Allgemeine Gebetsmeinung Mai 2011

Mai 2011

Wir beten für alle Medienschaffenden: Gott, unser Vater, erinnere sie immer wieder daran, die Wahrheit zu respektieren und für die Würde eines jeden Menschen einzutreten.

P. Lothar Janek SVD

Die Wahrheit in der Medienarbeit respektieren, das ist eine große und wichtige Aufgabe. Wir wissen, wie mit Falschmeldungen Politik gemacht wird, Kriege geführt werden. Also sich an die Wahrheit halten. Aber da stellt sich die Pilatusfrage: Was ist Wahrheit? Ist es überhaupt möglich, etwa in Nachrichtensendungen nur „die Wahrheit“ zu verbreiten? Fließt nicht immer ein subjektives Element mit ein, das die Wahrheit verfälschen oder auch retten kann?

Das beginnt schon bei der Auswahl der Nachrichten, die aus der Nachrichtenflut ausgewählt oder übergangen oder gar unterdrückt werden. Wenn ich von einer Partei vor allem die positiven Nachrichten und von einer anderen bevorzugt die negativen bringe, mag jede einzelne Nachricht der Wahrheit entsprechen, aber zusammen ergeben die Nachrichten ein falsches Bild.

Ob ich einen Politiker etwas sagen oder versichern oder behaupten lasse, gibt seinen Worten einen unterschiedlichen Klang, und dieser Klang kann die Nachricht der Wahrheit näher bringen oder sie von der Wahrheit weg führen. So kann man auch Politik machen.

Respektiere ich schon die Wahrheit, wenn ich nur berichte, was geschehen ist oder wer was gesagt hat? Wie sieht es aus, wenn ein Politiker etwas sagt, wenn aber sicher ist oder berechtigterweise vermutet werden kann, dass er die Menschen auf eine falsche Fährte führen will? Halte ich mich da an die Wahrheit, wenn ich nur berichte, was er gesagt hat? Andererseits erleben wir ständig, dass Politiker einer Partei tun, als könnten sie in die Köpfe der Politiker einer anderen Partei hineinschauen und wissen, dass diese mit ihren Aussagen ihre eigentlichen Absichten verschleiern und bewusst lügen. Was ist in einem solchen Falle wahrheitsgetreue Berichterstattung, was offene oder versteckte politische Stellungnahme? 

Es geht nicht nur um Nachrichtensendungen. Auch Unterhaltungssendungen transportieren Nachrichten. Wenn beispielsweise in den Unterhaltungsserien immer wieder Ehescheidung als Selbstverständlichkeit dargestellt wird, mag das einem gesellschaftlichen Trend entsprechen (und ihn auch verstärken), aber Wichtiges wird verschwiegen: Wie viel Leid normalerweise eine Ehescheidung zumindest einem Ehepartner und den Kindern bringt. Indem das verschwiegen und getan wird, als fände nur ein selbstverständlicher Partnerwechsel statt und dann gehe das Leben weiter wie zuvor, wird auch die Wahrheit verstümmelt. Wenn dieses Leid dann dazu führt, dass ein Vater seine Kinder tötet oder eine Mutter ihre Kinder, die beim Vater leben, entführt, wird es eingeordnet unter „Verbrechen“, nicht unter „Folgen einer Ehescheidung“. Bleibt da die Wahrheit nicht auf der Strecke?

Noch grundsätzlicher kann man fragen: Können wir „die“ Wahrheit überhaupt erkennen? Erkennt nicht jeder die Wahrheit von seinem persönlichen Standpunkt aus und hat entsprechend sein Bild von der Wahrheit, wie ein Berg von unterschiedlichen Standorten aus ein ganz unterschiedliches Bild bietet? Wir können uns nur bemühen, die Wahrheit möglichst objektiv zu sehen, und darum sollten sich die Medienschaffenden auch mühen.

Dass Medienschaffende für die Würde jedes Menschen eintreten mögen, ist die zweite Bitte. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es in Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes. Grundgelegt ist die Würde des Menschen darin, dass er nach der Bibel Abbild Gottes und von Gott unendlich geliebt ist, so sehr, dass der Sohn Gottes selbst Mensch und damit Bruder eines jeden Menschen geworden ist. Diese Würde kann durch nichts und niemand zerstört werden, auch nicht durch ein Verbrechen, das der Mensch begeht. Die Würde jedes Menschen ist zu achten, und dafür sollten die Medienschaffenden eintreten, ganz gleich, ob es sich um eine Schauspielerin oder einen Politiker handelt, um einen Sportler oder einen Wirtschaftsboss, um eine Prostituierte oder einen Obdachlosen.
Doch gerade Medienschaffende missachten oft die Würde eines Menschen. Paparazzi und Reporter suchen in die privatesten Räume von „Prominenten“ oder von leidenden Menschen einzudringen, weil angeblich die Öffentlichkeit ein Recht habe, alles zu wissen. Tatsächlich geht es nur darum, mit der unersättlichen Neugier leider nicht weniger Menschen ein Geschäft zu machen. Die Würde des Menschen ist zu achten.
Immer.