Missionarische Gebetsmeinung - Mai 2006

01.05.2006

Wir beten, dass die Politiker in den Missionsländern das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum Tode schützen.

Immer wieder hört man in Diskussionen die Frage, was denn das ausschließlich Neue im biblischen Glauben sei, wenn man den Inhalt der Bibel mit den anderen religiösen Traditionen der Weltgeschichte vergleiche. Die Antwort lautet gewöhnlich: Es ist das Gottes- und das daraus resultierende Menschenbild, das uns schon im Alten Bund begegnet: Gott ist die Liebe, und alles, was er erschaffen hat, stammt aus dieser Liebe. Die Schrift umschließt daher zwei Grundwahrheiten, die alles bestimmen und von woher alles verstanden werden will. Die erste heißt: Alles, was existiert, wurde von dem einen Gott geschaffen und zwar aus Liebe. Papst Benedikt XVI. hat das in seiner ersten Enzyklika so umschrieben: Es gibt nur einen Gott, der der Schöpfer des Himmels und der Erde und darum auch der Gott aller Menschen ist. Zweierlei ist an dieser Präzision einzigartig: dass wirklich alle anderen Götter nicht Gott sind und dass die ganze Wirklichkeit, in der wir leben, auf Gott zurückgeht, von ihm geschaffen ist. Natürlich gibt es den Schöpfungsgedanken auch anderswo, aber nur hier wird ganz klar, dass nicht irgendein Gott, sondern der einzige, wahre Gott selbst der Urheber der ganzen Wirklichkeit ist, dass sie aus der Macht seines schöpferischen Wortes stammt. Das bedeutet, dass ihm dieses sein Gebilde lieb ist, weil es ja von ihm selbst gewollt, von ihm "gemacht " ist. (9)  

Die zweite Grundwahrheit der Bibel lautet: Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis. Wir lesen sieben Mal in der Schöpfungsgeschichte, dass Gott jede Art von lebenden Wesen in ihrer Art schuf, aber von Menschen heißt es, er schuf ihn nach Seiner, das heißt, nach Gottes Art und seinem Bilde (Gen 1,20-27). Darin ist die Würde und die Freiheit des Menschen begründet. Hinzu kommt noch, dass Gott den Menschen nicht nur geschaffen hat, sondern dass er ihn mit ewiger Liebe liebt und zwar bis zu dem Punkt, dass er ihm immer wieder vergeben muss und vergeben wird, weil seine Liebe ihn nicht vernichten noch verwerfen kann. Das war die Einsicht der großen Propheten wie Hosea, Jeremias und Jesaja. In den Worten der Enzyklika: Die leidenschaftliche Liebe Gottes zu seinem Volk - zum Menschen - ist zugleich vergebende Liebe. Sie ist so groß, dass sie Gott gegen sich selbst wendet, seine Liebe gegen seine Gerechtigkeit. Der Christ sieht darin schon verborgen sich anzeigend das Geheimnis des Kreuzes: Gott liebt den Menschen so, dass er selbst Mensch wird, ihm nachgeht bis in den Tod hinein und auf diese Weise Gerechtigkeit und Liebe versöhnt. (10)  

Dieses schon im Alten Testament offenbarte Gottesbild findet in der Menschwerdung Gottes in Jesus seinen Höhepunkt. Das Gottesbild Jesu bezeichnet man gerne als seine Lebensleistung (Eugen Biser). Seine Gotteserfahrung offenbart und korrigiert damit für immer die drei wesentlichen Grundbeziehungen, in die hinein der Mensch geschaffen ist und von woher er sich verstehen muss. Sie enthält die Grundwahrheit aller geschaffenen Wirklichkeit: (1) Gott ist bedingungslose Liebe; (2) ich bin unendlich wertvoll, geliebt und meine Schuld ist immer schon vergeben; (3) mein Nebenmensch ist nie mein Feind, sondern immer mein Bruder und meine Schwester, das heißt, unendlich wertvoll und geliebt wie ich.

Auf dem Hintergrund dieses christlichen Gottes- und Menschenbildes sollte man die Gebetsmeinung dieses Monates einmal betrachten. Die Würde des Menschen ist unantastbar; darüber reden viele, aber wohl kaum ein anderer Papst hat wie Johannes Paul II. dies als Grundvoraussetzung all seiner zahlreichen Reden und Schriften gemacht, angefangen von seiner ersten Enzyklika Redemptor Hominis (1979). Es war auch der Grund, warum er ständig unnachgiebig und kompromisslos gegen die Todesstrafe und gegen jeden Krieg argumentierte, weil sie im Letzten gegen die unantastbare Würde des Menschen verstoßen. Weil jeder Mensch nach der christlichen Offenbarung im Bild und Gleichnis Gottes geschaffen und unendlich geliebt ist, wie es in der Menschwerdung seines Sohnes sich endgültig gezeigt hat (Joh 3,16), ist jeder Mensch der Verfügungsgewalt eines anderen Menschen entzogen. Dieses Menschenbild der Bibel begründet die unantastbare Würde des Menschen, die in den Verfassungen der meisten modernen Demokratien eingeschrieben ist, auch dort, wo die Voraussetzungen für eine Unantastbarkeit erodiert sind.  

Die Erfahrung des letzten Jahrhunderts hat uns zur Genüge gezeigt, dass es nicht möglich ist, ohne einen Bezug zur Transzendenz die Würde des Menschen zu retten. Die Fragen von Abtreibung, Sterbehilfe, Menschenhandel, Terrorismus (brutal oder religiös motiviert), selbst Todesstrafe und Krieg stellen immer wieder den Menschen vor die Frage, wie ernst er es mit der unantastbaren Würde des Menschen hält. Man braucht doch nur an die Bürgerkriege und an das genozidähnliche Morden in vielen Staaten Afrikas zu denken, an die Kindersoldaten und die Tyrannen, die sich selbst christlich nennen und mit ihren Völkern umgehen, wie es Tyrannen aller Zeiten immer getan haben. Gerade die politisch Verantwortlichen von Völkern, die in großer Armut leben, eine hohe Kinderzahl haben, die ethnisch und religionszugehörig verschieden sind, sind mehr als andere der ständigen Gefahr ausgesetzt, für die Verbesserung des allgemeinen Volkswohles Gesetze zu erlassen, die die unantastbare Würde des Einzelnen in Frage stellen und zwar oft unter dem Anschein, es sei im Interesse des Gemeinwohles zu tun.  

Ich möchte das anhand eines Erlebnisses illustrieren. In einer Diskussion mit chinesischen Studenten in China sagte mir eine Studentin: "Warum regen Sie sich auf, dass wir in China angeblich 40 Millionen Abtreibungen im Jahr verzeichnen und dass Mao rund 70 Millionen Chinesen umgebracht haben soll. Was ist das schon - wir haben immer noch 500 Millionen Menschen zu viel, ehe wir wirklich ein wohlhabendes Land werden können." Wenn solche Ansichten Gemeindenken werden, dann steht es schlecht um die Zukunft des Menschen.

So überwältigend und unlösbar die Probleme der Entwicklungsländer auch sein mögen, wenn man zu deren Lösung an der Unantastbarkeit der Menschenwürde rüttelt, wird am Ende nur eine gewalttätige Gesellschaft stehen, wo jeder für jeden Hölle bedeutet.

Für die Würde des Menschen einzutreten, setzt voraus, dass wir uns zuerst selbst als kostbar von Gott her verstehen, denn wenn ich mich von Gott her geliebt weiß, kann ich auch meinen Nebenmenschen als geliebt und kostbar sehen und behandeln. Vielleicht führt uns gerade die oft absolute Hilflosigkeit, mit der wir der schrecklichen Verachtung der Menschenwürde in all ihren Arten heute gegenüberstehen, zum Gebet als letzte Zuflucht, so resigniert das auch klingen mag.

Aber weil wir glauben, dass alle Menschen von Gottes Liebe her geschaffen und von dieser Liebe umgeben sind, kann Gottes Liebe auch in ihnen einen Wandel herbeiführen. Nur der Geist Gottes kann den Menschen an dieses Grundgeheimnis, an seinen Ursprung von Gott her erinnern und ihn aufrütteln, diesen Ursprung nicht zu vergessen. Genau hier kann das Gebet füreinander seine Wirkung entfalten, dass Menschen umkehren. Karl Rahner hat einmal das Bittgebet als die stärkste Macht der Welt bezeichnet, weil es allein die Fähigkeit besitze, den Willen des Menschen zum Guten zu kehren. Denn, so lautet sein Argument, im Bittgebet hat Gott uns die Möglichkeit gegeben, an seiner Vorsehung teilnehmen zu dürfen. Das Gebet kann auch den perversesten Willen eines Menschen noch dann zum Guten und zur Menschenfreundlichkeit kehren, wenn scheinbar brutale Gewalt und tiefste Menschenverachtung ihn bis ins Mark verunstaltet haben.

Johannes Paul II. sah die Zivilisation der Liebe als die drängendste Aufgabe unserer Zeit an, und der neue Papst Benedikt XVI. plädiert in seiner ersten Enzyklika dafür, dass die Nächstenliebe nicht einfach ein Gebot Gottes ist, sondern der einzige Weg, der die volle Verwirklichung unseres Lebens garantiert. Denn wenn wir nach Gottes Ebenbildlichkeit geschaffen sind, dann wird der Mensch auch nie zu sich kommen, es sei denn, er lebt entsprechend seinem Ursprung, wie Zulehner es einmal ausdrückte: "Aus einem göttlichen Ursprung geboren, von dessen Art (Apg 17,28), also geprägt von maßloser Sehnsucht, aus dem Ursprung zu leben, wie dieser zu werden und in diesen heimzukehren. Aus dem Ursprung, dem Anfang, aber lebt nur, wer wie der Ursprung selbst lautere Liebe wird.- was ihn von Angst und Einsamkeit befreit."  

Im Christentum ist es die konkret geübte Liebe, die Achtung der Würde des Menschen als Gottes geliebtes Kind, die im Letzten zum Gott der Liebe führt und damit zur letzten Lebenserfüllung. Die spezifische christliche Weise der Begegnung mit Gott wird in den Worten, die aus einem russischen Konzentrationslager überliefert sind, pointiert so ausgedrückt: "Ich suchte Gott und fand ihn nicht; ich suchte meine Seele und fand sie nicht; ich suchte meinen Nächsten und fand alle drei."

Für den Menschen und seine Würde müssen wir als Christen mit allen Mitteln eintreten, aber vielleicht zunächst dafür, dass der einzelne Mensch sich seiner Würde bewusst wird. Vielleicht ist das Gebet der beste Anfang, dass dies geschieht.

 

Johannes Füllenbach SVD, Kommentar zur Missionsgebetsmeinung Mai 2006 aus der Zeitschrift "Die Anregung", Ausgabe 3/2006, Steyler Verlag, Nettetal

Johannes Füllenbach SVD