Gebetsanliegen des Hl. Vaters im März 2011

März 2011

Für die Menschen in den Ländern Lateinamerikas, dass sie in Gerechtigkeit und Frieden leben können und in der Treue zum Evangelium wachsen.

P. Dr. Karl Neumann SVD

In Brasilien herrscht Fußballfieber. Das Land, das sich so für Fußball begeistert, soll Austragungsort der nächsten Fußball-WM im Jahre 2014 werden. Doch in die Vorfreude mischen sich bittere Wermutstropfen: die Stadt Rio de Janeiro will die Favelas (die Barackenviertel der Armen), die die Stadt wie ein Kranz umgeben, sanieren lassen, damit die Touristen bei der Weltmeisterschaft einen guten Eindruck von der Stadt erhalten. Doch im Klartext heißt das: die Armen müssen ihre Heimat verlassen, sie werden umgesiedelt, zwangsweise, in Wohnungen, die sie kaum bezahlen können.

Diese kleine Begebenheit wirft ein Schlaglicht auf die Situation nicht nur Brasiliens, sondern ganz Lateinamerikas. Auf der einen Seite die Fröhlichkeit seiner Menschen, auf der anderen Seite aber heftige soziale Gegensätze und Ungerechtigkeit.

Die Hälfte aller Katholiken lebt in Lateinamerika

Lateinamerika ist ein katholischer Subkontinent. Mehr als drei Viertel seiner Bewohner sind katholisch, das ist mehr als in irgendeinem anderen Kontinent. Ja, hier lebt allein die Hälfte aller Katholiken, die es weltweit gibt (nämlich 556 Millionen von 1,1 Milliarden). Lateinamerikas Menschen sind von einer tiefen, spontanen Religiosität, die ihnen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Es ist eine Volksfrömmigkeit, die Prozessionen und Wallfahrten liebt, die mit den Heiligen eng verbunden ist und sich durch Marienverehrung auszeichnet. Hierbei ist die spanisch-portugiesische Frömmigkeit der einstigen Kolonialherren mit der alten Religion der Indios und z. T. auch der afro-amerikanischen Bevölkerung eine enge Verbindung eingegangen. 

Ein frischer Wind wehte durch die Kirche Lateinamerikas im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Diktaturen, die in zahlreichen Ländern dieses Subkontinents geherrscht hatten, waren oft eng mit der Kirche verbunden und von ihr gestützt worden. U.a. durch das Konzil wach geworden, besann sich die Kirche, dass der Kampf gegen Ungerechtigkeit und das Eintreten für die Armen und Unterdrückten zu ihren wichtigsten Aufgaben gehört. Auf der Vollversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) in Medellín 1968 wählte sie die Option für die Armen. Zahlreiche Laien, Priester und Bischöfe wären hier zu nennen, die im Eintreten für die Armen und im Kampf gegen Unterdrückung ihr Leben eingesetzt haben. Stellvertretend für alle anderen nenne ich nur Bischof Oscar Romero, der für sein furchtloses Offenlegen der Verbrechen an den Wehrlosen am Altar erschossen wurde, und Bischof Erwin Kräutler, Bischof des Amazonasgebietes in Brasilien. Er erhielt im vergangenen Jahr den alternativen Nobelpreis, weil er sich für die Rechte der indianischen Ureinwohner und für die Erhaltung ihres Lebensraums einsetzte, der durch einen riesigen Staudamm zerstört werden soll. Bischof Kräutler wird für sein furchtloses Eintreten mit dem Tode bedroht. Einmal wurde bereits ein Anschlag auf ihn verübt, bei dem einer seiner Begleiter starb. Seitdem steht er unter ständigem Polizeischutz.

Die Theologie der Befreiung

Aus der Reflexion dieses Kampfes für Befreiung von ungerechten Strukturen entstand die Theologie der Befreiung. In ihr spielt die Exoduserzählung eine große Rolle: also ein Auszug des Volkes aus der Unterdrückung. Sie wird mit dem gegenwärtigen Leben und den gegenwärtigen politischen Strukturen in Verbindung gebracht. Basisgemeinden: kleine, überschaubare Gemeinden, in denen die Armen das Evangelium lasen und es im Licht ihres eigenen Lebens interpretierten, waren die idealen Träger der Befreiungstheologie.
Von der Glaubenskongregation in Rom aus waren kritische Worte über die Befreiungstheologie zu hören. Sie richteten sich aber nicht grundsätzlich gegen diese Theologie, sondern u.a. gegen die marxistische Gesellschaftsanalyse, die manche Befreiungstheologen anwandten.

Die Faszination des Marxismus ist gründlich geschwunden. Ebenso auch die Faszination der Befreiungstheologie. Nicht geschwunden ist der Einsatz für die Armen und Benachteiligten, der Kampf gegen Militärdiktaturen und internationale Konzerne, die um des Profits willen die Umwelt zerstören und der indigenen Bevölkerung ihren Lebensraum rauben (siehe das Beispiel Bischof Kräutlers).

Der Erfolg der „Sekten“

Heute geht die größte Gefahr für die katholische Kirche von den evangelikalen Gruppen und Sekten aus. Sie finden großen Zuspruch gerade auch in den unteren Schichten der Bevölkerung, und machen der Kirche immer mehr Mitglieder abspenstig.

Wie kommt ein solcher Einbruch?

Man kann es sich leicht machen und auf die Finanzen verweisen, die diese Gruppen aus den USA erhalten. Doch ich glaube, sie sind auch eine Anfrage an die katholische Kirche. Bieten wir den Gläubigen die Heimat in kleinen Gruppen, die sie oft in den Sekten finden? Sind unsere Gottesdienste lebendig und aktuell genug, dass sie z. B. mit den emotionalen Gottesdiensten der Pfingstkirchen „konkurrieren“ können? Und last not least: haben wir nicht unsere spirituelle Tiefe verloren, die am Ende doch unser kostbarstes Erbstück ist?
Die Gebetsmeinung spricht von „Gerechtigkeit und Frieden“ und von der „Treue zum Evangelium“. Damit hat sie die beiden wichtigsten Probleme Lateinamerikas genannt. Beten wir darum!