Wie wörtlich muss man die Bibel nehmen?

Ratgeber-Glauben

Schöpfung oder Evolution? Was ist von dieser Auseinandersetzung zu halten? Bestreitet die Evolutionstheorie den Schöpfungsglauben?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes September 2006

Die Evolutionstheorie (evolutio, lat. = Entwicklung) behauptet, dass sich das menschliche Leben in einem Millionen Jahre langen Prozess langsam aus dem Tierreich entwickelt hat. Sie ist heute eine in der Naturwissenschaft allgemein anerkannte Theorie zur Erklärung, woher menschliches Leben kommt. Lange Zeit meinte man von kirchlicher Seite, diese Theorie mit dem Hinweis auf die Schöpfungsberichte der Bibel bestreiten zu müssen. Dabei wurde aber nicht genügend die Eigenart der biblischen Texte berücksichtigt, die eben nicht wie die Naturwissenschaften Erklärungen des natürlichen Vorgangs der Lebensentstehung liefern wollten, sondern die in einer bestimmten Situation den Menschen Mut und Vertrauen geben wollten, dass alles, was existiert, letztlich von Gott kommt und in Gottes Hand ist. Die Verfasser hatten kein Interesse an einer „Beschreibung des Anfanges“, was auch immer man sich darunter vorstellen mochte und mag; sie wollten nicht „erklären“, sondern zum glaubenden Lobpreis führen. 

Die Naturwissenschaft will den Prozess des Entstehens erklären, der Glaube versucht eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Ganzen zu geben, nach dem, was oder wer dahinter steht. Das sind völlig verschiedene Sichtweisen und Ausgangspunkte. Die Vermischung beider Gebiete hat dem Glauben in der Vergangenheit sehr geschadet und schadet ihm heute noch. Die Fragestellungen, die wir mit „Beschreibungsfragen“ an die Bibel herantragen, hatten die Schreiber der Bibel nicht: Sie wollten nichts über das „Wie“ der Entstehung der Erde sagen, sondern in einem Gedicht die Herrlichkeit und die Schöpfermacht Gottes besingen.

Mit einem „wörtlichen“ Bibelverständnis müsste man auch behaupten, dass die Sonne sich um die Erde dreht, denn in der Bibel steht: „... dann sagte Josua in Gegenwart der Israeliten: Sonne, bleib stehen über Gibeon und, Mond, über dem Tal von Ajalon! – Und die Sonne blieb stehen“ (Jos 10,12f.). Dieses Bibelzitat wurde als wesentliches Argument gegen Galileis These, dass die Erde sich um die Sonne dreht, angesehen. Papst Johannes Paul II. hat Galilei (leider sehr spät) rehabilitiert. Die Aussageabsicht des Textes war auch hier keine naturwissenschaftlich beschreibende, sondern eine theologisch interpretierende: glaubend zu bekennen, dass eine lebensbedrohliche Situation durch Gottes Eingreifen gewendet wurde, und zugleich das Vertrauen zu stärken, dass Gott dies auch in der Gegenwart und in Zukunft tun werde. Das haben die Menschen damals in ihrem Weltbild ausgedrückt, in dem sich die Sonne um die Erde drehte.

Darum ist es immer wieder die Aufgabe der Bibelwissenschaftler und jedes Gläubigen, der verantwortlich mit der Bibel umgeht, diese zeitbedingte Aussage von der Wahrheit des Glaubens zu unterscheiden. Ein simples „Aber in der Bibel steht doch ...“ genügt dabei nicht.

In stadtgottes Dezember 2006, Seite