Missionsgebetsanliegen des Hl. Vaters im April 2010

April 2010

Wir beten für alle verfolgten Christen, dass sie im Glauben treu mit dem Beistand des Heiligen Geistes Zeugnis von der Liebe Gottes zu allen Menschen geben.

Die Situation
Das II. Vatikanische Konzil hat sich in der Erklärung „Dignitatis Humanae" schon vor über 40 Jahren zur Religionsfreiheit bekannt. Seitdem lehnt die Kirche jede Form von religiösem Zwang, jede Verfolgung oder Diskriminierung als menschenunwürdig ab. Diese Freiheit können aber auch Christen für sich beanspruchen. Doch die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. In vielen Ländern genießen die Christen keine religiöse Freiheit. Sie erleben verschiedene Formen von Diskriminierung. Angefangen von subtilen Benachteiligungen aufgrund der Zugehörigkeit zur Kirche bis einschließlich der Todesstrafe. Erschütternd ist zum Beispiel das Gesetz im Iran, wo für den Übertritt vom Islam zum Christentum eine Todesstrafe angeordnet wird.

Die CSI *) (Christliche Solidarität International) schreibt in der Ausgabe vom Mai 2009: „Zwischen 200 und 250 Millionen Christen werden wegen ihres christlichen Glaubens gesellschaftlich oder rechtlich benachteiligt, bedroht, eingesperrt, physisch attackiert oder gefoltert. Mit vermutlich 80 % sämtlicher Glaubensverfolgten stellen die Christen global betrachtet die mit Abstand am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft dar. 175.000 mussten im Vorjahr für ihr Glaubensbekenntnis sogar sterben."

Das sind erschütternde Angaben, über die viel zu wenig in den Medien berichtet wird. Das 20. Jahrhundert war eine Epoche großer Christenverfolgungen. Auch im 21. Jahrhundert scheint die Situation nicht anders zu sein. Die Liste der Länder, in denen Christen verfolgt werden, wird immer länger. Die Tendenz ist steigend.

Beistand des Heiligen Geistes
Wer braucht mehr den Beistand des Heiligen Geistes als jene, die in Bedrängnis sind? Mut, Vertrauen auf Gott, Standhaftigkeit und vieles mehr benötigen unsere verfolgten Geschwister im Glauben. Sie brauchen aber auch unsere Unterstützung und unser Gebet. Diesen Beistand des Heiligen Geistes für unsere Schwestern und Brüder im Glauben herabzurufen, ist unsere Pflicht, denn wir gehören zum einem Leib Christi. Wenn ein Mitglied leidet, leidet der ganze Leib (vgl. 1 Kor 12,12-27).

Ein Vorbild im Gebet und im Wirken kann hier die alttestamentliche Königin Esther sein. Sie stammt aus dem jüdischen Volk, das ausgerottet werden sollte. Angesichts dieser Not legt sie ein Bußgewand an und bittet Gott: „Offenbare dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut." (Est 4,17r). Sie betet für ihr bedrohtes Volk. Als Königin ist sie die einzige Person, die eine Möglichkeit hat, den König zu bitten, von seinem Urteil, das jüdische Volk zu vernichten, abzusehen. Und sie tut es, auch wenn sie dabei ihr eigenes Leben riskiert. Das Gebet der Königin angesichts des drohenden Martyriums ihres Volkes und ihr Tun bewirken eine Änderung des königlichen Urteils. Das israelitische Volk bleibt am Leben.

Auch wir rufen zu Gott gemeinsam mit jenen, die um des Evangeliums willen verfolgt werden: „Gott, offenbare dich in der Zeit der Not und gib den verfolgten Christen Mut." Auch wir wollen angesichts der steigenden Verfolgung nicht schweigen. Wir ergreifen die Stimme und rufen um religiöse Freiheit, die in der Menschenwürde begründet ist.

Zeugnis der Liebe Gottes zu allen Menschen
Der Papst betet in der Gebetsmeinung in diesem Monat, dass die Verfolgten das Zeugnis der Liebe Gottes zu allen Menschen geben und beharrlich bleiben in ihrem Glauben.

Hier wird eine schwierige christliche Haltung angesprochen. Zeugnis von der christlichen Liebe abzulegen, die allen Menschen gilt, also auch den Verfolgern, scheint eine der größten Herausforderungen des Christentums zu sein. Die Liebe Gottes kann doch nicht den Verfolgern gelten, möchte man spontan sagen. Das rein menschliche Denken wehrt sich gegen eine solche Haltung und ruft nach Vergeltung, nach Gerechtigkeit. Allzu verständlich scheint sogar die Versuchung, den Verfolger zu verfluchen, ihn zu hassen, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten.

Doch Jesus stellt höhere Ansprüche, wenn er sagt: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen" (Mt 5,44). Wie schwer diese Haltung ist, können Menschen sagen, die eine Benachteiligung wegen ihres Glaubens am eigenen Leib erfahren.

Als Kardinal Zen, Bischof der verfolgten Kirche in Hongkong, im Jahre 2008 Meditationen zum Kreuzweg am Karfreitag im Kolosseum schrieb, sagte er: „Wenn wir an die Verfolgung denken, denken wir auch an die Verfolger. Als ich den Text dieser Meditationen abfasste, stellte ich zu meinem großen Erschrecken fest, dass ich wenig christlich bin. Ich musste mich sehr anstrengen, um mich zu reinigen von den wenig liebevollen Gefühlen gegenüber denen, die Jesus Leid zugefügt haben, und gegenüber denen, die in der Welt von heute unsere Geschwister leiden lassen. Erst als ich mir meine eigenen Sünden und Treulosigkeiten vor Augen geführt habe, konnte ich mich selbst unter den Verfolgern sehen, und ich verging vor Reue und vor Dankbarkeit für die Vergebung des barmherzigen Meisters."**) Die Kette der Gewalt hat Jesus selbst schon am Kreuz durchbrochen und uns so den Weg zur Versöhnung gezeigt. Spätestens angesichts der Verfolgung muss man sagen, dass die christlichen Ansprüche, nicht mit Gewalt, Hass und Zorn auf Verfolgung zu antworten, sehr hoch sind.

Anstatt einer Zusammenfassung
Zum Schluss möchte ich noch eine persönliche Episode erwähnen. Als ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, um diesen Kommentar zu schreiben, träumte ich einmal, dass ich selbst um meines Glaubens willen verfolgt wurde. Es handelte sich um körperliche Foltern und Erpressungen. Diese Erfahrung war fürchterlich und nicht zum Aushalten. Ich dachte, dass ich dabei zusammenbreche. In meinem Traum sah ich den Tod vor Augen. Obwohl mir mein Glaube sehr wichtig ist, befürchtete ich, Gott zu verleugnen. Der Preis für den Glauben schien mir sehr hoch zu sein, ja zu hoch. Als ich aufwachte, war ich sehr froh, dass dies nur ein Traum war. Ich hoffte, dass dieser Traum sich nie mehr wiederholt und für mich nie Wirklichkeit wird. Er ging mir einige Tage nach. Ich konnte ansatzweise nachspüren, was Menschen erleben, die um des Evangeliums willen verfolgt werden. Ich habe begriffen, dass es in der Situation der extremen Christenverfolgung sehr heroisch ist, im treuen Zeugnis der Liebe Gottes zu allen Menschen beharrlich zu bleiben. Deshalb brauchen verfolgte Christen unser Gebet und unsere Hilfe.

Anmerkungen
*) Näheres zu CSI siehe: http://www.csi.or.at/?inh=5.
**) Joseph Kardinal Zen Ze-kuin, S.D.B, Meditationen zum Kreuzweg im Kolosseum am Karfreitag 2008.

Jolanta Golkowska SSpS in die Anregung 2/ 2010