, Kommentar zur Missionsgebetsmeinung April 2006
aus der Zeitschrift "Die Anregung", Ausgabe 2/2006, Steyler Verlag, Nettetal

Karl Neumann SVD